Berlin - Welches Kind kennt nicht Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“? Darin lässt sich der Kaiser von besonders findigen Geschäftsleuten angeblich besonders schöne, exquisite Gewänder weben.

Ihm wird erzählt, diese Kleider könne nur sehen, wer seines Amtes würdig und ein kluger Kopf sei. In Wirklichkeit existiert dieses ach so großartige Gewand, von dem die Geschäftsleute ihm erzählen, aber gar nicht. Der Kaiser ist splitternackt.

Ein Parteivorsitzender ohne Ministeramt wäre machtlos

In der SPD gibt es zurzeit Menschen, die Martin Schulz gern weismachen würden, es sei eine gute Sache, wenn er einfach nur Parteivorsitzender bliebe – aber nicht als Minister in das Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (SPD) ginge. Mal abgesehen davon, dass eine Zustimmung der SPD-Mitglieder zu einem Koalitionsvertrag zu diesem Zeitpunkt tatsächlich alles andere als sicher ist, gilt auch: Martin Schulz wäre als Parteivorsitzender ohne Ministeramt ein Kaiser ohne Land und Truppen. Er wäre tatsächlich nackt.

Wenn die SPD als kleinerer Partner mit der Union in eine Koalition geht, dann wird über das Ministerium des Vize-Kanzlers die Arbeit der SPD-geführten Ministerien untereinander koordiniert. Das nächste Machtzentrum in Regierungszeiten ist die Fraktion. Hier will Andrea Nahles auf jeden Fall Chefin bleiben. Ein SPD-Chef ohne Ministeramt wäre in der Gefahr, nichts durchsetzen zu können.

Martin Schulz – im März mit 100 Prozent und im Dezember immerhin noch mit knapp 82 Prozent zum SPD-Vorsitzenden gewählt – wäre in einer Lage, in der einst Kurt Beck als SPD-Vorsitzender war. Nur dass Beck, anders als Schulz, immerhin Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz war. Gereicht hat das als Hausmacht aber auch nicht, um als Parteichef im rauen Berliner Betrieb zu bestehen.

Schulz schloss ein Ministeramt unter Merkel aus

Es ist unvergessen, wie Beck von der Klausurtagung der SPD am Schwielowsee bei Potsdam im Jahr 2008 davonschlich. Gedemütigt, gescheitert. Dennoch gibt es das Gedankenspiel vom Parteichef ohne Ministeramt in der SPD tatsächlich. Intern geäußert worden ist diese Idee mehrfach in Schulz‘ eigenem mächtigen Landesverband, in Nordrhein-Westfalen. Und Wolfgang Tiefensee, designierter Chef des SPD-Landesverbandes in Thüringen, hat Schulz in der Tageszeitung „Die Welt“ aufgefordert, auf ein Ministeramt zu verzichten. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit, wie Tiefensee sagte.

Worum geht es? Martin Schulz ließ sich mit der Antwort lange Zeit, als er nach der verlorenen Wahl von einem Journalisten gefragt wurde, ob er ausschließe, in ein von Merkel oder von der CDU/CSU geführtes Kabinett einzutreten. „In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nicht eintreten“, sagte er schließlich. Und er ließ sich damit die Hintertür offen, in ein Unions-geführtes Kabinett ohne Merkel einzutreten. Nur dass diese Hintertür, wie sich jetzt zeigt, zu klein war.

Würde Schulz, der ja noch am Tag nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen eine erneute große Koalition ausschloss und dann umschwenkte, mit dem Gang in ein Kabinett Merkel also endgültig unglaubwürdig? So argumentieren die einen.

Schulz könnte sich als Vorsitzender um Erneuerung kümmern

Es gibt aber auch andere in der SPD, die sagen, die SPD habe ihre Haltung zur großen Koalition überdenken müssen, weil sich die Faktenlage geändert habe. Wenn das für das Bündnis an sich gelte, dann könne auch der Parteichef seine persönlichen Pläne ändern. Wer A sagt, könne und müsse sogar auch B sagen.

Die Mahnung, es gehe um Glaubwürdigkeit, bezieht sich nicht nur auf die Kommunikation mit den Wählern, sondern auch auf die innerhalb der Partei. Gerade in Landesverbänden, in denen sich die Parteimitglieder besonders schwer mit einer neuen großen Koalition tun, ist zu hören, es gehe darum, den Mitgliedern vor dem Votum über den Koalitionsvertrag eines klar zu machen: Es gibt einen Parteivorsitzenden, der sich voll und ganz um die Erneuerung der SPD kümmern kann.

„Mir ist wichtig, dass die Partei stark und möglichst autonom ist. Das gilt sicherlich auch für den Vorsitzenden oder wäre sehr gut jedenfalls für ihn“, sagte zudem der Bremer Regierungschef Carsten Sieling.

Schulz' Zukunft parteiintern umstritten

Es lässt sich aber genauso gut andersherum argumentieren: Wie könnte denn ein Vorsitzender die Erneuerung der Partei vorantreiben oder auch ihr inhaltliches Profil schärfen, wenn er faktisch kaum noch Macht hätte? Wenn er im schlimmsten Fall nur noch ein Grüßaugust wäre, während ein anderer den Posten des Vize-Kanzlers innehat und sich in allen wichtigen Fragen auf dem kurzen Dienstweg zuerst mit der Fraktionschefin abstimmt?

Da liegt zumindest der Verdacht nahe, dass mancher, der Schulz zum Verzicht auf das Ministeramt rät, gar nicht möchte, dass dieser als Parteichef noch eine allzu lange und erfolgreiche Zukunft hat. Schulz‘ Fähigkeiten, die Partei konzeptionell neu aufzustellen, sind intern umstritten. Das Hin und Her um die große Koalition hat ihn Autorität gekostet. Und viele haben sich auch geärgert, dass er es nach den Sondierungen CSU-Chef Horst Seehofer überließ, die SPD-Erfolge zu verkaufen.

Wer es in diesen kalten Tagen gut mit Schulz meint, wird ihm also eher raten: Zieh dich warm an. Unsichtbare Kleider reichen nicht aus.