Berlin - Martin Schulz ist der Kanzlerkandidat für die SPD. Der 61-Jährige aus Eschweiler in Nordrhein-Westfalen reiste in den letzten Wochen und Monaten quer durch die Bundesrepublik, um die Wähler von sich und seinem Konzept zu überzeugen.

Unsere Autoren Tobias Peter und Steven Geyer haben mit dem SPD-Chef über seine Ziele im Wahlkampf, US-Präsident Donald Trump und den bevorstehenden Zweikampf mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen.

Herr Schulz, lassen Sie uns über eine große Liebe von Ihnen sprechen – den Fußball. In Ihrer Jugend wollten Sie sogar Profi werden. Wenn Sie heute den Wahlkampf mit einem Fußballspiel vergleichen: Welche Position spielen Sie, welche Frau Merkel?

Ich war ein ziemlich erfolgreicher linker Verteidiger. Merkel ist meine Gegenspielerin. Sie wäre dann – um in ihrer Fußballlogik zu bleiben – Rechtsaußen.

Wir dachten, Sie wollten angreifen.

Ja, aber ich verteidige die Grundwerte unseres Landes und die Prinzipien der deutschen Sozialdemokratie. Als Fußballer war ich ein Abwehrspieler – aber mit starken Drang zum Tor. Im modernen Fußball gilt ja: Alle Spieler müssen sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung präsent sein – das passt auch gut zu meiner aktuellen Jobbeschreibung.

Die meisten verorten die Kanzlerin in der politischen Mitte und nicht als Rechtsaußen.

Jeder glaubt, Angela Merkel zu kennen, aber niemand weiß, wofür sie steht. Über die Aufstellung der Union entscheidet am Ende nicht Angela Merkel, sondern Horst Seehofer. Wer Merkel wählt, bekommt die CSU. Merkel versucht immer einen sehr mittigen Eindruck zu machen, aber am Ende steht sie für eine sehr konservative Politik.

Woran machen Sie das fest?

Denken Sie an Merkels Manöver bei der Ehe für alle. Sie hat im Bundestag gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben gestimmt. Dass sie vorher in einer verschwurbelten Form das Ganze zur Gewissensfrage erklärt hat, lag allein daran, dass sie das Thema aus taktischen Gründen hektisch abräumen wollte. Denn alle potenziellen Koalitionspartner hatten die Ehe für alle zur Bedingung für eine Koalition gemacht.

Wie wollen Sie es schaffen, einen Gegner in die direkte Auseinandersetzung zu zwingen, der im Spiel klar führt und dann nur noch hinten mauert?

Das entscheidende Match – um in ihrem Bild zu bleiben – findet am 24. September statt. In der jetzigen Phase betreibt die Union ein doppeltes Spiel. Auf der einen Seite versucht ihre Spielführerin tatsächlich, sich allem zu entziehen. Gleichzeitig schickt sie die Holzer aus ihrer Partei auf den Platz, die anderen kräftig in die Knochen treten. Die beschimpfen dann den politischen Mitbewerber. Die fordern, Sozialausgaben zu kürzen, um die Aufrüstung der Bundeswehr zu finanzieren. Oder die Rente mit 70. Und Frau Merkel tut so, als habe sie nie etwas damit zu tun.

Und wie kommen Sie jetzt in die Offensive?

Die Taktik der Union ist, hinten dicht zu machen, ohne selbst offensiv etwas Konstruktives zu leisten. Die Erfahrung aus dem Fußball zeigt: Das reicht oft nur für 80 Minuten. Es ist ermüdend, auf einen dynamischen Gegner immer wieder reagieren zu müssen. Das führt zum Torerfolg für die offensive Mannschaft in den letzten zehn Minuten.

Das gilt in Pokalspielen genauso wie in Wahljahren. Das eigentliche Problem ist aber ein ganz anderes: Wer nicht anpacken will, verspielt die Zukunft unseres Landes. Das unterscheidet mich von Frau Merkel: Ich will die Zukunft gestalten, statt nur den Status quo zu verwalten

Sie sind in den vergangenen Monaten viel durch Deutschland gereist. Wie überzeugen Sie jemanden von sich, der aus Enttäuschung über die etablierten Parteien diesmal AfD wählen will?

Ich versuche ihm klar zu machen, dass die AfD nicht seine Interessen vertritt. Die AfD tut ja nur so, als sei sie die Partei des kleinen Mannes. In Wirklichkeit ist sie die Partei des Vorurteils. Und ich erkläre, dass man nicht Rechtsextreme wählen muss, wenn man einen kritischen Blick aufs politische Geschehen in unserem Land hat. Mein Eindruck: Viele sind enttäuscht, weil sie sich von „den Politikern“ nicht respektiert fühlen. Respekt ist ein Schlüsselwort. Was ich dem Betreffenden mit auf den Weg geben kann, ist Folgendes: „Glaub mir, ich habe in meinem Leben Höhen und Tiefen genauso erlebt wie Du. Deshalb habe ich ein Gefühl dafür, wie es ist, verzweifelt zu sein. Bitte wirf deine Stimme nicht weg! Gib sie jemandem, der die Chance hat, das Land zu gestalten, und der das auch will.“