Blick auf Arnsdorf, Sachsen.
Foto: Imago/Florian Gaertner

BerlinMartina Angermann muss nicht mehr zurück nach Arnsdorf, in den Ort, aus dem sie herausgemobbt wurde. Die SPD-Bürgermeisterin der 5 000-Einwohner-Gemeinde ist dauerhaft dienstunfähig geschrieben. Sie hat beantragt, in den einstweiligen Ruhestand versetzt zu werden. Arnsdorf braucht nun einen neuen Ortschef.

Einer, der nun vermutlich kandidieren wird, hatte auf der Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend die Abwahl Angermanns beantragen wollen: Detlef Oelsner von der AfD. Bei der letzten Wahl trat er noch als CDU-Kandidat gegen Angermann an. Oelsner war es auch, der 2016 mit drei anderen Männern den Ort nahe Dresden bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Da fesselten sie einen psychisch kranken Iraker mit Kabelbindern an einen Baum. Der Mann soll vorher in einem „Netto“-Supermarkt randaliert haben.

Martina Angermann, SPD-Bürgermeisterin von Arnsdorf.
Foto: Privat

Seit 2008 ist Martina Angermann Bürgermeisterin, 2015 wurde sie mit drei Viertel der Stimmen wiedergewählt. Dann aber kam ein Jahr später der „Netto-Vorfall“. „Das war keine Zivilcourage, das sah aus wie Selbstjustiz“, sagte Angermann den anreisenden Reportern. Der Prozess gegen die Männer wird eingestellt. Der Iraker wird kurz vor Prozessbeginn tot im Wald aufgefunden, vermutlich war er erfroren.

Angermann hat keine Konflikte gescheut

Angermann wird zur Zielscheibe der Rechten, im Netz und auf der Straße. Im Februar bricht sie zusammen, Diagnose Burnout. In einem Interview mit der Tageszeitung taz sagte sie: „Am Anfang habe ich nur geheult und geschlafen. Ich habe dann eine Psychologin besucht, die meinte, ich habe ein Trauma. Es ist über die Monate langsam besser geworden, es hat einfach lange gedauert.“

Ihre Unterstützer sagen, Angermann war eine sehr rührige Bürgermeisterin, die außergewöhnlich viel für den Ort herausgeholt hat. Die immer für Arnsdorf da war, aber die auch keine Konflikte gescheut hat. Die Konflikte gab es vor allem mit dem Lager um die AfD-Fraktion, die mit fünf Vertretern im Gemeinderat sitzt. Fünf weitere sind von der CDU, wirklich unterstützt wurde Angermann von den sechs Vertretern des Bürgerforums. Zwei weitere Gemeinderäte der Fraktion „Buntes Arnsdorf“ sind nach Anfeindungen aus dem Ort weggezogen, ihre Sitze blieben leer.

„Es gab ein paar einzelne Leute aus dem Ort, die aufrecht waren“, sagt Angermann im taz-Interview. „Aber viele hatten auch Angst. Ich habe darunter gelitten, dass die Mitte der Gesellschaft geschwiegen hat. Es gab Momente, wo ich mir dachte: Jetzt stehst du ganz alleine da.“ Zwei der Beteiligten des „Netto-Vorfalls“ haben jetzt wegen mehrerer Interviews Strafanzeige wegen Verleumdung gegen Angermann gestellt, bestätigt der Dresdner Anwalt Frank Hannig. Sie bleibt dabei: Die Rechten würden organisiert den Ort übernehmen wollen.

Jetzt, wo es zu spät ist, gehen die Solidaritätsadressen im Dutzend bei ihr ein. SPD-Vorsitzkandidatin Saskia Esken greift den Fall auf Twitter auf, Angermanns neuer SPD-Ortsverband steht ihr bei, SPD-Landesgeneralsekretär Henning Homann sagte man dürfe „nicht zulassen, dass rechte Kampagnen unsere demokratischen Werte und den Zusammenhalt in Frage stellen“. Wäre es anders ausgegangen, wenn sie vorher diesen Rückhalt gehabt hätte? „Ich weiß es nicht“, sagt Angermann. Am Telefon zeigt sie sich erleichtert, dass das Kapitel nun abgeschlossen ist. „Für die Gemeinde ist es besser. Es geht mir zwar schon viel besser als im Februar, aber ich bin nicht belastbar. Vielleicht werde ich das nie wieder sein.“

Martin Dulig (SPD): „Politiker sind kein Freiwild“

„Martina Angermann ist eine starke Frau“, sagt Sachsens SPD-Chef Martin Dulig der Berliner Zeitung (RND). Auch er gehört zu denjenigen, die ihr jetzt den Rücken stärken. „Sie hat Haltung gezeigt und wurde in einer Weise angegriffen, die mit menschlichen Formen der politischen Auseinandersetzung längst nicht mehr zu tun hat. Diese Frau soll von ihren politischen Gegnern vernichtet werden.“

Auch Dulig kennt die Angriffe aus dem Hinterhalt. Im Sommer schickten Unbekannte den Softair-Nachbau eines Heckler&Koch-Sturmgewehrs an seine Privatadresse, als eindeutigen Hinweis. „Politiker sind kein Freiwild“, sagt er jetzt zu Angermanns Fall. „Gerade unsere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister müssen besser geschützt werden. Sie brauchen die Wertschätzung und grundsätzliche Unterstützung der Menschen in ihren Gemeinden genauso wie der Schutz des Rechtsstaates. “