Masern-Impfung (Symbolbild)
Foto: dpa/Ralf Hirschberger

BerlinEs ist eine Debatte, die wie aus der Zeit gefallen wirkt: Ein Virus, der zumindest in Deutschland längst ausgerottet sein sollte, steht im Zentrum des Streits, bei dem es um einen zentralen Stützpfeiler der modernen Medizin geht: Impfungen trugen im Laufe des 19. Jahrhunderts erheblich dazu bei, Infektionskrankheiten zurückzudrängen und die Kindersterblichkeit zu verringern. So weit, so bekannt. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, stehen wir da und wundern uns über Meldungen von Masern-Ausbrüchen an Schulen und Kitas und europaweit steigende Infektionszahlen.

Seit 2015 sollte Deutschland masernfrei sein, dieses Ziel war mit der Weltgesundheitsorganisation vereinbart. Es kam anders, 2018 wurden in Deutschland 544 Masernfälle registriert, 2019 waren es bis Oktober 501. Dass man sein Kind impfen lässt, ist also eine Frage der   Vernunft, aber darauf ist eben nicht immer Verlass. Deswegen erscheint die gesetzliche Impfpflicht, die seit dem 1. März gilt, theoretisch zunächst sinnvoll. Praktisch dagegen sind eine ganze Reihe Probleme damit verknüpft, und die könnten das neue Gesetz wirkungslos machen: Dazu gehört, dass nun Schulen und Kitas die Verantwortung zufällt, Nachweise über Masernimpfungen einzufordern und zu kontrollieren.

Das bedeutet, dass auf Schulen und Kitas eine Menge bürokratischer Aufwand zukommt, und jeder, der den Alltag dort kennt, weiß, dass die Arbeitsbelastung und der Stress dort sowieso schon oft auf Kosten der Erzieherinnen und Erzieher gehen – für Organisatorisches, Vorbereitung, Nachbereitung fehlt in vielen Einrichtungen die Zeit. Und jetzt bringt das neue Gesetz nicht nur zusätzliche Aufgaben, sondern auch neue Unsicherheiten: Denn was, wenn es die pädagogischen Kräfte mit renitenten Impfgegnern zu tun kriegen? Wie sollen sie reagieren, wenn Eltern sich strikt weigern, nicht reagieren – oder die Impfpässe nicht finden? Die Aufnahme neuer Kinder, für die kein Nachweis vorliegt, kann abgelehnt werden. Aber was ist mit denen, die bereits in die Kita gehen? Sollen die künftig an der Schwelle abgewiesen werden? Bei den Schulen ist dies noch unklarer, weil hier die Schulpflicht mit der Impfpflicht kollidiert und Kinder nicht einfach ausgeschlossen werden können.

Kitas werden zum Kontrollorgan der Seuchenabwehr gemacht

Wie sich solche Konflikte lösen lassen, dazu steht nichts in dem Gesetz, und wer sich anschaut, wie vehement der Streit um die Impfungen ausgetragen wird, bekommt eine Ahnung davon, wie die Beschäftigten an Schulen und Kitas zwischen die ideologischen Frontlinien geraten könnten. Im Internet verbreiten sich Mythen und Verschwörungstheorien schneller als so mancher Erreger – oft gibt es dazu gleich praktische Tipps: Wer das Stichwort „Impfpflicht“ googelt, kriegt über die automatische Vervollständigung gleich als Erstes das Verb „umgehen“ dazu: Auf Websites wird dazu geraten, Impfstammtische zu gründen, Proteste über Facebook zu verbreiten und ein Attest einzuholen, um den „Impfzwang“ auszuhebeln, etwa, indem man die Risiken auf den Beipackzetteln studiert und dann beim Arzt Allergien oder Unverträglichkeiten angibt.

Mit der menschlichen Vernunft ist es, wie gesagt, so eine Sache. Dass Kitas zum Kontrollorgan der Seuchenabwehr gemacht werden, ist unfair und schlecht durchdacht, weil es das Vertrauen zwischen Eltern und Erziehern gefährdet. Wie also kann es gehen? Letztlich hilft auch hier ein Blick auf die Zahlen: Überzeugte Impfgegner sind laut, aber elten: 2017 konnten 97,1 aller Schulkinder die erste Masernimpfung nachweisen, aber nur knapp 93 Prozent auch die Folgeimpfung. Die Differenz zeigt das Problem, und daraus lässt sich schließen, dass die Immunisierung oft nicht an ideologischen Gründen scheitert, sondern an Nachlässigkeit.

Eine Impfquote von 95 Prozent würde ausreichen, um den sogenannten Herdenschutz zu bewirken – dann wären auch alle Nicht-Geimpften sicher –, und diese ließe sich durch Impfkampagnen und Aufklärung viel besser erzielen als durch Bußgelder und Gesetze. Harte Ideologen werden ohnehin Wege finden, sich dem Gesetz zu entziehen, und Erzieher und Lehrer eignen sich nicht als Erfüllungshelfer für gesetzliche Zwänge.