Sabine Rennefanz.
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinJeden Mittwochmorgen entfliehe ich kurz dem Morgenchaos und spreche einen Kommentar bei einem Berliner Radiosender. Das sind drei, vier Minuten, in denen mich niemand unterbricht, heiße Milch mit Honig fordert, Wasser umkippt, etwas herunterwirft oder herumschreit. Ich stehe im Schlafzimmer, Kopfhörer im Ohr und bin mit dem Schaltraum verbunden. Bevor ich spreche, herrscht ein paar Sekunden Ruhe.

Meine größte Angst besteht darin, dass es mir ergeht, wie der britischen Reporterin während des Lockdowns im Frühjahr, die während der Live-Übertragung von ihren kleinen Kindern unterbrochen wurde. Ihr zweijähriger Sohn fragte in die Live-Schalte: „Mama, kann ich zwei Kekse haben?“ In einem anderen Interview kam dauernd die Tochter und plapperte. Die Briten nahmen das humorvoll. In Deutschland kann man sich das gar nicht vorstellen.

Am vergangenen Mittwoch mussten wir extra pünktlich los, weil die Gruppe des knapp Sechsjährigen einen Ausflug ins Umland plante. Wenn erfolgreiche Managerinnen mit Kindern gefragt werden, wie sie das hinkriegen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dann sage sie, dass das alles nur eine Frage der Organisation sei. Ich bin zwar keine Managerin, aber daran halte ich mich: Organisation ist alles. Ich hatte alle Beteiligten vorher informiert, dass sie angezogen sein müssten, der gepackte Rucksack stand bereit. 

Doch schon während ich am Mittwoch live im Radio sprach, hörte ich aus dem anderen Zimmer Geräusche. Jungsweinen, dann Mädchenweinen. Als ich fertig war, legte ich auf und sah, welches Drama sich ereignet hatte. Das Mädchen hatte den Lego-Roboter kaputt gemacht. Der Junge war untröstlich. „Mein Leben wird nie wieder, wie es einmal war“, schluchzte er. Woher er diese Melodramatik wohl hat? Dazwischen stand mein Mann, der sagt: „Ihr müsst euch aber jetzt beeilen“. Ich guckte auf die Uhr, ich dachte daran, wie die Kitaleiterin uns eingeschärft hatte, pünktlich zu sein. Ich tröstete den Sechsjährigen, und wir radelten los.

Als wir bei der Kita ankamen, stellte ich fest, dass mein Sohn keinen Rucksack bei sich hatte. Wo war der Rucksack? Er schaute mich an, seine Pupillen groß wie Luftballons. Ich schickte das eine Kind in die Gruppe, nahm das andere mit, fuhr zurück, rannte hoch in den vierten Stock, rannte wieder runter, zurück zur Kita. Als wir zurückkehrten, stand der Bus schon da, die Kinder machten sich zum Einsteigen bereit. Mein Sohn war erleichtert, als er mich sah. „Hast du die Brotdose dabei“, fragte die Erzieherin. Huch, welche Brotdose?

Die Kita hat Plastiktüten abgeschafft, die Verpflegung von der Küche soll in selbst mitgebrachten Brotdosen verstaut werden. Das hatte ich vergessen. „Alle anderen haben eine Brotdose dabei“, sagte die Erzieherin. Ich trug eine Maske, sie wurde langsam feucht, weil mir der Schweiß über das Gesicht lief, aber  man sah meine Grimasse nicht. Masken haben viele Vorteile. Wir fanden eine Lösung, leider nicht klimafreundlich. Ich gab das andere Kind ab, ich war spät dran.

Als unsere morgendliche Redaktionskonferenz begann, stand ich mit rotem Kopf auf der Schönhauser Allee und versuchte das Kopfhörer-Kabel zu entwirren. Als ich dran war, sagte ich die Themen an, die erledigt werden mussten. Sie gingen im Lärm der Straßenbahn unter, die gerade vorbeiratterte. Vereinbarkeit? Alles eine Frage der Organisation!