In Frankreich soll künftig eine Maskenpflicht in Unternehmen gelten. Nun wird eine entsprechende Pflicht auch in Deutschland diskutiert. 
Foto: dpa/Michel Euler

BerlinDie Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland steigt, und mit ihr die Sorge vor massenhaften Ansteckungen. Weitreichende Schließungen von Schulen und Betrieben wollen alle vermeiden – also gilt es, Lösungen zu finden, um das Ansteckungsrisiko im Arbeitsalltag zu minimieren.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat deshalb vorgeschlagen, eine generelle Maskenpflicht am Arbeitsplatz zu erwägen. „Das könnte auf jeden Fall ein Schritt sein, der auch bundesweit verpflichtend wird, jedenfalls wenn damit die Schließung ganzer Branchen verhindert werden könnte,“ sagte Kramp-Karrenbauer der Zeitung Die Welt.

Doch wäre eine bundesweite Maskenpflicht überhaupt umsetzbar?

Vor wenigen Tagen erst hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) die Sars-CoV-2-Arbeitsschutzregeln veröffentlicht. „Demnach haben – dem TOP-Prinzip folgend – technische Maßnahmen Vorrang vor organisatorischen Maßnahmen und diese wiederum Vorrang vor personenbezogenen Maßnahmen. Die verschiedenen Maßnahmen sind sachgerecht miteinander zu verknüpfen“, heißt es in dem Papier.

Abstand und Plexiglas vor Maskenpflicht

Das bedeutet: Bevor Beschäftige angehalten werden, Atemschutzmasken zu tragen, muss der Arbeitgeber versuchen sicherzustellen, dass bei der Arbeit Abstände eingehalten werden oder sich um bauliche Anpassung kümmern – etwa um Plexiglasscheiben zwischen Arbeitsbereichen. Zu den organisatorischen Maßnahmen zählen etwa die Einteilung der Beschäftigten in kleinere Teams oder das Arbeiten aus dem Homeoffice.

Erst dann kommen persönliche Maßnahmen wie Mund-Nasen-Bedeckungen oder Schutzmasken in Betracht. Eine entsprechende Pflicht sollte aber erst eingeführt werden, wenn alle anderen Maßnahmen nicht mehr greifen – oder diese ergänzen.

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) stößt der Vorschlag von Kramp-Karrenbauer dementsprechend auf Widerstand. „Es gibt aus Sicht des DGB überhaupt keinen Grund, von den gerade erst veröffentlichen Sars-CoV2-Arbeitsschutzregeln mit dem sogenannten TOP-Prinzip abzuweichen“, sagt Markus Hofmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik beim DGB-Bundesvorstand, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Nicht umsonst haben die Gewerkschaften an dem Konzept mitgearbeitet. Der Vorschlag, dieses Prinzip aufzuweichen, ist der Versuch, teurere bauliche Maßnahmen zu umgehen – schließlich ist es einfacher und billiger, alle Arbeitnehmer mit einer Maske zu versorgen.“

Acht oder mehr Stunden am Tag eine Schutzmaske zu tragen, sei eine erhebliche Belastung, so Hofmann. „Ohnehin sollte so eine Maske nie länger als zwei Stunden am Stück getragen werden. Deswegen sieht der Corona-Arbeitsschutz keine generelle Maskenpflicht vor, sondern verlangt sie nur in bestimmten Situationen.“

Auch das Argument, medizinisches Personal arbeite ja generell mit Maske, eine solche Pflicht sei mithin auch anderen Arbeitnehmern zuzumuten, lässt Hofmann nicht gelten. „Auch Ärzte oder Pflegepersonal arbeiten in der Regel nur dann mit Mund-Nase-Maske, wenn sie sich den Patienten nähern. Auch sie tragen die Maske also nicht permanent.“

Infektionsgeschehen als Entscheidungsgrundlage 

Im Sinne des Arbeitsschutzes müsse man immer zwei Dinge bedenken, sagt Thomas Alexander, Leiter des Fachbereichs Produkte und Arbeitssysteme der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. „Einerseits muss man sich fragen: Wie sieht die Infektionslage und damit die Gefährdung aus und welche Maßnahmen sind zu treffen? Dann gilt es abzuwägen: Welche Maßnahmen sind sinnvoll? Wie gut schützen sie und wie praktikabel sind die Lösungen? Masken sind tatsächlich ja nur eine von vielen Maßnahmen, die man als Arbeitgeber ergreifen kann.“

Welche Maßnahmen zum Erreichen des Schutzziels wann notwendig sind, entscheidet letztlich der Arbeitgeber, der dabei von der Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsärztin unterstützt wird. „Wer ein Unternehmen führt, hat schließlich ein existenzielles Interesse daran, dass seine Mitarbeiter gesund bleiben“, sagt Thomas Alexander. „Außerdem riskiert er sonst im Zweifel einen Lockdown für seinen gesamten Betrieb.“

Abstand nicht immer möglich

Klar ist auch: Nicht jede Vorsichtsmaßnahme ist überall umsetzbar. „In manchen Branchen ist es schlicht nicht möglich, Abstände einzuhalten oder Plexiglasscheiben einzubauen – dann sind eben Schutzmasken erforderlich“, sagt Alexander, dazu zählen etwa die sogenannten kundennahen Dienstleistungen, zu denen etwa das Friseurhandwerk zählt. Wer Haare schneidet, kommt den Kunden nun mal zwangsläufig näher, als es die 1,5-Meter-Abstandsregel erlaubt.

Die Frage, wie lange das Arbeiten mit Schutzmaske aus arbeitsmedizinischer Sicht zumutbar ist, lasse sich pauschal nur schwer beantworten, sagt Thomas Alexander. „Das kommt sehr auf die jeweilige Tätigkeit an.“ Hier gibt es branchenspezifische Anforderungen und Handlungsempfehlungen. Gerade starteten dazu entsprechende Untersuchungen, die die Arbeitsbelastung beim Tragen der unterschiedlichen Schutzmasken erforschen sollen. „Eine Handlungsempfehlung der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung lautet beispielsweise, dass nach zweistündigem Tragen von FFP2-Masken eine halbe Stunde Tätigkeiten ohne Masken durchgeführt werden sollen – je nachdem, wie körperlich anstrengend die Arbeit ist.“

In der Politik stieß Kramp-Karrenbauers Vorschlag überwiegend auf Ablehnung. „Der Vorschlag, bundesweit eine Maskenpflicht am Arbeitsplatz einzuführen, geht an der aktuellen Situation vorbei“, erklärte Beate Müller-Gemmeke, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. „Wir brauchen sachgerechte Maßnahmen, die tatsächlich vor Infektionen schützen.“ Zuallererst gelte es, organisatorische Schutzmaßnahmen, wie etwa die Arbeit im Homeoffice, umzusetzen und technische Möglichkeiten, wie eine bessere Belüftung der Arbeitsräume, zu schaffen. „Hier sind die Arbeitgeber in der Pflicht, mögliche Gefährdungen auszuschließen – und nicht die Beschäftigten per Maskenpflicht.“

Zuvor hatten sich bereits Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gegen eine generelle Maskenpflicht am Arbeitsplatz ausgesprochen.