Kopenhagen - In einem ersten Rapport im November hatten zwei andere Experten den geständigen, aber reuelosen Mörder als paranoid schizophren und psychotisch eingestuft und daher für strafunfähig erklärt. Nun kommen die Psychiater Agnar Aspaas und Terje Tørrissen in ihrem am Dienstag in Oslo vorgelegten Bericht zum gegenteiligen Schluss: weder zum Tatzeitpunkt sei Breivik unzurechnungsfähig gewesen, noch sei er dies jetzt.

Nach scharfer öffentlicher Kritik an dem ersten Rapport der Gutachter Torgeir Husby und Synne Sørheim hatte das Gericht eine neue Untersuchung der Psyche Breiviks angeordnet, obwohl das Fachurteil der rechtsmedizinischen Kommission keinen Widerspruch gegen das Gutachten äußerte. Doch nun verwerfen Aspaas und Tørrissen die These ihrer Kollegen. Was sie zu ihren gegenteiligen Schlüssen brachte, wollen sie erst vor Gericht enthüllen.

Ihr Klient sei weder psychotisch noch psychisch entwicklungsbehindert, habe kein ernstes psychisches Leiden, und auch seine Fähigkeit, seine Umwelt realistisch einzuschätzen, sei nicht sonderlich geschwächt, sind sich die Gutachter einig. Hingegen leide er an einer „dissozialen und narzisstischen Persönlichkeitsstörung“, und es bestehe ein hohes Risiko für erneute Gewalthandlungen durch ihn.

Breivik hatte am 22. Juli des Vorjahres bei einem Bombenanschlag auf das Regierungsgebäude in Oslo acht Menschen getötet und anschließend auf einem sozialdemokratischen Jugendlager auf der Insel Utøya 69 meist jugendliche Opfer kaltblütig erschossen.

Ob ihn das Gericht als straffähig einstuft, steht trotz der klaren Konklusionen des neuen Gutachtens nicht fest. Beide Rapporte liegen den Richtern als Beweisstücke vor, erst die Verhöre und das Auftretens des Angeklagten in dem Prozess werden die Grundlage für ein endgültiges Urteil bilden.

Nur wenn das Gericht ohne jeden Zweifel von der Zurechnungsfähigkeit des Täters überzeugt ist, kann er verurteilt werden, und viele Rechtsexperten vertreten die Ansicht, dass mit dem ersten Rapport bereits genügend Zweifel gesät sind. Allerdings wird dem zweiten Gutachten allgemein größerer Wert zugesprochen, da sich dieses nicht nur auf Gespräche mit dem Angeklagten stützte, sondern auch auf mehrwöchige Rund-um-die-Uhr-Beobachtung durch medizinisches und psychiatrisches Fachpersonal. Das Psychiatrie-Thema werde nun in jedem Fall den Prozess dominieren, sind sich die Experten einig.

Breivik hatte sich stets gegen die Unzurechnungsfähigkeit-Diagnose gewehrt, weshalb seine Verteidiger für dessen Straffähigkeit kämpfen wollen. Sein Klient habe auf das Ergebnis des Rapports zufrieden reagiert, sagte Anwalt Geir Lippestad. Er wolle vor Gericht seine Taten nicht nur verteidigen, sondern bedauern, dass er nicht weiter ging und mehr Menschen tötete. Die Ankläger hatten den ersten Rapport zur Kenntnis genommen und angekündigt, eine Zwangseinweisung des Mörders in die Psychiatrie verlangen zu wollen. Sie hatten sich jedoch vorbehalten, die Strategie an die Gegebenheiten anzupassen.

Daran hält Staatsanwalt Svein Holden fest: erst nach der Beweisführung werde man entscheiden, welche Straffolgen man beantragen wolle. Ist Breivik zurechnungsfähig, wartet die Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis oder eine zeitunbestimmte Verwahrung hinter Gittern auf ihn. Andernfalls wandert er wohl für den Rest seines Lebens in eine psychiatrische Anstalt.