Matthäusarbeit: Als amerikanische Missionare in der DDR

Der bordeauxrote Toyota-Van mit dem Freiburger Kennzeichen wirkt in den Straßen von Karl-Marx-Stadt wie ein Ufo am Abendhimmel. Drinnen sitzt eine sechsköpfige Familie mit kleinen, lärmenden Kindern, einer schmollenden großen Schwester – das bin ich – und angespannten Eltern, die alle im breitesten Amerikanisch durcheinanderreden. Dann gehen die Türen auf. Die Mutter zischt in ihrem akzentuiertem, etwas bemühten Deutsch: „Wir sprechen jetzt nicht Englisch!“ Und die Fremdlinge stolpern auf die Straße.

Wir sind es nicht gewöhnt, miteinander Deutsch zu sprechen, zumindest nicht mit unseren Eltern, und das Denglisch-Kauderwelsch, in dem wir Geschwister uns oft verständigen, ist jetzt genauso verboten. Immer wieder vergessen wir die Regel, auch unsere Eltern. Dann schallt doch ein kaugummigedehntes „Come here!“ oder „Mom!“ durch einen kleinen Konsumladen – aber wir sind sowieso schon längst im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit. Wir waren nie besonders gut in Sachen Konspiration.

Grund für die Einreise: Tourismus

Meine Eltern Trent und Vivian Hyatt sind 1973 aus den USA nach Europa gezogen, um mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter in der DDR ihren Glauben, eine straff evangelikale Auslegung des Protestantismus, zu verbreiten. Gesendet hatte sie der Verein Campus für Christus, im Osten Matthäusarbeit genannt, um den im Matthäus-Evangelium von Jesus ausgesprochenen Missionsbefehl auch hinter dem „Eisernen Vorhang“ zu erfüllen: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Meine Eltern – keine 30 Jahre alt, keine Auslandserfahrung, keine Deutschkenntnisse, mit einem sieben Monate alten Baby im Gepäck (die Verfasserin dieser Zeilen) – machten zuerst eine USA-Reise, um finanzielle Unterstützung für ihre Mission zusammenzutrommeln. Dann ging es los.

Meine Uroma hat noch versucht, mich zu retten. „Ihr könnt doch kein Kind dorthin bringen“, rief sie mit ihrem texanischen Akzent und bettelte darum, mich bei ihr in der Wohnwagensiedlung in einer kalifornischen Wüstenstadt großziehen zu dürfen. Vermutlich geisterten in ihrem Kopf Bilder vom Nachkriegsdeutschland herum. Hätte sie gewusst, dass es zu den Kommunisten hinter die Mauer gehen würde, hätte sie wohl der Schlag getroffen. Meine Eltern weihten anfangs nicht einmal engste Familienmitglieder in ihre Pläne ein.

Als US-amerikanische Staatsbürger haben sie gar nicht erst versucht, eine Aufenthaltsgenehmigung für die DDR zu erlangen. Ein Jahr lebten wir zunächst in England, drei Jahre dann in Österreich. Dort lernten wir Deutsch, ich im Kindergarten, meine Eltern beim Goethe-Institut, von dort aus unternahmen wir erste Reisen in die DDR. 1977 zog meine mittlerweile fünfköpfige Familie nach Freiburg im Breisgau. Mein Vater reiste bis zur Wende mit seinen Missionarskollegen regelmäßig für mehrwöchige Aufenthalte in die DDR, manchmal nahm er auch die Familie mit.

Auf dem Einreiseantrag stand immer: Tourismus. Tatsächlich traf er sich auf diesen Reisen mit Menschen, die so etwas wie einen evangelikalen Untergrund in der DDR ausmachten, und zu denen der Kontakt über westdeutsche Gleichgesinnte, die in ähnlichem Auftrag waren, hergestellt wurde. Die DDR-Bürger, die meine Eltern trafen, hatten eine ähnliche Vorstellung vom Glauben, in ihrem Land mangelte es aber an Netzwerken, offiziellen Organen, Weiterbildungsmöglichkeiten, einschlägiger Literatur. Viele hatten das Gefühl, dass sie sich in der Öffentlichkeit zu Glaubensfragen lieber bedeckt halten sollten, sie wurden teilweise bedroht oder in ihrer Ausbildung oder beruflichen Laufbahn schlechter gestellt, wenn sie sich offen zu ihren Überzeugungen bekannten.

Das Ziel des amerikanischen Vereins war es, die Glaubensbrüder und -schwestern zu unterstützen – mit Lehrveranstaltungen zur Theologie, zum evangelikalen Ehe- und Familienbild, mit Literatur und Traktaten, die der westdeutsche Missionsbund Licht im Osten über die Grenze schmuggelte. Gestärkt in ihrem Glauben, sollten diese „Jünger Jesu“ mit einer „persönlichen Beziehung zu Gott“, wie es in der Bewegung heißt, in ihrem sozialistischen Land die frohe Botschaft verbreiten.

Mit dem Toyota in Karl-Marx-Stadt

Und so fanden wir uns mit unserem Toyota in den Straßen von Karl-Marx-Stadt wieder. Oder in Halle in einem muffigen Gemeinderaum, wo eine christliche Popgruppe namens Tools of the Lord für junge Menschen aufspielte. Als Jugendliche wurden mir diese Einsätze zunehmend peinlich, später distanzierte ich mich vom Glauben meiner Eltern. Zurückgeblieben ist eine Faszination und auch Achtung für die Radikalität und den Mut, mit denen sie ihren Überzeugungen gefolgt sind. Sie fühlten sich berufen, einer ihnen deutlich überlegenen Macht zu trotzen, und taten dies mit ganzem Herzen. Und teilweise aberwitzigen Mitteln.

Eine westdeutsche Kollegin meiner Eltern war zum Beispiel einmal mit „den Freunden“, wie die amerikanischen Missionare von den DDR-Glaubensgenossen genannt wurden, in einem Dresdener Hotel verabredet. Sie erschrak, als diese laut herumalbernd und offensichtlich angeheitert in die Lobby hineinstolperten. In ihrem Zimmer angekommen, waren sie plötzlich stocknüchtern: alles Scharade, um glaubwürdig als Touristen zu wirken. Mein Vater spricht von Nacht-und-Nebel-Aktionen, wenn er an die Zeit zurückdenkt, von Tricks abgeschaut aus Agentenfilmen. Anfangs hießen er gegenüber den ostdeutschen Kontakten Marc und meine Mutter Jennifer, im Westen, wenn sie mit anderen im Ostblock tätigen Missionaren kommunizierten, hießen sie dagegen Val und Tanya Ibsen. Wenn mein Vater, was nicht oft vorkam, meine Mutter aus der DDR anrief und sie ihn fragte, ob er an seine Zahnbürste gedacht hatte, bedeutete das: Hast du die Notizen für deine Vorträge ins Land geschafft? Diese pflegte er in einer Kaffeethermoskanne zwischen Gehäuse und Glasgefäß zu verstecken. „War es sehr windig auf der Autobahn?“, war die Chiffre für: Ging der Grenzübergang gut über die Bühne? „Aber wir haben unsere Rollen ständig vergessen“, gibt er heute zu. „Deine Mutter hat mich Marc gerufen, und ich habe einfach nicht reagiert.“ Mehr als einmal hat meine Mutter einen Anrufer, der nach Val fragte, versucht abzuwimmeln, bis es ihr plötzlich dämmerte, sie „Ach, Vaaaaal“ rief und mit hochrotem Kopf meinen Vater holte.

Er bringt Devisen ins Land

Diese Unbeholfenheit hat den Eindruck der Staatssicherheit, welche die Aktivitäten meiner Eltern und ihrer Kollegen von Anfang an als harmlos eingestuft hatte, wahrscheinlich nur bekräftigt. Eine der Kontaktpersonen aus dem Westen, die meine Eltern mit den ersten DDR-Christen bekanntgemacht hatte, war Irene Goldschmidt, eine konvertierte Schweizer Jüdin. Auf Dringen Hilda Heinemanns, Frau des damaligen Bundespräsidenten, hin zog Irene Goldschmidt in den Siebzigerjahren nach West-Berlin, um Christen in der DDR zu unterstützen. „Sie kannte alle und jeden und verschaffte uns so Zugang zu Kreisen, die uns sonst verschlossen gewesen wären“, erzählt mein Vater. 1977 hatte sie meinen Eltern davon abgeraten, nach West-Berlin zu ziehen, da die „Sicherheitslage“ dort zu prekär sei – in anderen Worten, die Stasi war dort präsenter als anderswo in der Bundesrepublik. Irene Goldschmidt hatte nämlich auch Kontakte ins MfS hinein, über einen hochrangigen Funktionär im DDR-Staatsfernsehen, mit dem sie persönlich befreundet war. Einmal nutzte sie diese Verbindung, um nachzufragen, wie viel man bei der Stasi über einen anderen amerikanischen Missionar wusste. Die Antwort, die zurückkam, lautete: „Die wissen, dass das einer dieser Missionare ist, der ihnen keine Probleme bereitet. Und er bringt Devisen ins Land. Das Gleiche gilt auch für diesen Hyatt.“ Der Funktionär zückte dabei ein Foto, das die Stasi von meinem Vater im Foyer eines Hotels gemacht und ihm mitgegeben hatte. Irene Goldschmidt hatte meinen Vater gar nicht erwähnt, er war zu der Zeit auch noch nicht lange in der DDR tätig. Aber die Botschaft wurde dennoch klar an ihn übermittelt: Wir wissen, wer du bist, und was du treibst und lassen dich gewähren, solange du uns keinen Ärger machst.

Mein Vater hielt sich an diesen Deal. Keine öffentlichen Auftritte, alle Veranstaltungen wurden in geschlossenen Kreisen abgehalten, niemand wurde zum politischen Widerstand oder zum Ausreiseantrag ermuntert, im Gegenteil: Die Christen sollten im Land bleiben und im Stillen Gottes Liebe verbreiten, dort, wie sie nun einmal waren und wo es vonnöten war. „Unsere Leute haben ihren ausreisewilligen Freunden immer gesagt: Sicher, im Westen ist es wirtschaftlich gesehen besser, aber in geistlicher Hinsicht nicht, bleibt hier, wir haben hier zu tun.“