Berlin - Der Burgfrieden in der Linken hat bis zur Bundestagswahl gehalten. Seitdem treten alte Konflikte mit neuer Schärfe zutage. Nun will Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn die Konsequenz und sich von dem Amt zurückziehen. Das erfuhr diese Zeitung aus führenden Parteikreisen. Grund sind in erster Linie persönliche Animositäten mit den Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger.

Direkt nach der Wahl hatte die Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht beklagt, die Probleme mit der Aufnahme so vieler Flüchtlinge würden von der Linken nicht ausreichend thematisiert. Ihr Mann, der saarländische Fraktionsvorsitzende Oskar Lafontaine, erklärte kurz darauf überdies, Kipping und Riexinger hätten selbst keine Anziehungskraft bei Wählern und sich gleichwohl während des gesamten Wahlkampfes nicht mit der Spitzenkandidatur von Wagenknecht und des zweiten Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch abgefunden. Sowohl der Streit um die Flüchtlingspolitik als auch jener über die Spitzenkandidatur schwelen schon länger.

Entscheidungen ür Sonntag und Montag erwartet

Zuletzt wurde schließlich bekannt, dass Kipping und Riexinger zwar Wagenknecht und Bartsch zur Wiederwahl für den Fraktionsvorsitz vorschlagen wollen. Sie möchten sich jedoch nicht damit arrangieren, dass Heike Hänsel vom linken Parteiflügel und Jan Korte für den Reformerflügel erneut zu ersten stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und damit faktisch zu Statthaltern von Wagenknecht und Bartsch berufen werden. Die Entscheidungen stehen bald an. Denn am Sonntag und Montag tagt der Parteivorstand. Am Dienstag und Mittwoch tagt die Fraktion in Klausur. „Das wird sicher nicht angenehm“, verlautet aus der Fraktion.

Zum offenen Streit kam es bereits am vergangenen Montag im Geschäftsführenden Parteivorstand. Dort warfen Kipping und Riexinger Bundesgeschäftsführer Höhn vor, sie nicht gegen die jüngste Kritik Lafontaines verteidigt und die starke Personalisierung des Wahlkampfes auf Wagenknecht und Bartsch unterstützt zu haben. Der Gescholtene will sich dem nicht länger aussetzen und dürfte beim nächsten Parteitag, der wahrscheinlich Anfang Juni 2018 in Leipzig stattfindet, nicht wieder für das Amt kandidieren. Womöglich wirft er auch vorher das Handtuch.

Inhaltlich steht Höhn eher Kipping und Riexinger nahe. Auch hatte er schon häufiger heftige Auseinandersetzungen mit Wagenknecht. Nicht zuletzt wegen seiner Nähe zu Bartsch ordnen Kipping und Riexinger ihren Bundesgeschäftsführer aber augenscheinlich der anderen Seite zu. Dieser Sandwich-Position zwischen den gegnerischen und teils verfeindeten Fronten möchte sich der 42-Jährige aus Sachsen-Anhalt eher früher als später entziehen. Höhn wurde zudem bei der Bundestagswahl über die Landesliste erstmals in den Bundestag gewählt, nachdem er zuvor dem Magdeburger Landtag angehört hatte. Dies verringert für ihn auch materiell die Notwendigkeit, das Amt des Bundesgeschäftsführers dauerhaft ausüben zu müssen.

Vergiftetes Klima bei den Linken 

Wie vergiftet das Klima ist, zeigte ein kurzer Twitter-Dialog am Mittwochnachmittag. Kipping schrieb, sie wolle weiter mit Höhn als Bundesgeschäftsführer zusammenarbeiten. Daraufhin erwiderte die soeben aus dem Bundestag ausgeschiedene Abgeordnete Halina Wawzyniak: „Glaubst du eigentlich selber, was du schreibst? Kannst du noch in den Spiegel schauen? Leute loswerden ist doch eine deiner stärken.“