10. November 1989 um 2.40 Uhr: Jens Blankennagel (r.) mit Freunden am Kudamm vor der Gedächtniskirche.
Foto: Thomas Machowina

BerlinIch stand im grellen Scheinwerferlicht der DDR-Grenzer und pinkelte an die Berliner Mauer. Es ging nicht anders, im Todesstreifen gab es keine Toilette und keinen Baum. Nur dieses extrem ausgeleuchtete freie Schussfeld. Kurz davor wäre das, was ich da tat, noch eine unmögliche Provokation gewesen. Der Staat hätte sich das nicht gefallen lassen; ein paar Uniformierte hätten sich auf mich gestürzt und mich verhaftet. Mindestens.

Grenzübergang Invalidenstraße – Ostseite. Obwohl ich seit Jahren in Berlin lebte, war ich dort noch nie gewesen. Die Mauer war tabu. An jenem Tag aber war alles anders als an den 10.315 Tagen davor – seit die DDR die Grenze geschlossen hatte. Es war der 9. November 1989, der Tag, an dem alles möglich schien. Und an den antifaschistischen Schutzwall zu pinkeln, war enorm befreiend.

Es gibt eine Sache, die absolut unzuverlässig ist: die menschliche Erinnerung. Denn obwohl ständig etwas passiert, funktioniert die Wahrnehmung anders: Es gibt Lebensjahre, die in der Erinnerung wie ein paar belanglose Tage zerfließen. Fachleute sprechen von der Notwendigkeit, vergessen zu können, damit das Gehirn nicht überhitzt. Das Gedächtnis ist gnadenlos und speichert nur wichtige Dinge, die mit großen Emotionen verknüpft sind. Jeder hat eine eigene Galerie von Situationen voller unvergesslicher Details. Meist sind es private Erlebnisse.
Es gibt aber auch gesellschaftliche Ereignisse, bei denen fast alle sagen können, was sie gemacht haben: die Mondlandung, die Terroranschläge am 11. September 2001.

Bei mir und vielen anderen ist es der 9. November 1989. Der Tag, an dem die Mauer fiel: unvorhersehbar und bis heute eigentlich unfassbar.

Das wahrhaft historische Datum jener Umbruchszeit

Um 18.57 Uhr hatte Günter Schabowski im Namen der SED-Führung zur Presse gesagt: „... haben wir uns entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen.“ Verwirrung im Saal. Nachfragen. Dann der entscheidende Satz, ganz lapidar: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort. Unverzüglich.“

Wir studierten an der Humboldt-Uni und wollten am Abend ins Kino „Volkshaus“, vorher saßen wir in einer Kneipe. Der Kellner brachte die Rechnung und tuschelte: „Jeder kann jetzt rüber. Ham se im Radio jesagt.“ Wir fragten: „Reisen oder Ausreisen?“ Er antwortete: „Ausreisen.“ Wir sagten: „Das wollen wir nicht. Wir bleiben hier.“ Der Kellner sagte mit glänzenden Augen, die das Gegenteil verkündeten: „Icke och.“

11. November 1989: Durch den neuen Grenzübergang an der Bernauer Straße strömen die Massen in den Westteil von Berlin.
Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Ich habe vergessen, welcher Film kam. Niemand von uns erinnert sich an den Film. Jedes Jahr Anfang November nehme ich mir vor, es zu recherchieren. Inzwischen weiß ich, dass es egal ist, denn das, was danach kam, war viel zu groß für das davor.

Der Tag ist das wahrhaft historische Datum jener Umbruchszeit. Ein Tag, der in diesem Jahr in Berlin mit einer großen Reihe von mehr mal als 200 Veranstaltungen gefeiert wird. Doch in den vergangenen Jahre wurde dieser Tag vom offiziellen Blick meist zweitrangig behandelt. Das zeigt sich auch in der aktuellen Ost-Debatte, die vor einigen Jahren aufflammte, nach den Pegida-Demonstrationen und weil der Aufstieg der AfD im Osten besonders stark. Also sprechen Politiker wieder mahnende Worte, dass der Osten nicht vergessen werden dürfe.

Doch sie machten es bislang nicht am 9. November, der vor 30 Jahren ein Tag der Euphorie war, und der das vergangene Jahrhundert für Deutschland so exemplarisch zusammenfasst: 1918 - Aufrufung der Republik. 1923 - Hitler-Putsch. 1939 - Pogrome der Nazis an Juden. 1989 - Mauerfall.

Nein. Gefeiert und gemahnt wurde bislang immer am 3. Oktober, am bürokratischen Vollzugsdatum der Einheit. Es ging sowieso schon bald nicht mehr darum, dass die Ostdeutschen erst zaghaft, dann hunderttausendfach auf die Straße gegangen sind. Lieber wurden andere Storys erzählt: So glaubt nicht nur David Hasselhoff daran, dass er die Ossis zum Sturz der Mauer inspiriert hat. Und natürlich wurde auch kein Song aus dem Osten zur Mauerfall-Hymne, sondern „Wind of Change“ – ein Lied, das die Scorpions erst 1991 veröffentlicht haben.

Mit dem Taxi und einer Flasche Sekt zur Grenze

Am 9. November standen wir nach dem Kino auf der „Straße der Befreiung“, die so tot war, wie eine Ausfallstraße aus der Hauptstadt der DDR abends nun mal war. Ein paar Schwarztaxis, ein paar Angetrunkene. Berlin lag schon im Bett.

Wir fuhren nach Biesdorf und schalteten im Studentenclub den Fernseher an. Nachrichten zu schauen war damals Pflicht. Und da sahen wir sie: Die Leute, die am Brandenburger Tor riefen: „Die Mauer muss weg!“ Kurz danach schauten wir in die begeisterten Gesichter von denen, die sich den Gang über die Grenze ertrotzt hatten. Ein Freund rief: „Ich muss dabei sein.“ Nun gab es kein Halten mehr. In jenen Tagen bestand zwar die Gefahr, dass der Staat durchgreift – wie es üblich ist, wenn offensichtlich wird, dass ein marodes Staatsgebilde wegsackt. Doch wir hatten ein wenig Demo-Erfahrung und gingen übermütig davon aus, dass auch an diesem Tag kein Schuss fallen wird.

Jemand lief zur Telefonzelle und bestellte Taxis. Wir planten eine Republikflucht, eine schwere Straftat. Wir nahmen Taxigeld mit, Personalausweise und jeder eine Flasche Sekt. Zu den Leuten, die im Club blieben, sagten wir: „Wir zahlen, wenn wir aus dem Westen zurück sind.“

Dem Taxifahrer sagten wir, als sei es ganz normal: „Nach West-Berlin bitte.“ Er grinste. „Welcher Übergang?“ Wir hatten keine Ahnung. Das einzige, was wir vom Westen kannten, war der Reichstag, den man vom Bahnhof Friedrichstraße aus sah. Über den richtigen Grenzübergang hätten wir erst kurz vor der Rente nachgedacht, wenn uns der Staat die erste West-Reise erlaubt hätte. „Also Invalidenstraße“, sagte der Fahrer.

Mutige Leute auf der Straße sorgten für unumstößliche Fakten

In der DDR konnten Tage wie Minuten vergehen, aber nicht, weil so viel, sondern weil so wenig passierte – besser gesagt: fast immer das gleiche. Das war gut fürs Herz, weil die Aufregung fehlte, aber schlecht fürs Hirn. Nun aber stand die größte vorstellbare Aufregung bevor. Nie hätten wir gedacht, dass Wunder so einfach sein können: Der richtige falsche Satz in einer Pressekonferenz und bald danach war die Mauer so durchlöchert, dass sie nicht mehr gestopft werden konnte. Aber nicht, weil Herr Schabowski es so gewollt hatte, sondern weil ein paar kleine Leute diesen Politiker einfach beim Wort nahmen.

Hätten sie es nicht getan, wäre der historische Moment verflogen. Am Tag danach hätte nicht deutsch-deutscher Freudentaumel geherrscht, sondern deutsche Bürokratie: Die DDR-Bürger wären brav arbeiten gegangen und danach zum Amt, um die Sache mit dem Reisepass zu klären. So aber sorgten mutige Leute auf der Straße für unumstößliche Fakten und vollendeten, was mit den Leipziger Montagsdemos begonnen hatte.

Kurz vor Mitternacht setzte uns das Taxi ab. Ich musste pinkeln, stand aber nicht allein an der Mauer. Die Szenerie an der Grenze wirkte völlig surreal. Alle strahlten den Grenzer an, der neben der geöffneten Schranke stand, er lächelte schief. Ab und an umarmte ihn jemand oder gab ihm Sekt. Seine Dienstmütze hing ihm ganz unsoldatisch im Nacken, in den Lauf seiner Kalaschnikow hatte jemand eine gelbe Blume gesteckt.

In jener Nacht verließen wir dieses Land ohne Wehmut

Wir waren jung und naiv, so wie es in diesem Alter sein soll. Der Zufall hatte uns in dieses Land hineingeboren, und wir machten das Beste daraus. Wir hatten noch keine großen Ziele im Leben, wollten uns verlieben, Spaß haben, uns betrinken.

Politisch waren wir so altklug, wie man es mit 23 nun mal ist. Wir redeten fast nie über Geld, über Honecker oder die SED, lieber über Frauen, den Sinn des Lebens oder gute Jeans, aber noch lieber über Musik. Das neue Album der Pixies war mein Schatz, den ich im Sommer aus Ungarn mitgebracht hatte, statt wie andere in den Westen zu gehen. Heimlich war ich ein wenig stolz darauf, dass ich es mir mit dem schweren Gang in den Westen nicht leicht gemacht hatte.

9. November 1989: Trabis werden von einer begeisterten Menge an einem Grenzübergang in Berlin empfangen.
Foto: imago/Detlev Konnerth

Wir waren staatstragend genug, um studieren zu dürfen, aber auch klug genug, um billige Propagandalügen zu durchschauen. Wir liehen uns gegenseitig verbotene Bücher wie Stephan Heyms „Schwarzenberg“ oder Georg Orwells „1984“ und glaubten in unserer Naivität daran, dass sich die DDR verändern ließ.

In jener Nacht verließen wir dieses Land ohne Wehmut. Auf der anderen Seite ein Empfangskomitee. Leute, die ich für Spießer hielt, jubelten mir zu – dem Langhaarigen in Lederjacke. Nie wieder drückten uns so viele Fremde ihre Küsse ins Gesicht. Die Massen öffneten ein Spalier für uns. Es war ein wenig beschämend: Was hatte wir schon geleistet, außer ein paar Mal zu demonstrieren? Ein Stück weiter, dort, wo die Scheinwerfer nicht hinreichten, die erste Ernüchterung. Ein Bettler fragte: „Kriege ich auch einen Schluck Sekt?“

Niemals wieder waren sich Ost und West so nah wie in dieser Nacht

Der Westen lag vor uns wie ein großes Versprechen. Über ihn wussten wir zwar mehr als die meisten Westdeutschen über den Osten, weil wir fast nur Westfernsehen schauten, aber wir hatten keinen blassen Schimmer, was sich wo in West-Berlin befand. Die Landkarten der DDR endeten an der Mauer, dahinter gab es kein Leben: West-Berlin – eine weiße Fläche, eine Geisterstadt.

Wir liefen los, aber es gab nur Wiesen und eine leere Straße. Das sollte das legendäre West-Berlin sein? Wir kannten nur zwei Namen: Kudamm und Gedächtniskirche. Ein Spaziergänger sagte: „Kudamm? Das sind bestimmt vier Kilometer.“

Wir hielten den Daumen in den Wind. Dieses Mal stoppten ganz schnell Autos. In jener Nacht war jeder, der wach war, ein Freund. Zwanzig Minuten später standen wir an der Gedächtniskirche.

Wir ließen uns durch West-Berlin treiben, ohne darüber nachzudenken, ob unser Tun irgendwelche Konsequenzen haben könnte. Da offenbar alle Ossis nur den Kudamm kannten, gab es dort eine unvorstellbare Freudendemo. Alle ließen ihr Glück an den Trabis aus und klopften auf deren Dächer. Die Trabis hielten stand, und die Insassen lächelten selig. Niemals wieder waren sich Ost und West so nah wie in dieser Nacht.

Alles schien einfach: Mauern öffnen, Freundschaften schließen

Wir waren euphorisiert und zukunftsfroh. Im nächtlichen Glitzer des Kudamms dachten wir nicht darüber nach, ob es den viel diskutierten Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus geben könnte. Wir waren einfach glücklich. Wir ahnten nicht, wie groß die Probleme der Einheit sein würden. In jener Nacht schien alles leicht: Das Öffnen der soeben noch unzerstörbaren Mauer oder das Schließen einer Freundschaft. Ich steckte mir eine Karo an, und ein Fremder fragte. „Ich bin zwar aus dem Westen, aber ich liebe diese Zigaretten. Hast du eine?“

Ich schaute in die Schachtel und gab ihm meine allerletzte Karo. Wir rauchten und quatschten, dann lief er plötzlich los, kaufte eine Schachtel Roth-Händle und schenkte sie mir.

Er war Pressefotograf und hatte gerade seinen Auftrag abgebrochen: Er sollte DDR-Flüchtlinge in einem Notaufnahmelager an der Grenze fotografieren. Nun machte er ein Foto von uns vor der Gedächtniskirche. Die Turmuhr stand auf 2.40 Uhr. Die Stadt dröhnte, Autos hupten unablässig, und die Menschen grölten sich heiser. Es roch nach Silvester.

Wir gingen in eine Kneipe. Der Fotograf wollte eigentlich nur kurz bleiben und dann noch mehr Bilder dieser Nacht einfangen. Doch wir redeten und redeten. Er kramte sein letztes Geld zusammen und bestellte Bier für uns, bis er pleite war. Von jener Nacht blieben mir neben den Erinnerungen ein Bierdeckel aus der Kneipe und ein Freund fürs Leben, der irgendwann mit dem Foto aus dieser denkwürdigen Nacht vor meiner Tür stand.

Eine Steigerung war einfach nicht möglich

Nie hätten wir gedacht, dass diese Zeit des begeisterten Zuhörens und des gegenseitigen Erzählens zwischen Ost und West schneller enden würde als bei Verliebten. Wir dachten nicht, dass die überbordende Sympathie bald von Vorurteilen besiegt werden würde und dass es bei vielen in billigen Schlagworten gipfeln würde wie Besser-Wessis und Mecker-Ossis.

Wir begriffen auch noch nicht, dass wir das Ende unseres bisherigen Lebens erlebten. Wir dachten auch nicht, dass diese Nacht ein vergiftetes Geschenk war: die schönste Mitgift an das neue Deutschland, aber auch die bitterste. Denn eine Party mit solchen Ausmaßen erzeugt einen gewaltigen Rausch. Doch niemand sah voraus, wie groß der Kater werden würde. Der Mauerfall weckte viele Hoffnungen, die niemand erfüllen konnte. Der absolute deutsch-deutsche Höhepunkt war bereits in der ersten Nacht erreicht, ohne dass beide Seiten überhaupt realisiert hatten, dass sie im Bett lagen. Eine Steigerung war nicht möglich.

Westberlin am Abend der Maueröffnung.
Foto: imago/Peter Homann

Wir traten aus der Kneipe und wussten nicht, was kommen würde. Nicht im Geringsten. Mit der S-Bahn ging es zur Grenze. Natürlich schwarz. Der Wagen war voller durchnächtigter Grenzgänger. Sie hatten dieses Lächeln im Gesicht, das nicht verlöschen wollte. Jemand gab uns eine Sonderausgabe der BZ – Titelseite: „Die Mauer ist weg! Jeder darf ab sofort durch! Deutschland weint vor Freude. Die ersten sind schon da! Wir reichen uns die Hände!“

Niemand ahnte, was danach kommen würde

Wir besaßen nur, was wir am Leib trugen und wussten nicht, ob sie uns wieder in unsere Heimat lassen würden. Das war uns bis zum Grenzübergang Friedrichstraße egal. Dann aber sahen wir die ernsten Gesichter der DDR-Grenzer. Sie hatten das nächtliche Chaos überwunden. Nach ein paar Stunden, die komplett aus der deutschen Ordnungswelt gefallen waren, herrschten wieder alte Verhältnisse. Ein Grenzer drückte mir einen Einreisestempel in den Personalausweis. Die Stempel waren gegen die Vorschrift, denn der „Perso“ war kein Reisepass, da durfte gar nicht reingestempelt werden.

Später hieß es, mit den Stempeln sollten die Republikflüchtigen der ersten Nacht identifiziert werden – falls sich das Rad der Geschichte doch zurückdrehen ließ. Es kam anders. Und der Stempel macht es mir unmöglich, diesen Ausweis, der bis dahin nicht viel galt, wegzuwerfen.

Wir ahnten nicht, dass sich fast alles ändern würde: wir selbst, die Regierung und das Volk, die Preise und die Mieten, die Autos und die Urlaube, Frauen und Männer, die Kleidung, das Essen, die Musik. Wir wussten nicht mal, was der Begriff Immobilie bedeutete und ahnten erst recht nicht, dass viele unserer Eltern und gefühlt die Hälfte der Bevölkerung schon bald arbeitslos sein würden.

Niemand wusste, dass nicht allzu so viel übrig bleiben würde vom einzigen Leben, das wir kannten: nicht die grauen Fassaden der verfallenen Häuser, aber auch nicht der Begriff Kaufhalle, nicht die Straßen des Friedens oder die Polikliniken.

Und wer hätte gedacht, dass sich die Debatten schon bald weniger um die Zukunft drehen würden, sondern viel mehr um die Vergangenheit und darüber, ob denn jemand Stasi-Spitzel war. Und dass auch so manche Leute aus dem Westen kommen würden - die nie ernsthaft für ihre Demokratie haben kämpfen müssen - und die uns in altväterlichem Ton erklären würden, wie wir unser Leben in der DDR gefälligst zu interpretieren hätten. Dieses falsche Leben im falschen Land.

Wir träumten von rauschenden Rockkonzerten, coolen Klamotten und Schallplatten, die wir bald jederzeit kaufen konnten; wir wollten endlich nicht mehr nur auf den Balkan trampen, sondern durch Frankreich. Wir wünschten uns Zeitungen mit frischen Meinungen und aufregende politische Debatten und dass uns niemand mehr sagt, wie wir unsere Haaren tragen sollen.

Das Volk hatte eine Revolution zelebriert

Die Sonne war längst aufgegangen, als wir im Wohnheim ankamen. Die anderen Studenten wollten nun – ahnungslos wie sie waren – zur Uni. Wir erzählten, dass wir vom Kudamm kommen, dass die Mauer offen ist und die Vorlesungen ganz sicher ausfallen werden. Sie schüttelten nur den Kopf und fuhren zur Uni.

Als wir im Bett lagen, war die historische Nacht längst nicht vorbei. Das Gehirn ließ sich viel Zeit mit dem Begreifen. Bei mir dauerte diese Nacht gefühlt vom Mauerfall am Donnerstag bis zum Sonntag. Da stand das „Konzert für Berlin“ in der Deutschlandhalle an: mit den Toten Hosen, Nina Hagen, BAP, Melissa Etheridge, Joe Cocker, mit Lindenberg, Westernhagen und Kunze – und auch ein paar Ostkünstlern.

1989: Ein Trabant wird am Kontrollpunkt Invalidenstrasse im Berlin der Wendezeit begeistert begrüßt.
Foto: imago/imagebroker

Bei mir stellte sich das emotionale Hoch gleich am Anfang ein. Der Saal war erst halbvoll, als Pankow spielte – jene Band, die mit dem Song „Langeweile“ eine kluge Beschreibung des Alltags in der späten DDR geliefert hatte: „Dasselbe Land zu lange gesehen, dieselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt.“ Als ich die markante Stimme von André Herzberg hörte, lösten sich bei mir die Emotionen und die Tränen. Ich weinte still vor mich hin und begriff: Wenn mir meine Lieblingsband aus dem Osten im tiefsten Westen den perfekten Abgesang auf die DDR vorsingt, muss die Mauer tatsächlich gefallen sein.

Was für ein grandioser Abschluss für diesen emotionalen Ausnahmezustand. Am nächsten Morgen, einem Montag, hatte uns der Alltag in Ost und West wieder, und im Alltag wird nur selten gejubelt. Doch ein gewisser Stolz hielt sich noch recht lange, denn obwohl Krenz & Co. von einer „Wende“ sprachen, hatte das Volk doch eine Revolution zelebriert – so wie es Lenin gelehrt hatte: „Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“ Noch dazu war kein Schuss gefallen.

Mehr bekommen, als erwartet. Aber auch weniger, als versprochen

Viele gingen schon bald davon aus, dass das neue, starke Deutschland irgendwann Fußballweltmeister werden musste, andere glaubten, dass nun die Zeiten des Friedens und des reinen Glücks anbrechen - das Ende der großen weltweiten Konflikte, gar das Ende der Geschichte.

Niemand ahnte, dass Helmut Kohl nicht so richtig liegen würde mit seinem Glauben an all jene Dinge, die blühen oder eben nicht. Keiner hätte geglaubt, dass die Treuhandanstalt bald ganze Betriebe für eine Westmark verkaufen würde. Niemand ahnte, dass schon bald Asylbewerberheime brennen und dass Neonazis das neue ostdeutsche Schreckgespenst werden würden.

Genauso wenig konnte jemand voraussehen, dass die Techno-Klänge aus den Kellern der DDR-Industrieruinen zum internationalen Exportschlager werden würden und Rotkäppchen-Sekt zum gesamtdeutschen Marktführer. Es gab noch tausend andere Überraschungen, die die Zukunft bereithielt. Auch, dass ein Ostdeutscher die Tour de France gewinnen würde, und dass eine unscheinbare Frau aus dem Osten zur ersten Kanzlerin wurde.

Niemand dachte, dass viele Ostdeutsche immer wieder radikale Parteien wählen würden - wohl auch um den Westen zu ärgern, denn sie fühlten sich ein wenig wie Pubertierende, die von den Erwachsenen zu wenig wahrgenommen werden.

All das konnte niemand wissen. Wir ahnten nicht mal, dass wir bald die Deutsche Mark bekommen würden, diese heilige Währung. Wir glaubten auch nicht, dass wir bald eine Auswahl aus 20 verschiedenen Brötchen und 30 unterschiedlichen Joghurts haben würden. Wir wussten nicht, welche exotischen Länder wir besuchen würden und dass manche Strände noch schöner sind als auf den Werbefotos. Vor allem glaubte niemand daran, dass das graue Berlin schon bald die coolste Stadt überhaupt sein würde – Weltniveau.

Wir wussten nicht, dass wir mehr bekommen würden, als wir erwartet hatten, aber auch weniger, als uns versprochen wurde. Denn am Anfang glaubten wir dem Westen fast alles – vor allem, weil wir dem Osten kurz vor dem Mauerfall fast nichts mehr glauben konnten. Wir dachten nicht, dass nun so viele Freiheiten auf uns warteten, aber auch die volle Verantwortung für unser Leben.

All das ahnten wir nicht, und es wäre es uns damals für den Moment auch ziemlich egal gewesen. Tagelang waren wir so aufgekratzt, dass wir nicht mal merkten, wie kalt es eigentlich war. Als wir unsere 100 Westmark Begrüßungsgeld abholen wollten, lag morgens eine Flasche Maracuja-Brause im Auto, in der sich tatsächlich Eis gebildet hatte.

Aber gefroren haben wir in jenen Tagen nicht. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.

Wir erlebten die mit weitem Abstand außergewöhnlichsten Tage unseres bisherigen Lebens, und wir wussten ganz genau, dass uns die Erinnerung an diese Zeit des reinen Glücks niemand würde nehmen können.