Brüssel - Es gehört zu den Ritualen von EU-Gipfeln, dass sich die Teilnehmer nach dem Ende der Beratungen noch einmal medienwirksam in Szene zu setzen versuchen. Die Staatslenker berichten dann in Kameras und Mikrofone, was der Gipfel beschlossen hat und was sie selbst herausgeholt haben für ihr Land. Jeder tut das einzeln und am liebsten vor der heimischen Presse, stets mit Blick auf das Publikum zu Hause. Setzt man das alles zu einem großen Bild zusammen, gibt es nach solchen Veranstaltungen eigentlich immer 28 Sieger in Europa.

Gemeinsamer Auftritt

So gesehen war das am Freitag in Brüssel eine außergewöhnliche Geste der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und des neuen französische Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Die beiden traten nach Ende der Beratungen kurzerhand gemeinsam auf und bekräftigten ihre Absicht, dem europäischen Projekt mit neuen Initiativen neuen Schwung zu verleihen.

„Wenn Frankreich und Deutschland sich nicht einig sind, kommt Europa nicht voran“, sagte Macron. Merkel sagte nüchtern, man sei entschlossen, „zur Lösung von Problemen beizutragen.“ Auch in der Vergangenheit hatte es in Brüssel schon gemeinsame Auftritte deutscher Kanzler und französischer Präsidenten gegeben. Aber Macron ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Der Vertrauensvorschuss ist enorm. Die Erwartungen an den 39-jährigen Präsidenten sind es aber auch.

„Mecron“ ist das neue Duo

Es kann überhaupt keinen Zweifel geben: Deutschland und Frankreich wollen wieder gemeinsam die Führung in Europa übernehmen. Jahrelang war Merkel die unangefochtene Nummer eins, was aber nicht allein auf ihre Stärke, sondern auch auf die Schwäche von Macrons Vorgängern Nicolas Sarkozy und François Hollande zurückzuführen war. Nur in der heißen Phase der Eurokrise bildeten Merkel und Sarkozy ein starkes Team, damals erfand man kurzerhand den Namen „Merkozy“ dafür. Nun macht sich das neue Duo „Mercron“ daran, Europa wieder auf Touren zu bringen.

Zu tun gibt es genug. Die Eurozone muss weiter stabilisiert werden, Berlin und Paris arbeiten bereits an gemeinsamen Vorschlägen. Das verstörende Wirken von US-Präsident Donald Trump hat in Europa der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass sich der alte Kontinent unabhängiger von den Amerikanern machen muss. Deshalb arbeitet die EU jetzt an einer Verteidigungsunion. Auch hier verstehen sich Deutschland und Frankreich als Vorreiter. Es geht zudem darum, die Flüchtlingskrise zu managen, den Terrorismus zu bekämpfen sowie den Freihandel und das Pariser Klima-Abkommen zu retten. Kurzum, es geht um Europas Selbstbehauptung und Sicherheit in Zeiten von Trump und Brexit.

Eine Überschrift für all das gibt es auch schon. Sie lautet: Ein Europa, das schützt. Es ist der positive Gegenentwurf zu Euroskepsis und Globalisierungskritik von links und rechts.

Macron und Merkel auf Siegeskurs

Macron hat mit diesem bejahenden Politikentwurf gerade zwei Wahlen fulminant gewonnen. Merkel eifert ihm nach. Drei Monate vor der Bundestagswahl ist sie nicht nur wieder Umfragen-Königin, sondern auch wieder Europa-Kanzlerin. Ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz gelingt es selbst in diesem Feld nicht, eigene Akzente zu setzen. Ausgerechnet Schulz, der als EU-Parlamentspräsident und sozialdemokratischer Fraktionschef über viele Jahre hinweg einer der einflussreichsten Männer in Brüssel war.

In Paris stellen sie sich bereits darauf ein, auch in den nächsten Jahren mit Merkel zusammenzuarbeiten. Mitte Juli kommen die Regierungen beider Länder zu gemeinsamen Konsultationen zusammen. Dann werde neue Projekte festgezurrt. Kurz zuvor findet der G20-Gipfel in Hamburg statt. Auch dort werden Merkel und Macron darauf bedacht sein, mit einer Stimme zu sprechen.

Der Präsident hat mehrfach deutlich gemacht, dass er gemeinsam mit den Deutschen hoch hinaus will. Und er hat auch klare Vorstellungen über seine Zusammenarbeit mit Merkel. „Ich wünsche mir, wir würden zum Geist der Kooperation zurückkehren, wie er einst zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl herrschte“, sagte er dieser Tage.

Emmanuel Macron verleiht dem europäischen Projekt neuen Glanz, und ein Teil davon strahlt auf Angela Merkel ab. Es wird interessant sein zu sehen, wie lange das anhält. Macron steht bei den Europäern im Wort, sein Land zu reformieren. In den kommenden Wochen und Monaten will er mit dem Arbeitsmarkt beginnen. Er muss dabei mit heftigem Widerstand der Straße rechnen. Im Oktober findet der nächste EU-Gipfel statt. Es wird interessant sein zu sehen, wie viel Glanz sich Macron bis dahin bewahren kann. Die Bundestagswahlen aber werden dann auf jeden Fall vorüber sein.