Wer wählt welche Nachricht nach welchen Kriterien aus? Nutzer sollen in Zukunft besser erkennen können, mit welcher Systematik ihnen Inhalte angezeigt werden.
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Berlin Ausgerechnet Frank Elstner äußerte sich jetzt sehr skeptisch zur Zukunft des Fernsehens. Im Interview mit der Bunten sagte einer der ganz großen TV-Stars des vergangenen Jahrhunderts, der mit „Wetten, dass …?“ Europas erfolgreichste Fernsehshow erfunden hatte: Das herkömmliche Fernsehen werde in Zukunft höchstwahrscheinlich nur noch die Nase vorn haben, wenn es Olympische Spiele oder Fußballendspiele übertrage. 

Woran das liegt, lässt sich auch am Lebenslauf des inzwischen 77 Jahre alten Moderators erklären. Elstner betreibt inzwischen einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal („Wetten, das war’s?“), der so gut ankommt, dass der Streamingdienst Netflix sich die Rechte für eine Staffel gesichert hat. Es bleibt bei dem Konzept, dass Elstner sich mit Wunschgästen wie Helene Fischer oder Herbert Grönemeyer unterhält.

Kein Fernsehzimmer

Das Beispiel zeigt, dass selbst Menschen, die dem Fernsehen eine riesige Aufmerksamkeit beschert haben, andere Verbreitungsmöglichkeiten suchen. Vom Fernsehzimmer spricht heute sowieso niemand mehr, wenn er über die Gestaltung seiner Wohnung spricht, weil in der Familie doch jeder sein Smartphone oder Notebook nutzt. Die Medienwelt ist also massiv im Umbruch, deshalb haben Politiker und Fachleute fünf Jahre an einem neuen Gesetzesentwurf gearbeitet, aus dem Rundfunk- soll jetzt der Medienstaatsvertrag werden.

Vor allem die Mediennutzung von jungen Menschen zeigt das neue digitale Nutzungsverhalten.
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Der Begriff klingt noch immer sehr bürokratisch, doch der Vertrag soll dafür sorgen, dass die Gesetzgebung der modernen Mediennutzung in Deutschland und später wohl auch in Europa angepasst wird. Wann braucht ein Anbieter also eine Lizenz, wenn er im Internet etwas übertragen will? Wie kann sichergestellt werden, dass Sprach-Assistenten wie Alexa nationale Radiosender nicht benachteiligen? Und wonach sortiert Facebook eigentlich seine Nachrichten, die über die Plattform verbreitet werden? Um solche Fragen geht es.

Wer bekommt die Lizenz?

In Berlin sorgten in der Vergangenheit zwei Auseinandersetzungen für Schlagzeilen. Als die Deutsche Kreditbank vor zwei Jahren die Spiele der Handball-Weltmeisterschaft im Netz übertragen wollte, schaltete sich die Medienanstalt Berlin-Brandenburg ein, weil für angekündigte Live-Übertragungen eine Lizenz notwendig war. In einem schnellen Verfahren erfolgte dann die Genehmigung.

Im Streit mit dem Springer-Verlag urteilten Berliner Gerichte, dass für das Streaming-Angebot von Bild.de ebenfalls eine Sendelizenz beantragt werden muss, weil die Aufmerksamkeit für die entwickelten Formate so groß war. Wer sich jetzt als Besitzer eines YouTube-Kanals Sorgen macht, weil er gelegentlich live überträgt, der sei beruhigt: Wer innerhalb von sechs Monaten durchschnittlich weniger als 20.000 gleichzeitige Nutzer erreicht, fällt unter Bagatell-Rundfunk, muss keine Zulassung beantragen, so hat es jedenfalls der Medienexperte Helmut Hartung in der Frankfurter Allgemeinen geschrieben.  

Für die Zukunft nennt Anja Zimmer, Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, zwei Aspekte, die ihr besonders wichtig erscheinen. Bei der Nutzung von Sprach-Assistenten wie Alexa haben Voreinstellungen der Plattform großen Einfluss darauf, welche Inhalte gefunden werden. Mit dem klassischen Radio ist es einfach, einen Sender zu wählen, bei den modernen Geräten können aber mehrere Interessen zusammenkommen.

Transparenz bei der Systematik

„Gerade wenn Plattformen eigene Inhalte gestalten, ist die Vielfaltssicherung deshalb besonders wichtig“, sagt Zimmer im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Wer beispielsweise das Berliner Jazzradio sucht, sollte es auch finden und nicht nur auf eine Playlist verwiesen werden. Es geht uns schließlich um Medienvielfalt, sagt Zimmer.

Ein zweiter Punkt, bei dem der Aspekt auch wichtig ist: Wie verbreiten Plattformen wie Facebook, Google und Twitter ihre Nachrichten?  Der Entwurf des Staatsvertrags sieht angeblich vor, dass die Nutzer in Zukunft besser erkennen können, mit welcher Systematik ihnen Inhalte angezeigt werden. Anbieter müssten zwar keine Geschäftsgeheimnisse offenlegen, trotzdem müsste nachvollziehbar werden, nach welchen Kriterien Nachrichten gewichtet, ausgewählt und präsentiert werden.  

Insgesamt, betont Zimmer, sei mit der Überarbeitung des Medienstaatsvertrags ein großer Schritt gegangen, um die Meinungsfreiheit in der digitalen Welt zu regeln.   Was aus dem Fernsehen wird, welche Zukunft es hat und wie lange die Bürger noch den Rundfunkbeitrag zahlen werden, das gehört nicht zu den Aspekten des Gesetzes. Darüber entscheiden andere Gremien. Und so einige Fragen regelt der Markt auch alleine: Die Rechte für die Übertragung der Fußball-EM 2024 hat sich die Telekom gesichert. Sollte Elstner recht behalten, werden es die Fernsehsender noch schwerer haben.