Medikamente: Das Pillenproblem

Frankfurt a. M. - Wenn die Trauer um einen geliebten Menschen die Welt aus den Angeln zu heben droht, sind es manchmal banale Aufgaben, die etwas Halt geben. Für Familie Keber ist es ein Berg von Medikamenten. Als Frau Keber nach langer Krebskrankheit stirbt, steigen ihr Mann und ihr Sohn hinunter in den Keller des Einfamilienhauses in der Nähe von Frankfurt am Main und erschrecken über das, was sich dort während der letzten anderthalb Jahre angesammelt hat: Kisten voller Arzneien, eingeschweißt und noch lange haltbar. Außerdem Kartons mit künstlicher Nährflüssigkeit, sterilisierte Spritzen, Kanülen, Pumpen, alles neu und unbenutzt.

Wie konnte sich das alles ansammeln? Viele Monate lang war Frau Keber zu Hause künstlich ernährt worden, täglich bekam sie bis zu neun verschiedene Medikamente. Ihr Gesundheitszustand schwankte in den letzten Monaten stark, es kam zu bedenklichen Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten, die Behandlung musste mehrfach umgestellt werden.

Immer wieder wurden neue Mittel verschrieben, meist in großen Packungen. Nun wird nichts davon mehr gebraucht. Im Keller lagerten Medikamente im Wert von mehreren Tausend Euro. „Wir hätten einen Lieferwagen benötigt, um das alles abzutransportieren“, sagt Herr Keber.

Er fragt noch am selben Tag auf der Onkologiestation des Pflegezentrums nach, in dem seine Frau behandelt worden war, ob er die Packungen vorbeibringen könne. Viele Patienten dort leiden an den gleichen Krebssymptomen. Aber die Ärzte und das Pflegepersonal lehnen ab. Man könne nicht dafür einstehen, dass die Arzneien unversehrt seien, lautet die Begründung. In der Apotheke ist die Antwort die gleiche.

Was, wenn die Medikamente zu lange im Kofferraum in der prallen Sonne gelegen haben? Oder wenn sie feucht geworden sind? Oder noch schlimmer: Wenn jemand die Präparate manipuliert hat? Selbst wenn Ärzte und Apotheker wollten, eine Rücknahme von einmal abgegebenen Medikamenten ist gesetzlich verboten. Manche Apotheker machen Ausnahmen, etwa wenn das Präparat am selben Tag zurückgegeben wird, oder wenn sie die Kunden gut kennen.

Ein Gesetz aus den Siebzigern

Das Arzneimittelgesetz, das die Vernichtung von einmal verkauften Medikamenten vorschreibt, stammt aus den Siebzigerjahren, und viele Experten halten es für veraltet. Damals wurden Medikamente oft noch in Fläschchen und Röhren abgefüllt, und die Bedenken, Arzneien zurückzunehmen, waren berechtigt.

Denn bei angebrochenen Behältnissen lassen sich Hygiene- und Sicherheitsstandards tatsächlich nicht garantieren. Heute hingegen werden die meisten Arzneien als Tabletten und Kapseln verkauft, sind einzeln eingeschweißt und resistent gegen Umwelteinflüsse. Minustemperaturen können ihnen genauso wenig anhaben wie tropisch-feuchtes Klima.

Trotzdem wird die Rechtslage nur langsam angepasst. Zu fest ist das Sicherheitsargument in den Köpfen verankert, und zu gut verdienen viele am Verkauf von Arzneien – Hersteller, Apotheken, Krankenkassen. Bis 2007 mussten sogar in Pflegeheimen und Krankenhäusern alle Arzneimittelpackungen eines Patienten nach seinem Tod weggeworfen werden, auch wenn sie noch verschlossen waren und unter Aufsicht gelagert wurden. Nun dürfen sie immerhin innerhalb der Einrichtung an andere Patienten weitergegeben werden. Eine Änderung, für die Ärztevertreter lange gekämpft haben.

Müll im Wert von einer Milliarde Euro

Jedes Jahr werden in Deutschland Arzneien im Wert von einer Milliarde Euro vernichtet, schätzt die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände. Andere Experten gehen von bis zu sechs Milliarden Euro aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, da bei Apotheken und sonstigen Rückgabestellen nicht überprüft wird, wie groß der Anteil noch brauchbarer Arzneien ist. Abgegebene Packungen werden als Sondermüll deklariert und vernichtet.

Ebenfalls keine Zahlen gibt es zu den Arzneien, die nicht gesondert entsorgt werden, sondern im Hausmüll oder in der Toilette landen. Einen Großteil dieser Kosten tragen die gesetzlichen Krankenkassen. Im Fall von Frau Keber lag die Zuzahlungsgrenze, die anhand ihres Vermögens berechnet wurde, bei 354 Euro. Alle Rechnungen, die diese Grenze überstiegen, übernahm die gesetzliche Krankenkasse, bei ihr kamen mehrere Tausend Euro in einem Jahr zusammen.

Im Jahr 2009 gaben die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland 34,2 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, gegenüber 2004 war das eine Steigerung um ein Drittel. Umso unverständlicher für die Familie, dass es nicht möglich sein sollte, die Medikamente von Frau Keber in den Kreislauf zurückzuführen.

Jemand, der das Rücknahmeverbot genauso unsinnig findet, ist der Hausarzt Bertel Berendes. Der 68-Jährige arbeitet seit 41 Jahren als Arzt und führt eine große Landarztpraxis im Landkreis Lippe in Ostwestfalen. Seit Jahrzehnten nimmt er ungebrauchte Medikamente von seinen Patienten zurück und gibt sie an andere weiter. Natürlich nur, wenn die Packungen verschweißt sind und das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. „Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass ich etwas Illegales tue“, sagt er.