Hubert Bruchmüller ist einer von mindestens 50.000 Menschen, an denen in der DDR westliche Medikamente getestet wurden.

Herr Bruchmüller, an Ihnen wurde noch 1989 das blutdrucksenkende Mittel Spirapril der Firma Sandoz ausprobiert. Können Sie sagen, wie es dazu gekommen ist?

Ich hatte eine Herzmuskelentzündung. Und auf Vermittlung meines Hausarztes bin ich zu dieser Untersuchung in die Lungenklinik Lostau gekommen. Ich hatte Vertrauen zu den Ärzten. Mir sollte geholfen werden. Es ist nicht so, dass man sich da freiwillig gemeldet hat. Da ist man hingeschickt worden.

Man hat Ihnen gesagt: Da gibt’s neue Medikamente. Und die sind gut für Sie.

Genau so ist es.

Dass das Tests sind, davon hat man Ihnen nichts gesagt?

Man hat mir nur gesagt, dass das stationär unter Aufsicht gemacht werden muss. Gleichzeitig wurden Kontrolluntersuchungen durchgeführt.

Wie lang hat das Ganze gedauert?

Die Studie ist nicht zu Ende geführt, sondern abgebrochen worden, weil es da Vorkommnisse gegeben hat.

Weil unter anderem Ihr Zimmernachbar starb.

Ja.

Jetzt kommt das Thema endlich richtig auf den Tisch. Wie finden Sie das?

Ich bin daran interessiert, dass aufgeklärt wird und dass man die Leute zur Rechenschaft ziehen kann. Es wird aber kaum möglich sein, die großen Konzerne verantwortlich zu machen und sie strafrechtlich zu verfolgen. Denn die haben sich ja durch die Verträge mit der DDR-Regierung abgesichert. Ich erwarte, dass das lückenlos aufgedeckt wird, welche Methoden zu DDR-Zeiten angewendet wurden und wie man mit den Bürgern umgegangen ist. Das sollte herausgestellt werden.

Wollen Sie eine Entschädigung?

Wenn die Möglichkeit besteht, ja. Ich habe die Studie voll mitgemacht. Dass ich nicht tot bin wie die anderen, dafür kann ich ja nun nichts. Wir sind von Staats wegen nicht darüber informiert worden, dass da Versuche gelaufen sind. Wenn man jetzt sieht, was im Einzelnen passiert ist, dann habe auch ich ein Anrecht auf eine Entschädigung. Ich weiß aber nicht, ob ich sie fordern kann.

Bei wem sehen Sie denn die größere Schuld – bei den westlichen Konzernen oder bei den DDR-Behörden?

Die haben zusammen gearbeitet. Da wird man nicht trennen können. Die Konzerne haben billige Kunden gesucht. Die DDR hat diese Studien für Devisen verkauft und ihre Bürger nicht unterrichtet.

Es tragen also beide Verantwortung?

Aber sicher!

Nun sagen ja ehemalige DDR-Ärzte, sie hätten gar keine andere Wahl gehabt, weil das Gesundheitssystem so runtergekommen war und sie kein Geld für Medikamente hatten.

Das sind Ausreden. Das war nicht das Ausschlaggebende. Die waren dem Regime treu.

Wie geht es Ihnen mit Ihrer Herzerkrankung heute?

Ich muss alle vier Wochen zur Kontrolle und jede Menge Medikamente nehmen.

Das Gespräch führte M. Decker.