Berlin - Einen Patienten via Telefon oder Onlinefragebogen behandeln, ohne ihn jemals persönlich untersucht zu haben? Das untersagt das sogenannte Fernbehandlungsverbot – zumindest bislang, die digitale Diagnose und Verschreibung von Rezepten ist erst erlaubt, wenn der Patient einmal vorstellig wurde. Künftig soll sich das ändern.

Auf dem 121. Deutschen Ärztetag, der an diesem Dienstag in Erfurt beginnt, wird der Vorstand der Bundesärztekammer den Delegierten eine Öffnung des Fernbehandlungsverbots vorschlagen. Den Prüfauftrag dazu hatte der Ärztetag im vergangenen Jahr erteilt. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dies auch beschlossen werden“, sagt Franz Bartmann, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer.

Nach einer Vorlage soll eine reine Fernbehandlung, zum Beispiel in Form einer Videosprechstunde künftig im Einzelfall zugelassen sein. Dann, wenn es medizinisch vertretbar ist, im niederschwelligen Gesundheitsbereich. Bei Grippepatienten beispielsweise oder zur Diagnose von Hautkrankheiten.

Dadurch soll vieles leichter werden: Praxen werden entlastet, Ärzte könnten sich stärker auf schwerwiegende Fälle konzentrieren und für Patienten verringere sich die Wartezeit. Vor allem aber ist es ein Ansatz, den Ärztemangel in ländlichen Regionen zu begegnen und den Zugang zur medizinischen Versorgung zu vereinfachen.

Ein komplettes Neuland betritt die Ärztelandschaft damit nicht: In Baden-Württemberg etwa laufen seit einigen Monaten Modellprojekte. Bei dem zunächst auf zwei Jahre angelegten Test zur Fernbehandlung sollen Arzt und Patient am Telefon oder über eine App ins Gespräch kommen. Der Arzt kann auf Grundlage dieser Tele-Sprechstunde eine Diagnose stellen und die Therapie einleiten.

Erst im April hat außerdem Schleswig-Holstein als erstes Bundesland die Berufsordnung der Landesärztekammer eigenhändig geändert, so dass auch dort ansässigen Ärzten eine Fernbehandlung bei Erstkontakt erlaubt ist.

Onlineportale umgehen deutsches Recht

Druck, die bestehenden Regelungen anzupassen, kommt aber vor allem von Onlineportalen, die derzeit das bestehende Recht aushebeln.  Unternehmen wie DrEd und Fernarzt, die als reine Onlinepraxen fungieren, sitzen im Ausland - in Großbritannien oder der Schweiz etwa sind solche Telemedizin-Angebote längt gang und gäbe – und vermitteln deutschsprachige Ärzte, die online Diagnosen erstellen und per Fernapotheke etwa auch Rezepte und Medikamente verschicken. Damit umgehen sie das hierzulande geltende Verbot.  Ärztevertreter wollen diese Praxis an eigene Haftungs- und Berufsregeln anpassen.

In Berlin sind die Regeln noch strikt. „Die geplante Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes wird von der Ärztekammer Berlin grundsätzlich begrüßt“, sagt Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin gegenüber der Berliner Zeitung.  „Gleichwohl müssen neue Möglichkeiten gegen neue Risiken und Nebenwirkungen abgewogen werden. Eine reine Online-Behandlung von unbekannten Patienten ist gegenüber dem direkten Kontakt mit dem behandelnden Arzt immer unterlegen“, so Jonitz.

„Persönlicher Kontakt bleibt das Maß der Dinge“

Beschließt der Bundesärztetag die Änderung, müssen anschließend noch die Parlamente der Landesärztekammern nachziehen. Welche Regelung zukünftig in Berlin gelten wird, ist der Entscheidung der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Berlin vorbehalten. „Der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt wird auch in Zukunft das Maß der Dinge bleiben.

Der Einsatz von digitalen Übertragungsformen kann nur eine – im Einzelfall sinnvolle – Ergänzung darstellen“, heißt es in einem Statement der Berliner Ärztekammer. Wichtig sei, dass die Regelungen zur ärztlichen Sorgfaltspflicht auch bei der ausschließlichen Fernbehandlung gelten.

Das Vorhaben ist durchaus nicht unumstritten. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warnt: „Kommen Online-Sprechstunden in Mode, werden Hausbesuche nicht nur im ländlichen Raum noch seltener.“ Etwa bei Pflegebedürftigen sei der Arzt in der Behandlung aber „auf alle seine Sinne angewiesen“.

Auf dem Land fehlt schnelles Internet

Gerade in dünn besiedelten Gebieten fehlt zudem nach wie vor oft schnelles Internet, wie auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Gassen sagt: „In ländlichen Regionen haben wir überhaupt nicht die Voraussetzungen, um Telemedizin in großem Maßstab zu machen.“

„Jedem Noch-Nicht-Patienten sei empfohlen, sich frühzeitig einen Hausarzt zu suchen, der ihn im Akutfall persönlich betreuen kann“, verdeutlicht Jonitz von der Berliner Ärztekammer. Aber er ist sich auch sicher: Der technologische Fortschritt werde vor der Arztpraxis nicht Halt machen.