Mehr als 193.000 ukrainische Schüler in Deutschland

Schulen und Lehrkräfte in Deutschland schultern seit Monaten eine große Zusatzaufgabe: Zehntausende aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche sollen...

ARCHIV - Grundschüler aus der Ukraine sitzen in einem Klassenzimmer in Dresden.
ARCHIV - Grundschüler aus der Ukraine sitzen in einem Klassenzimmer in Dresden.Robert Michael/dpa

Berlin-Mehr als 193.000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind seit Beginn des russischen Angriffskrieges an den Schulen in Deutschland aufgenommen worden. Was nach außen bisher relativ geräuschlos zu funktionieren scheint, stellt die Einrichtungen und Lehrkräfte vor große Herausforderungen, wie Bildungsgewerkschaften und Lehrerverbände der Deutschen Presse-Agentur bestätigten. Ihrer Ansicht nach verschärfen sich die durch den Lehrermangel bereits bestehenden Probleme.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) gab die Zahl der an den Schulen in Deutschland angemeldeten geflüchteten Schüler aus der Ukraine am Donnerstag mit 193.141 an, 2242 mehr als in der Vorwoche. Die Länder melden die Zahlen wöchentlich an die KMK. Die meisten Schüler sind bisher in Nordrhein-Westfalen (36.558), Bayern (29.014) und Baden-Württemberg (26.573) untergekommen.

Die Zahlen sind seit dem Beginn des Krieges im Februar stetig angestiegen und haben nach den Sommerferien wegen neuer Anmeldungen noch einmal einen deutlichen Sprung nach oben gemacht. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa elf Millionen Schülerinnen und Schüler.

Personal und Räume fehlen

Viele Klagen sind zwar bisher nicht über die Aufnahme einer so großen Zahl neuer Schüler innerhalb so kurzer Zeit zu hören. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der nach eigenen Angaben als Gewerkschaft die Interessen von mehr als 160.000 Pädagogen vertritt, spricht aber auf Nachfrage von „kaum noch zu lösenden Herausforderungen“ an den Schulen.

„Raumknappheit, Lehrkräftemangel und fehlende Unterstützung durch andere Professionen, beispielsweise bei der Bearbeitung von Traumata, führen dazu, dass eine erfolgreiche Integration trotz höchstem Engagement der Lehrkräfte kaum leistbar ist“, sagte der Vorsitzende Udo Beckmann der Deutschen Presse-Agentur. Teils finde zum Beispiel seit Wochen und Monaten nahezu keine Kommunikation zwischen geflüchteten Schülern und Lehrkräften statt, weil Dolmetscher und Ehrenamtliche fehlten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies ebenfalls auf Probleme hin: Für die vielen an Schulen und Kitas angemeldeten ukrainischen Kinder und Jugendlichen fehlten pädagogische Fachkräfte und geeignete Räume, sagte die Vorsitzende Maike Finnern der dpa. „Aktuell warten schulpflichtige Kinder deshalb häufig monatelang auf einen Platz in der Schule oder sie erhalten nur ein eingeschränktes Bildungsangebot. Das erschwert die Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen massiv.“

Vom Deutschen Lehrerverband hieß es, die Aufnahme der ukrainischen Kinder und Jugendlichen verschärfe den Lehrkräftemangel und führe indirekt zu Stundenkürzungen und Streichung von Zusatzangeboten für alle Schülerinnen und Schüler. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, „sondern das ist die reale Lage“, sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. „Die Politik sollte so ehrlich sein, diese Notlage nicht schönzureden.“

Lehrkräftemangel oft nur verschärft

Meidinger zufolge bräuchte es für 200.000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler 12.000 bis 14.000 zusätzliche Lehrkräfte. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die an deutschen Schulen arbeiten oder aushelfen, deckten nur einen Bruchteil des Bedarfs ab. Eine Umfrage in den Bundesländern hatte im September ergeben, dass in Deutschland bisher etwa 2700 Lehr- und Hilfskräfte aus der Ukraine beschäftigt sind.

Laut Meidinger ist die Situation in den Schulen unterschiedlich. „Die Stimmung bei den Schulleitungen schwankt zwischen Stolz, die Versorgung gesichert und neue Beschulungskräfte gefunden zu haben, bis hin zu wirklicher Verzweiflung, mit den Problemen und den fehlenden Ressourcen weitgehend allein gelassen zu werden.“ Am Geld für zusätzliches Personal liege es meist nicht, sondern daran, dieses vor Ort auch zu bekommen. Das Problem, genügend Lehrkräfte zu finden, gab es zudem auch schon vor dem Krieg in der Ukraine.

Als positiv bezeichnete es der Lehrerverbandspräsident, dass Willkommenskultur und Aufnahmebereitschaft an den Schulen und innerhalb der Schulfamilien nach wie vor ungebrochen seien. Er sprach auch von großer Motivation und Anstrengungsbereitschaft bei vielen ukrainischen Kindern und deren Eltern. „Uns werden Fälle berichtet, wo es selbst in Vorabschlussklassen an Gymnasien Jugendlichen gelungen ist, trotz anfangs komplett fehlender deutscher Sprachkenntnisse innerhalb von Monaten den Anschluss zu finden.“ Schulsportmannschaften seien aufgrund neuer Mitschüler regelrecht „wiederbelebt“ worden.