Berlin - Der Berliner Senat hat sein Vorhaben aufgegeben, die Schulen nach einer Woche kompletter Schließung am Montag für eine größere Zahl von Schülern wieder zu öffnen. Jetzt gilt das nur für Zehntklässler und einige Oberstufenschüler. Außerdem ist es den Schulleitungen überlassen, ob sie diese Schüler ab Montag zum Präsenzunterricht bitten. Das bestätigte Bildungssenatorin Sandra Scheeres am Freitagabend im Gespräch mit der Berliner Zeitung. 

„Wir haben die Regelung modifiziert“, sagte die SPD-Politikerin und nannte dafür im Gespräch mehrere Gründe: Der erste sei der Anstieg der aktuellen Infektionszahlen. Man orientiere sich an den aktuellen Corona-Zahlen. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung am Freitag in Berlin bei 171,3 Neuinfizierten auf 100.000 Einwohner. Das sind drei Dutzend mehr als am Vortag. Außerdem ist am Freitag zum ersten Mal das mutierte Coronavirus in Berlin festgestellt worden.

Als weiteren Grund führte Scheeres die heftigen Proteste als Reaktion auf ihre ursprünglichen Pläne an. Seit zwei Tagen hatten immer mehr Brandbriefe und Protestnoten von Schulen die Senatsbildungsverwaltung erreicht. In einer Online-Petition sprachen sich zuletzt mehr als 30.000 Menschen dagegen aus. Vielen kam eine Öffnung angesichts des ansonsten heruntergefahrenen öffentlichen Lebens zu früh.

Seit Freitagabend nun gilt nach Scheeres’ Worten ein modifizierter Stufenplan: Die Präsenzpflicht ist bis zum 25. Januar aufgehoben. Am Montag sollen in den Gymnasien die abschlussrelevanten Jahrgänge 10 (MSA beziehungsweise Übergang zur Oberstufe) und 12 (Abitur), sowie in den Integrierten Sekundarschulen die Jahrgänge 10 und 13 im Präsenzunterricht beschult werden – wenn es die jeweilige Schulleitung mit den Elternvertretungen so verabredet. Der Unterricht erfolgt in halbierter Klassenstärke.

Wie Scheeres sagt, sei dieser Kompromiss „ein Zeichen an die Eltern“.  Insbesondere diejenigen Schüler, die im Frühjahr Abitur machen wollen, haben schon im ersten Lockdown vor zehn Monaten wertvolle Unterrichtszeit verpasst. Sie habe jedenfalls viele Rückmeldungen von Schulleitungen erhalten, die Präsenzunterricht anbieten wollen, sagte die Senatorin.

In der Konsequenz bedeutet die Planänderung jedoch auch, dass die Grundschüler länger im bereits seit einer Woche praktizierten Homeschooling bleiben müssen. Ursprünglich sollten die Erst- bis Drittklässler ab 18. Januar in halbierten Klassen in die Schulen kommen. Nun will sich der Senat auf seiner Sitzung am 19. Januar beraten und, wenn die Corona-Zahlen es zulassen, die Erst- bis Sechsklässler ab dem 25. Januar zur Schule schicken.

Bund kritisiert Alleingänge

Auf Bundesebene registrierte man das Vorpreschen mancher Länder, also auch Berlins, mit Befremden. Regierungssprecher Steffen Seibert wollte das Vorgehen am Freitag nicht direkt kommentieren. Man erwarte aber, dass die Länder den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz von Dienstag nicht weiter auslegen, als dieser gemeint sei. So sei die Aussetzung des Präsenzunterrichtes beschlossen worden, so Seibert.

Ein Blick auf die Regelungen der einzelnen Länder zeigt, wie zerstückelt die Schullandschaft in der föderalen Bundesrepublik ist. So öffnen etwa Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Thüringen ähnlich wie Berlin ab Montag die Schulen für einige Schüler. Am längsten warten Bayern und Nordrhein-Westfalen, die ihre Schulen kategorisch erst am Montag, den 31. Januar, wieder öffnen wollen. In Brandenburg sollen die Schulen bis 25. Januar geschlossen bleiben. Ausgenommen seien die Abschlussklassen. Ab 18. Januar soll die Situation neu bewertet werden.

Klagen über schlechte Ausstattung

In Berlin überwog zunächst der Ärger über die geplante frühe Öffnung. Tom Erdmann, der Chef der Bildungsgewerkschaft GEW, nannte sie noch am Freitagvormittag im Gespräch mit der Berliner Zeitung „völlig unverständlich“.

Dabei war seine eigene Rolle in der Entstehung und der Debatte nicht unproblematisch. So hat die GEW noch am Montag auf einer Sitzung des Hygienebeirats bei Senatorin Scheeres die Teilöffnung mitgetragen. Allerdings habe er „flankierende Hygiene- und Schutzmaßnahmen“ zur Bedingung gemacht – und die gebe es derzeit nicht, sagte Erdmann. „Die Schulen sind nicht besser ausgestattet als zu Beginn der Pandemie im März.“ Unter anderem fehlten Luftfilter für die Klassenräume. Nach Angaben der Bildungsverwaltung kommen jetzt „die ersten“ von insgesamt 1200 bestellten Geräten. Außerdem kritisiert er die Ausstattung mit FFP2-Schutzmasken für das Personal. Die Verwaltung hat einmalig 100.000 Stück für die rund 50.000 Lehrer und Erzieher bestellt – „und dann haben viele Masken nicht einmal ein gültiges Tüv-Siegel“.

Am Freitagnachmittag zog die GEW erste Konsequenzen und beendete „mit sofortiger Wirkung“ die Mitarbeit im Hygienebeirat. Dort fänden der Gesundheitsschutz der Pädagogen und die Interessen der Beschäftigten kaum Berücksichtigung. Eine „wirkliche Beteiligung und ein gemeinsames Abwägen“ mit allen Akteuren sei nicht möglich, hieß es zur Begründung.

„Scheitern mit Ansage“

Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner wertet Scheeres’ Abrücken von der ursprünglich geplanten Schulöffnung als „Scheitern mit Ansage“. Kurz vor knapp ziehe Rot-Rot-Grün die Notbremse. Aber der Schaden sei bereits angerichtet. „Mit ihrem eigensinnigen Vorpreschen hat die SPD-Bildungssenatorin maximale Verunsicherung ausgelöst. Eltern, Schüler und Lehrer sind die Leidtragenden dieser unverantwortlichen Politik. Wenn der Senat die Entscheidung über den Präsenzunterricht von Abschlussklassen jetzt an die Schulen weiterreichen will, ist das die nächste rot-rot-grüne Fehlleistung. Damit stiehlt sich der Senat aus der Verantwortung“, so Wegner. Das sei nicht nur „handwerklich schlecht, sondern schlicht dilettantisch“.

Wegner erwarte, „dass sich der Senat jetzt in Abstimmung mit Eltern, Schülern und Lehrern um einen pandemiesicheren Schulstart zur rechten Zeit kümmert. Es muss jetzt Schluss sein mit Ego-Trips und Solo-Touren. Gerade in dieser schwierigen Zeit brauchen Eltern, Schüler und Lehrer Verlässlichkeit und Planungssicherheit.“

Unterstützung für Berliner Weg

Doch es gab am Freitag auch fachliche Unterstützung für den Berliner Weg. So sagte Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), im Inforadio, dass „gerade in den ersten Schul- und Lebensjahren der Präsenzunterricht nicht ersetzbar“ sei. „Insofern ist der Ansatz in Berlin, wenn das die Gesundheitslage zulässt, sehr vernünftig, dass man gerade bei den kleinsten Kindern schnell anfängt, auch in begrenzten Klassen. Jetzt einfach zu sagen, das Schuljahr ist verloren und wir setzen das einfach irgendwann obendrauf, ist keine akzeptable Lösung.“