Berlin - Die Lebensarbeitszeit verlängert sich immer weiter. Aktuell sind über eine Million Beschäftigte 67 Jahre alt oder älter. Zeitgleich wird über weitere Verschiebungen des Renteneintrittsalters diskutiert. Verena Bentele, die Chefin des größten deutschen Sozialverbands VdK hält solche Tendenzen für falsch. Im Interview mit der Berliner Zeitung beschreibt sie, warum in ihren Augen ein höheres Renteneintrittsalter ein krasses Rentenkürzungsprogramm bedeutet.

Einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag zufolge waren im Jahr 2020 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre alt oder älter. Fast 600.000 hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Fast 220.000 waren sogar 75 Jahre oder älter und 72.000 Beschäftigte ab 80 Jahre alt. Unter den Menschen mit einer Beschäftigung ab 67 sind 800.000 Minijobberinnen und -jobber. Bei der Kombination aus Rente und Minijob muss man sich nicht sozialversichern und die zusätzlichen Einnahmen nicht versteuern.

Besonders viele Betroffene arbeiten in einem Büro, als Putzkraft oder Fahrerin oder Fahrer. Auch in den Bereichen Gebäudetechnik sowie Lagerwirtschaft und Zustellung sind viele Ältere tätig. Bereits seit Jahren stellen Arbeitsmarktforscher fest: Menschen fühlen sich im Rentenalter nicht unbedingt reif für den Ruhestand. Ältere sind im Schnitt auch fitter als frühere Generationen. Zudem sind Fachkräfte stark gefragt und auch im Alter begehrt. Vor allem Frauen sind laut Experten aber auch oft auf einen Zuverdienst zur Rente angewiesen.

Linksfraktionschef Dietmar Bartsch sieht darin nur die halbe Wahrheit. „Natürlich gibt es Beschäftigte, die freiwillig bis ins hohe Alter arbeiten, aber bei vielen ist es die schiere finanzielle Not, etwas hinzuverdienen zu müssen“, sagte Bartsch. Wenn Menschen, die über 70, 75, 80 oder gar über 85 Jahre alt sind, noch arbeiten müssten, sei das ein „Trauerspiel“.

VdK-Präsidentin Verena Bentele hält ein generelles Hochsetzen des Renteneintrittszeitpunkts für gefährlich. „Viele Menschen werden gar nicht so lange arbeiten können – das schaffen viele körperlich nicht. Menschen in harten Jobs, sei es auf dem Bau oder in der Pflege, beziehen niedrigere Renten und sterben im Schnitt früher“, sagt sie im Interview. Sie wirft der Politik vor, aus Angst vor Lobbygruppen vor der Alternative, einem Umbau des Rentensystems, zurückzuschrecken. Nach ihrer Vorstellung sollten Arbeiter, Angestellte, Beamte und Bundestagsabgeordnete gleichermaßen in die Rentenkasse einzahlen. (mit dpa)