BerlinDeutschen Ruheständlern geht es so gut wie lange nicht: Laut dem Alterssicherungsbericht der Bundesregierung, der der Berliner Zeitung vorab vorliegt, sind die Durchschnittseinkommen von 2015 bis 2019 um 14 Prozent gestiegen. Das heißt, das Haushaltsnettoeinkommen aller Ehepaare und Alleinstehenden im Alter ab 65 Jahren beläuft sich im Durchschnitt auf rund 2207 Euro im Monat. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit.

„Die betrachteten Zahlen berücksichtigen Pensionäre, Rentner und alle Einkommensarten gleichermaßen. Der Durchschnitt wird dadurch massiv verzerrt“, sagt Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, der Berliner Zeitung. Vergleicht man nur Pensionen und Renten miteinander, offenbaren sich erhebliche Unterschiede.

Männer, die beim Bund oder einer Kommune angestellt waren, erhalten rund 3300 Euro monatlich, Frauen 2770 Euro. Demgegenüber bekommt ein männlicher Rentner im Westen durchschnittlich 2022 Euro im Monat, im Osten sogar nur 1507 Euro brutto. Noch weniger in der Tasche haben die Frauen mit rund 917 Euro in den alten und 1164 Euro in den neuen Bundesländern.

Wie stark Armut im Alter zunehmen wird

Auch die Zahl der in Altersarmut lebenden Menschen scheint mit lediglich drei Prozent auf den ersten Blick vernachlässigenswert. Dieser Wert entspricht allerdings 566.000 Personen. „Allein von 2003, als 260.000 Menschen Grundsicherung im Alter bezogen, hat sich der offizielle Wert bis heute mehr als verdoppelt“, ordnet Bentele ein.

Sie kritisiert zudem, dass die Dunkelziffer deutlich höher liege, und verweist auf eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Demnach verzichten rund 60 Prozent derer, die Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben, auf einen Antrag. Das entspricht 625.000 Privathaushalten. „Viele Menschen schämen sich, im Alter zum Sozialamt zu gehen. Andere wissen gar nicht, dass sie Anspruch auf Grundsicherung haben. Und vielen ist der Antrag einfach zu kompliziert“, so Bentele.

Dieses Problem werde sich künftig weiter verschärfen. „Laut Prognosen wird sich die offizielle Zahl bis 2030 auf etwa 5,5 Prozent erhöhen.“ Im selben Zeitraum vergrößere sich die Gruppe derer, die von Altersarmut bedroht sind. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung spricht von jedem fünften Ruheständler.

Welche Menschen im Alter arm sind

Derzeit besonders von Altersarmut betroffen sind laut dem Alterssicherungsbericht ehemals Selbstständige und Menschen ohne Ausbildung. „Häufig sind es auch alleinerziehende Frauen, die aufgrund der Kindererziehung gar nicht oder nur in Teilzeit arbeiten konnten, weil Betreuungsangebote fehlten“, ergänzt Bentele. „Eine weitere sehr große Gruppe sind Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten.“

Die Einführung des Mindestlohns habe zwar zumindest das Erwerbseinkommen dieser Gruppe stark verbessert. Doch zeigten Berechnungen, dass Menschen, die ein Leben lang für diesen Lohn arbeiten, im Alter eine Rente unterhalb des Existenzminimums bekommen, also auf Grundsicherung angewiesen sind. „Für die Legitimation einer Rentenversicherung ist es aber wichtig, dass Menschen, die 45 Jahre gearbeitet haben, auch eine garantierte Rente oberhalb der Grundsicherung bekommen.“ Der VdK fordert daher eine Anhebung des Mindestlohns auf 13 Euro.

Zusätzlich plädiert der Verband für die Einführung eines Freibetrags auf die gesetzliche Rente. Denn wer derzeit Grundsicherung im Alter bekommt, dessen Ansprüche werden vollständig mit der Rente verrechnet. „Wenn es ähnlich wie bei der privaten und betrieblichen Altersversorgung einen Freibetrag gäbe, dürften Grundsicherungsempfänger einen Teil der Rente behalten“, so die Expertin. Sie schlägt einen Sockelfreibetrag von 100 Euro vor. Von der übrigen Rente sollten 30 Prozent bis zu einem maximalen Freibetrag von insgesamt 223 Euro angerechnet werden. So hätten die Betroffenen trotz niedriger Rente mehr als das Existenzminimum zu Verfügung.

Warum die Grundrente kein Instrument gegen Altersarmut ist

Ähnliches schlägt auch die FDP vor. Die Partei will, dass 20 Prozent der Rentenzahlung nicht mit der Grundsicherung verrechnet werden. Einen Sockelfreibetrag gibt es bei den Liberalen nicht. Für Bentele ist der Vorschlag daher „kein adäquates Mittel im Kampf gegen Altersarmut“.

„Unsere Basis-Rente würde gezielt auch denjenigen Menschen helfen, die kein lückenloses Berufsleben hatten“, sagte Johannes Vogel, Sprecher für Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik der FDP-Bundestagsfraktion, der Berliner Zeitung. Er fordert, dringend gegen Altersarmut vorzugehen und kritisiert die Grundrente der Bundesregierung. „Von allen Menschen, die trotz Ansprüchen in der Rentenversicherung im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind, gehen rund drei Viertel bei der Grundrente komplett leer aus.“

Tatsächlich ist die Grundrente primär kein Instrument im Kampf gegen Altersarmut. „Die Grundrente ist in erster Linie ein Instrument, um Lebensleistung anzuerkennen. Wer lange gearbeitet hat, muss im Alter, wenn es eben geht, mehr haben als die Grundsicherung“, sagt Ralf Kapschack, rentenpolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, der Berliner Zeitung. Um den Trend der sich ausbreitenden Altersarmut wirksam zu bekämpfen, brauche es „stabile Beschäftigungsverhältnisse und ordentliche Löhne“. Die Rente sei ein Spiegelbild des Erwerbslebens, sagt der Abgeordnete. „Sie kann nur unzureichend ausgleichen, was während der Berufstätigkeit ‚schiefgelaufen‘ ist.“