Unbeschwertes Aufwachsen.
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BerlinJahrzehntelang war es gängige Praxis, darüber gesprochen wurde kaum: Kinder, die mit nicht eindeutig zuzuordnenden Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kamen, wurden operiert, sodass sie – zumal in ihrem äußeren Erscheinungsbild – dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht entsprachen. Der Eingriff, der besonders in den 70er- und 80er-Jahren der damaligen „optimal gender strategy“ entsprach und der in der Regel nicht rückgängig gemacht werden kann, hatte für etliche der Kinder traumatische Folgen, dann nämlich, wenn sich herausstellte, dass das zugewiesene körperliche Geschlecht nicht mit der sogenannten Geschlechtsidentität übereinstimmte.

Ein Gesetzentwurf des Bundesjustizministerium soll das in Deutschland in Zukunft verhindern. „Ziel der Neuregelung ist es, Behandlungen zu verbieten, die das Recht des Kindes auf geschlechtliche Selbstbestimmung beeinträchtigen“, heißt es in einem Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums, dem das Bundeskabinett Ende September zugestimmt hat. Noch in diesem Jahr soll er in erster Lesung im Bundestag diskutiert werden.

Geburten von Kindern mit „Varianten oder Störungen der Geschlechtsentwicklung“ (Disorders of Sex Development, DSD) werden in Deutschland nicht statistisch erfasst. Schätzungen zufolge kommen jährlich 150 bis 350 Kinder intersexuell, also zwischengeschlechtlich zur Welt. Bei ihnen entsprechen Chromosomen, Gene, Hormonhaushalt oder Geschlechtsorgane nicht übereinstimmend dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht. Die Vereinten Nationen und die Organisation Intersex International gehen davon aus, dass bis zu 1,7 Prozent der Weltbevölkerung intersexuell geboren werden – das entspricht etwa dem Anteil rothaariger Menschen auf der Welt. In der Vergangenheit wurden  bei den Kindern etwa innenliegende Hoden entfernt oder eine extrem vergrößerte Klitoris operativ verkleinert.

Zwar besteht auch unter Medizinern längst Einigkeit, dass Operationen zur Geschlechtsfestlegung nicht voreilig vorgenommen werden dürfen. Derartige Eingriffe zielten auf „grundlegende, die Person in ihrem Wesenskern betreffende Eigenschaften“ teilt die Bundesärztekammer auf Nachfrage mit. „Deshalb sind spezielle medizinische Kompetenz, Expertise von Betroffenen und Unterstützung durch eine umfassend aufgeklärte Gesellschaft gleichermaßen gefragt.“

Wann sind Eingriffe medizinisch nötig?

Doch über die Frage, ob und wann eine Geschlechtsanpassung wirklich nötig ist, gehen die Meinungen auseinander. Während Ärzte auf die Möglichkeit pochen, jeden Fall individuell zu betrachten, fordern vor allem Betroffenenverbände ein grundsätzliches Operationsverbot: Zu oft würden medizinisch unnötige Eingriffe durchgeführt oder von Eltern gefordert, die Angst haben, ihr Kind könne in einer von lediglich zwei Geschlechtern geprägten Gesellschaft Nachteile haben.

Nun also soll die Gesetzesänderung für Klarheit sorgen und intergeschlechtliche Kinder in Zukunft besser vor unnötigen und im Zweifelsfall schädlichen Operationen schützen. Genau das ist mit dem neuen Paragrafen 1631e BGB nach Ansicht von Kritikern aber nicht gewährleistet. Sie stört vor allem, dass es auch mit der Änderung kein allumfassendes Verbot von geschlechtsanpassenden Operationen bei Kindern geben wird.

„So, wie ihn das Kabinett beschlossen hat, sieht der Entwurf etliche Schlupflöcher vor“, sagt Sven Lehmann, queerpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. So sollten zwar künftig Operationen verboten werden, die „ohne, dass ein weiterer Grund für die Behandlung hinzutritt, allein in der Absicht erfolgen, das körperliche Erscheinungsbild des Kindes an das des männlichen oder des weiblichen Geschlechts anzugleichen“, wie es im Gesetzentwurf heißt.

Doch schon diese Formulierung hält Lehmann für problematisch. „Weitere Gründe können von Ärzten schließlich immer gefunden werden, zum Beispiel, wenn es heißt, es sei dem Kind psychologisch nicht zuzumuten, mit einem nicht eindeutig zuzuordnenden Geschlecht aufzuwachsen“, sagt Lehmann. So werde das Verbot von vornherein schon wieder abgeschwächt. Geht es nach den Grünen, sollen Eltern in genitalverändernde, chirurgische Eingriffe bei Kindern nie einwilligen dürfen – es sei denn, die Gesundheit des Kindes ist in Gefahr.

Theoretisch will das auch das Gesetz: Für Eingriffe, „deren Durchführung zur Abwehr einer Gefahr für das Leben oder die Gesundheit erforderlich ist“, soll das Verbot nicht gelten. Eltern sollen einer Operation nur dann zustimmen können, „wenn der Eingriff nicht bis zu einer selbstbestimmten Entscheidung des Kindes aufgeschoben werden kann.“

Für Lehmann ist das eine Mogelpackung. „Eine Angleichung des körperlichen Erscheinungsbildes kann immer aufgeschoben werden, denn das ist ja keine lebensnotwenige Operation“, sagt der Abgeordnete. „Es handelt sich dann faktisch um rein kosmetische genitalverändernde Eingriffe – und die müssen grundsätzlich verboten werden, bis das Kind das 14. Lebensjahr erreicht hat und selbst darüber entscheiden kann.“ Diese Position entspricht der Forderung von Interessensverbänden intergeschlechtlicher Menschen.

Kritik der Bundesärztekammer

Widerstand kommt ausgerechnet von Ärzten. So wendet sich die Bundesärztekammer gegen ein „undifferenziertes Operationsverbot der betroffenen Kindern und Jugendlichen“. In Einzelfällen, so die Ärztevertretung, könnte sich ein solches Verbot sogar kontraproduktiv auswirken. Die Mediziner fürchten, dass mit einem generellen Operationsverbot, die Gefahr bestehe, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert würden, die im Zweifel eben doch für eine Behandlung von DSD sprächen. Auch wisse man noch nicht genug darüber, wie sich irreversible Behandlungen auf die körperliche und psychische Entwicklung eines Kindes auswirkten. Jeder Einzelfall müsse daher individuell bewertet und entsprechend behandelt werden.

„Ich unterstelle weder den behandelnden Ärzten noch den Eltern eine schlechte Absicht“, sagt Sven Lehmann dazu. „Auch sie haben ja das Wohlergehen des Kindes im Sinn und müssen eine Entscheidung treffen.“ Auch nach dem Willen der Grünen sollen Operationen zugelassen werden, wenn die Gesundheit des Kindes bedroht ist. „Mit dem aktuellen Gesetzentwurf erhebt die Bundesregierung aber Schlupflöcher zum Standard“, sagt Lehmann. „Das kann nicht im Sinne der Kinderrechte sein. Operationen, die aufschiebbar sind, müssen auch aufgeschoben werden.“

Für besonders gravierend hält Lehmann einen Passus im Gesetzentwurf, demzufolge sich die Eltern, die nach wie vor eine geschlechtsangleichende Operation für ihr Kind wünschen, an eine interdisziplinäre Kommission wenden müssen, die aus Ärzten, Sozialpädagogen und Kinderpsychologen bestehen soll. „Wenn diese Kommission sich aber gegen eine Operation ausspricht, kann das Familiengericht trotzdem seine Zustimmung zur Operation geben – es muss die Eltern lediglich verpflichten, sich zum Thema Intergeschlechtlichkeit beraten zu lassen.“ Damit, sagt Lehmann, würden die kosmetischen Operationen faktisch legalisiert.