Berlin - Von einer „dramatischen Gefährdungssituation“ sprach Andreas Kraus, der die Berliner Konzernrepräsentanz der Prüforganisation Dekra leitet, am Freitag bei der Vorstellung des Verkehrssicherheitsreports 2012. Besonders gefährdet sind demnach Senioren. Jeder dritte Verkehrstote in Berlin war im vergangenen Jahr 65 Jahre und älter. „Es gibt in der deutschen Hauptstadt einen großen Nachholbedarf, was die Rücksicht im Straßenverkehr besonders den schwächeren Verkehrsteilnehmern gegenüber angeht“, bekräftigte Mario Schwarz, Gebietssprecher Berlin-Brandenburg der Dekra.

Die Organisation will deshalb eine frühestmögliche Verkehrserziehung in der Grundschule und eine höhere Akzeptanz der Verkehrsregeln erreichen. Dekra-Sprecher Schwarz forderte Senioren auf, sich freiwillig einem Test im Fahrsimulator und einem Gesundheitscheck zu unterziehen, um zu ergründen, ob sie noch fahrtüchtig sind.

Auch Gesamtzahl der Verkehrstoten gestiegen

„Die Zahl der älteren Verkehrsteilnehmer nimmt in den kommenden Jahren stark zu“, sagte Schwarz. Erst am Mittwoch hatte ein 72-jähriger Autofahrer in Berlin wegen gesundheitlicher Probleme die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und drei Autos gerammt. Die Dekra wies in ihrer Studie nach, dass Senioren öfter Vorfahrtsfehler begehen, während junge Erwachsene vor allem zu schnell fahren.

Ein generelles Problem sei das Fahren unter Alkoholeinfluss. Dekra-Sprecher Schwarz verlangte vom Berliner Senat, Blitzer „nicht nur als Gelddruckmaschinen“ an besonders opportunen Orten aufzustellen, sondern Geschwindigkeitskontrollen verstärkt an den Unfallschwerpunkten durchzuführen. Sein Kollege Kraus regte an, dass Berlin mehr Rotlicht-Blitzer an Ampeln aufstellen könnte und Fahrradwege besser pflegen sollte.

Jürgen Trittin, Grünen-Fraktionschef im Bundestag, forderte im Gespräch mit der Berliner Zeitung, mehr Fahrradstreifen in Berlin. An der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg müssten sich „die vielen Radfahrer auf viel zu schmalen Radwegen drängeln“. Der Grünen-Politiker kritisierte zugleich „Radfahrer, die ohne Licht und helle Bekleidung unterwegs sind“. Zuvor hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) rücksichtslose Fahrradfahrer als „Kampf-Radler“ tituliert. Als Neuberliner räumte auch Dekra-Sprecher Schwarz ein, dass er sich sehr über die riskante Fahrweise der hiesigen Radfahrer geärgert habe. Ein großes Risiko stellten künftig auch die mit Elektromotor betriebenen Pedelecs dar, warnte Schwarz. Diese seien für Autofahrer kaum von normalen Radlern zu unterscheiden.

Auch die Gesamtzahl der Verkehrstoten in Berlin ist erstmals seit sechs Jahren nicht mehr rückläufig. Im Jahr 2011 kamen insgesamt 54 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, statistisch ein Anstieg von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bundesweit stieg die Zahl der Verkehrstoten um neun Prozent. Allerdings herrschte im Frühjahr und Herbst 2011 recht gutes Wetter. Bei trockener Fahrbahn steigen mehr Menschen aufs Rad, Autofahrer sind schneller unterwegs. Auch dadurch steigt die Unfallgefahr. (mit pn.)