Der Himmel über Berlin in der Silvesternacht. 
Foto: BLZ/Paulus Ponizak

BerlinVollgemüllte Straßen, eine hohe Feinstaubbelastung, verängstigte Menschen und Tiere, und immer wieder Schwerverletzte: Es gäbe gute Gründe, auf das Abschießen von Raketen und das Werfen von Böllern zum Jahreswechsel zu verzichten. Aber viele Deutsche lieben diese Tradition.

Sie feuern Jahr für Jahr Silvester etwa 130 Millionen Euro in die Luft. Mehrere Städte verbieten für bestimmte Gebiete in diesem Jahr allerdings das Böllern. Wie eine Umfrage für die Berliner Zeitung (Redaktionsnetzwerk Deutschland) zeigt, fände ein generelles Verbot inzwischen auch eine Mehrheit.

Mindestens 30 Städte und Gemeinden in Deutschland haben für das kommende Silvester ein teilweises oder sogar völliges Böller-Verbot erlassen. Dazu zählen Berlin, Hamburg, München und Köln. Dort geht es vor allem darum, größere Menschenansammlungen vor „Beschuss“ zu schützen. An Nord- und Ostsee gilt größtenteils ein komplettes Verbot. Grund: erhebliche Brandgefahr für reetgedeckte Häuser.

Berliner Verbotszonen

In Berlin sind in der Silvesternacht Feuerwerk und Böller außer auf der Partymeile am Brandenburger Tor auch in zwei weiteren Gebieten verboten. Das betrifft in Mitte den nördlichen Alexanderplatz und in Schöneberg die Gegend zwischen Steinmetz- und Pallasstraße nebst Umgebung, erinnerte die Polizei. Das Verbot gilt von Silvester 18 Uhr bis zum Neujahrstag um 6 Uhr. Erlaubt sind lediglich Wunderkerzen, Tischfeuerwerke und Knallerbsen, die ohnehin das ganze Jahr verwendet werden dürfen.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Canan Bayram aus Berlin sagte: „Ein Böllerverbot in Städten halte ich für unausweichlich. Ich unterstütze die Bundesländer in ihrem Wunsch, rechtssichere Verbote für Feuerwerkskörper einzuführen. Klar ist, dass es unter Umwelt- und Gesundheitschutzaspekten möglich und geboten sein sollte. Die öffentlichen Debatten zeigen, dass es das Bewusstsein über den Nutzen und den Wunsch in der Bevölkerung für ein Verbot gibt.“ Tatsächlich kann eine Mehrheit der Bundesbürger einem Böller-Verbot zu Silvester aus Umwelt- und Sicherheitsgründen Positives abgewinnen.

Aus dem neuen Wahlbarometer des Redaktionsnetwerkes Deutschland geht hervor, dass 57 Prozent der Befragten ein Verbot eher befürworten.

6 Prozent der Befragten sprechen sich eher gegen solche Maßnahmen aus, sieben Prozent sind unschlüssig und antworten mit „Weiß nicht“. Das Meinungsforschungsinsituts YouGov hat für das RND-Wahlbarometer zwischen dem 13. und dem 17. Dezember 2000 Teilnehmer befragt. Ein Verbot findet bei den Anhängern aller Parteien eine deutliche Mehrheit. Lediglich die Wähler der AfD sprechen sich nur zu 40 Prozent dafür aus. Die Zustimmung liegt bei über 55-Jährigen mit 63 Prozent besonders hoch, am geringsten fällt sie bei den 35- bis 54-Jährigen mit 51 Prozent aus.

Gefährdung von Menschen ist entscheidend

Auffällig: 63 Prozent der Frauen lehnen das private Böllern ab, aber nur die Hälfte der Männer. Ein entschiedener Befürworter eines Böller-Verbots ist Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Er begründete seine Haltung kürzlich im Deutschlandfunk so zur Silvester-Böllerei: „Wir haben die höchsten Feinstaubwerte des Jahres in den Stunden, manchmal Tagen danach. Wir haben aber auch das Problem mit Tausenden von Verletzungen, mit Hausbränden, Wohnungsbränden.

Das ist gerade die Zeit, wo man sich eigentlich freuen soll auf das nächste Jahr, und Rettungssanitäter, Notärzte, Feuerwehrleute, die haben einen Krisenmodus und können quasi nie mit ihren Liebsten in Ruhe feiern. Wir möchten Silvester 2.0 ohne diese schwarzpulvergetriebenen Knaller und Raketen.“ Verbote sind allerdings gar nicht so leicht durchzusetzen. Dies geht bisher nur für bestimmte Gebiete, wenn es dort stark gefährdete Gebäude, Krankenhäuser oder Tankstellen gibt oder wenn Menschen schon einmal durch Feuerwerk gefährdet wurden.

Das geschah zum Beispiel 2015 auf der Kölner Domplatte oder voriges Silvester in der Münchner Innenstadt, als Raketen waagerecht in die Menge geschossen wurden.

Was können die Kommunen tun?

Die Deutsche Umwelthilfe hat inzwischen in 98 Städten Verbotsanträge gestellt. Außerdem hat die Umwelthilfe die Bundesregierung aufgefordert, die Sprengstoff-Verordnung so zu ändern, dass die Kommunen in die Lage versetzt werden, vereinfacht und großflächig Verbote auszusprechen.

Das Land Berlin hat inzwischen einen entsprechenden Antrag über den Bundesrat eingebracht. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat bereits Zustimmung signalisiert, will eine Änderung aber erst in zwei Jahren umsetzen.

Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor hält ein Verbot aber nicht für verhältnismäßig. Er sagte der Berliner Zeitung (Redaktionsnetzwerk Deutschland): „Wer aus Gründen der Feinstaubbelastung jetzt auch noch das Silvesterfeuerwerk verbieten will, hat jedes Gefühl für eine sinnvolle Schwerpunktsetzung verloren.

Man muss kein großer Fan von Böllern und Raketen sein und ich habe auch persönlich jedes Verständnis für eine skeptische Haltung, aber diese leidigen Verbotsdiskussionen gehen mir einfach zu weit. Jeder kann zu Silvester auf Feuerwerk verzichten, aber er braucht dafür doch nicht den Staat, um ihm das zu verbieten.“