Schon länger plane ich das Ende meiner Kolumne, wollte jedoch abwarten, in welcher Weise unser Bundespräsident an den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion erinnert. Wie Sie lesen konnten, war ich davon tief berührt.

Zuerst zum Aktuellen. Viele Leser folgten meinem Aufruf, der Umbenennung der Mohrenstraße zu widersprechen. Darauf reagierte das Bezirksamt Mitte mit dieser Drohung: Im Widerspruchsverfahren werde je nach Aufwand „eine Gebühr von 36,79 bis 741,37 €“ fällig. Allerdings gestattet die grün-rote Herrschaft, die ständig von Partizipation schwadroniert, allergnädigst den Rückzug: „Wenn Sie den Widerspruch zurücknehmen, würden keine Gebühren anfallen.“ Dazu passt der höhnische Ton, mit dem das Amtsschreiben an die lästigen Petenten beginnt: „Sehr geehrter/e …, vielen Dank für Ihr Interesse am pulsierenden Hauptstadtbezirk im Herzen von Berlin.“ Wie mir eine empörte Leserin schrieb, waren Eingaben in der DDR kostenlos.

Die Wegbenenner der Mohrenstraße werden von Senator Klaus Lederer (Linke) mit einigen Millionen aus Steuermitteln gefördert und als „zivilgesellschaftliche Akteur*innen“ umschmeichelt. Diejenigen, die widersprechen, gelten der grün-roten Obrigkeit als unzivilisierte Untertanen, die mittels Gebührenpeitsche umerzogen werden müssen. Ich bleibe bei meinem Widerspruch, schlage aber all denen vor, die das Kostenroulette der grün-roten Bezirksgewaltigen verständlicherweise scheuen, ihren Widerspruch zurückzuziehen.

Um seine Art von Antirassismus zu unterstreichen, fand Senator Lederer für die demnächst im Humboldt-Forum präsentierten Benin-Bronzen diese Worte: „Das Zeug ist geklaut!“ Letzteres stimmt. Aber würde Lederer, wenn es um die Rückgabe eines arisierten Chagall-Gemäldes ginge, von „Zeug“ reden? Gewiss nicht. Doch locker vom Hocker bezeichnet er die Kunstwerke aus Benin als „Zeug“ – banausischer und rassistisch herablassender kann man über das Weltkulturerbe Afrikas kaum sprechen. Um das zu kaschieren, um der eitlen Einbildung willen, man gehöre selbst zum besseren Teil der Menschheit, soll die seit 320 Jahren bestehende Mohrenstraße ausgemerzt werden.

Vor mehr als 24 Jahren wurde ich Mitglied der Redaktion der Berliner Zeitung. Später arbeitete ich wieder frei, schrieb Bücher, blieb aber der Zeitung und ihren Lesern verbunden. Nunmehr möchte ich mich noch auf ein, zwei oder drei Bücher konzentrieren. Dann ist die mir gegebene Zeit ohnehin vorbei. Schade, aber unausweichlich.

Als Süddeutscher war ich 1968 nach Westberlin geflohen. Dort, im Schatten der Mauer, genossen wir Achtundsechziger parasitäre Freiheiten – auf Kosten westdeutscher Steuerzahler und vor allem auf Kosten jener, die hinter der Mauer saßen. 1986 stand ich mit meinem aus Olbernhau stammenden Freund Klaus Hartung (1940–2020) am Potsdamer Platz und fragte ihn zweifelnd: „Meinst du, wir erleben es noch, dass diese Mauer fällt?“ Er: „Gut möglich, und, lieber Götz, es wird die spannendste Zeit in unserem Leben werden.“ Klaus hatte recht, und so kam ich zur Berliner Zeitung. Ein Glücksfall für mich. Vielleicht konnte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, manchmal etwas von meinem Glück zurückgeben. Ich verbeuge mich vor Ihnen und bedanke mich für Ihren Beifall, Ihr Schweigen und Ihre gelegentlichen Pfiffe von Herzen.