Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinSeit knapp vier Jahren schreibe ich jede Woche an dieser Stelle eine Kolumne. Manchmal bekomme ich Leserpost. Vergangene Woche meldete sich zum Beispiel jemand mit dem Namen Dr. Atomreisfleisch, 4376 Follower, und wollte etwas zu meiner Kolumne „Drosten und der kleine Angsthase“ sagen. Darin hatte ich die einseitige Fixierung auf das Urteil einzelner Virologen beschrieben und stellte die Frage, warum nicht stärker diskutiert wird, wie lange wir als Gesellschaft bereit sind, den Ausnahmezustand auszuhalten. 

Dr. Atomreisfleisch schrieb mir über Twitter: „Vielleicht sollte man als erwachsene Frau irgendwann merken, dass ostentative Mädchenhaftigkeit nur bis zu einem bestimmten Alter taugt, um intellektuelle Defizite zu kaschieren. Auf jeden Fall wirkt es auf mich unangenehm, wenn man es nicht merkt.“ Dem Doc hatte meine Kolumne wohl nicht gefallen. Das macht aber nichts. Offenbar wissen viele Menschen nicht, was eine Kolumne im Gegensatz zu einer Nachricht oder einer Reportage ausmacht. Kolumnen sind Meinungsbeiträge, subjektiv und persönlich gefärbt, manchmal sogar ironisch. Zustimmung und Widerspruch sind erwünscht. Es ist der Tod eines Kolumnisten, wenn sich niemand über seine Texte aufregt.

Mich hat auch nicht der Vorwurf getroffen, ich sei zu doof, das hört man als weibliche Autorin nun wirklich jede Woche („Wie blind und blöd sind Sie eigentlich?“), sondern der, dass ich angeblich zu alt für „ostentative Mädchenhaftigkeit“ sei. Frechheit! Ich habe mir daraufhin gleich einen Pony schneiden lassen, DocMartens gekauft und mich bei Tiktok angemeldet. Mädchenhaft genug, Doc?

Es meldeten sich noch viele andere Leser, die sich über meinen Text aufgeregt hatten. Sie schrieben allerdings nicht: „Ich bin anderer Meinung.“ Oder: „Ihre Argumentation überzeugt mich nicht.“ Torf Kopf, 1 Follower, schrieb: „Ihr Artikel ist nicht hilfreich.“ Wobei mein Artikel nicht hilfreich ist, blieb unklar. Bei der Bekämpfung der Pandemie? Der Vermehrung des Ruhmes eines einzelnen Virologen? Helfen gehört nach meinem Verständnis nicht zu den Aufgaben des Journalismus, aufklären, informieren, hinterfragen schon.

Ein gewisser Sascha Pallenberg, 40.924 Follower, klagte an, ich würde mit meinem Text den „Nährboden für Schwurbler“ schaffen. Mit Schwurbler sind heute diejenigen gemeint, die von einer Fake-Pandemie reden. Interessant, dass man wegen nüchtern vorgetragener Fragen gleich in die Nähe von Verschwörungstheoretikern gerückt wird. Die Debatte wurde immer größer, von den Schwurblern war es nicht weit zu den Querdenkern. Ein ChrissRuppelt, 120 Follower, warf mir vor, ich wolle die Demokratie zerstören: „Es geht den lauten Gegnern nicht um Debatte, sondern um Geld und Destruktion der Demokratie, das haben die Querdenker nur noch nicht verstanden.“ Ich war ein bisschen durcheinander. Bin ich zu doof oder will ich die Demokratie zerstören? Unfähig oder allmächtig? Vielleicht beides? 

Ich bin ja etwas später in die Demokratie gekommen und lerne quasi noch täglich, aber mein Verständnis war immer, dass Fragenstellen Teil des demokratischen Prozesses ist. Aber vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. In einer Hinsicht hat ChrissRuppelt mich aber durchschaut, worum es mir wirklich geht. Ich werde für diese Kolumne bezahlt. Sogar mit Geld.