Melania Trumps Erfolgsgeheimnis: Sie steht fest zum Präsidenten und verfolgt keine Agenda.
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Washington/BerlinEin bisschen Abwechslung wäre schon ganz schön. Denn im Moment macht es mit den Pandemie- und Rassismus-verheerten USA echt keinen Spaß. Ihr Präsident läuft politisch Amok. Er tut dies seit jeher, aber zur Zeit besonders schlimm, hält die Corona-Krise für eine Erfindung der Demokraten, glaubt an eine in China ausgeheckte Corona-Verschwörung, trägt für seine fortgesetzte und todbringende Realitätsverweigerung keine Verantwortung, liebäugelt stattdessen mit der Idee, sich an die Macht zu putschen, sollte er die Wahlen im November verlieren, und damit das Land vollends in den Abgrund zu reißen – und befeuert die anti-rassistischen Massenproteste in seinem Land mit Chauvinismus und Ignoranz.

Aber gut, wenden wir uns stattdessen Melania Trump zu. Über die Frau des US-Präsidenten ist ein neues Buch erschienen, und das kommt ganz vielversprechend daher. Es könnte in all der politischen Tristesse sogar boulevardeske Kurzweil bieten. Autorin ist Mary Jordan, eine mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Reporterin der Washington Post. Ihr Buch heißt „The Art of Her Deal: The Untold Story of Melania Trump“, was mit „Die Kunst ihres Deals: Die unerzählte Geschichte von Melania Trump“ zu übersetzen ist und auf den Titel des Buches „The Art of the Deal“ anspielt, das Donald Trump im Jahr 1987 veröffentliche, ein Mix aus prahlerischen Lebensweisheiten und Geschäftstipps.

Simon & Schuster
Das Buch

Mary Jordan: The Art of Her Deal. The Untold Story of Melania Trump. Verlag Simon & Schuster, New York. 352 Seiten, 28 Dollar.

Der werbeträchtige Gossip-Kracher aus Jordans Buch wurde vorab in der Washington Post veröffentlicht und sorgte schon für etwas Aufregung: Melania soll nach dem Wahlsieg ihres Ehemannes den Ehevertrag knallhart neu verhandelt haben. Dabei, so Jordan, sei es um den gemeinsamen Sohn gegangen: „Sie wollte einen schriftlichen Nachweis, dass Barron in Bezug auf Geschäft und Erbschaft den drei ältesten Kindern von Trump gleichgestellt sein würde.“ Dass darüber sehr zäh verhandelt worden sein muss, will Jordan in dem Umstand erkennen, dass Melania erst sehr viel später ins Weiße Haus einzog – bekanntlich blieb sie bis Juni 2017 in New York City. In der Tat löste das einige Verwunderung aus.

Die offizielle Begründung Melania Trumps lautete derzeit, das Schuljahr des damals zehnjährigen Barron in New York nicht unterbrechen zu wollen. Das sei nicht falsch gewesen, so Jordan, es sei aber auch um ein zweifaches Druckmittel zur Neuverhandlung des Ehevertrages gegangen. Zum einen heizte die Verzögerung die rufschädigenden Spekulationen um den Zustand der nunmehr präsidialen Ehe an, zum anderen kostete die Entscheidung, zunächst in New York zu bleiben, den Steuerzahler mindestens  125.000 US-Dollar pro Tag – für die notwendigen Vorkehrungen zur Sicherheit von Melania und Barron.

So könnte es gewesen sein. Jordan sucht und findet Indizien, etwa dass Beobachter im Weißen Haus ab Mitte 2018 einen Stimmungsaufschwung bei Melania bemerkt hätten: Die gute Laune der First Lady sollte nach Angaben von drei Personen aus ihrem Umfeld auf den neugeschlossenen Ehevertrag zurückgehen. Jordan schreibt, Melania habe bereits sichergestellt, dass Barron sowohl die Staatsbürgerschaft ihres Herkunftslandes Slowenien als auch die der USA besäße. Das würde ihm erlauben, als Erwachsener für die Trump-Organisation in Europa zu arbeiten. Bei der Neuverhandlung habe sie dann sicherstellen wollen, dass Barron aus dem Konzern nicht ausgeschlossen werden könne.

Ob sie Hosen trägt, um ihn zu ärgern? Quatsch!
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Soweit die Indizien. Jordan verdichtet sie zu der titelgebenden These von Melania als ebenbürtige Verhandlungspartnerin, als Deal-Makerin. Dafür zitiert sie Donald Trump – und zwar einen seiner Geschäftstipps: „Das Beste, was Sie tun können, ist, Ihre Stärke richtig einzusetzen, und Hebelwirkung ist die größte Stärke, die Sie haben können.“ So schrieb Trump in „The Art of the Deal“ und schlussfolgerte: „Hebelwirkung bedeutet, etwas zu haben, das der andere will. Oder, noch besser, braucht. Das Beste aber ist, ich kann einfach nicht darauf verzichten.“ In New York „hatte Melania eben diese Hebelwirkung“, so Jordan: Für Trump sei sie in Washington unverzichtbar gewesen – und sie habe das zu ihren Gunsten genutzt.

Nun möchte Jordan mit ihrem Buch allerdings noch ganz woanders hin. Sie will zeigen, dass Melania Trump weder Mitläuferin noch Widerständlerin in dem Familienunternehmen ihres Mannes ist. In die eine wie die andere Richtung wird seit jeher spekuliert. Manche sehen in Melania auch eine Gefangene im Weißen Haus – die uns zum Beispiel mithilfe ihrer eigenwilligen Kleiderwahl versteckte Botschaften, ja Hilferufe übermittle. Oder die Hosenanzüge trage, wenn sie ihren Mann ärgern wolle, weil der Frauen gern in engen, kurzen, supersexy und weiblichen Kleidern sehe. Rechnen wir das mal getrost dem Bullshit zu. All diese Erklärungen haben uns diese Frau bislang nicht enträtselt.

Klischees sind mächtig. Das 1970 in Slowenien geborene Model hat seit jeher die Fantasien beflügelt, Männerfantasien zumal. Und die lauten in der Summe dann ungefähr so: Die Osteuropäerin Melania Knauss, eine Goldgräberin, arm, aber schön, angelt sich einen superreichen Amerikaner, macht also sehr gute Beute und lässt sich als „Trophy-Wife“ für ein bisschen Reproduktionsarbeit fürstlich bezahlen, bekommt unter anderem auch ein Kind, mit dem sie dem Ehemann den Familienclan und damit die Einflusssphäre vergrößern hilft und zugleich sich selbst einen zumindest geldwerten Platz in der Statthalterordnung sichert. Auch Jordans Erzählung ist nicht ganz frei von diesem sexistischen Klischee.

Party People: Donald Trump und Melania Knauss im Jahre 1999 – bei den MTV-Video-Music-Awards in New York.
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Dennoch bietet sie etwas mehr als die zu erwartende Mischung aus „House of Cards“ und „Denver Clan“ und möchte, wie auch schon die CNN-Reporterin Kate Bennet in ihrem Buch „Free, Melania“, in der First Lady vor allem eine starke Frau sehen. Die mit ihrem eigenen Kopf hinter, neben und auch vor ihrem Mann steht. Die wie auch ihr Mann unbedingte Loyalität über alles stelle. Die sich aber auch gegen die Entmachtungsversuche der allgegenwärtigen Trump-Tochter Ivanka im Weißen Haus erfolgreich wehrte – das „First Lady‘s Office“ wurde eben nicht in „First Family Office“ umbenannt – und die wohl die einzige ist, die sich trauen darf, Donald Trump unverblümt die Meinung zu sagen. Er höre ihr stets zu.

Jordan zitiert den ehemaligen Sprecher des Präsidenten, Sean Spicer: Immer wenn Melania bei einer Diskussion anwesend war und „der Präsident sagte: ‚Sie hat Recht‘, war das das Ende der Diskussion“. Und so fasst Jordan denn ihre Recherche zusammen: „Mehr als ein Dutzend Befragte aus der Vergangenheit oder der Gegenwart des Weißen Hauses führten Melanias Einfluss auf die Tatsache zurück, dass Trump glaubt, fast alle außer Melania hätten eine Agenda. Er glaubt, dass sie keine Hintergedanken habe und nur seinen Erfolg wolle.“ Ein zweifelhaftes Lob: Die First Lady ist mächtig, weil sie keine eigenen Ziele verfolgt – oder weil man von ihr denken kann, sie habe keine eigenen Ziele.

Das ließe sich etwas paradox als super-raffinierter Nullpunkt der Emanzipation bezeichnen. Melania, eine unbewegte Bewegerin, unantastbar. Das ist kein beruhigender, aber ein durchaus wahrscheinlicher Befund.