New York/WashingtonJill Biden hat sich im Rampenlicht nie sonderlich wohl gefühlt. Auch als Frau des Vizepräsidenten der USA – von 2009 bis 2017 war sie als Ehefrau von Joe Biden ja schon die Second Lady der Vereinigten Staaten – sah sie öffentliche Auftritte eher als Pflicht an denn als Quell der Freude. Der Promi-Status, den ihre gute Freundin Michelle Obama so würdevoll und inspiriert interpretierte, war ihr immer eher unbehaglich.

Und so rang die 69-Jährige in diesem Frühjahr mit sich, ob sie ihren Job als Englisch-Professorin überhaupt unterbrechen soll, nur weil ihr Mann für die Präsidentschaft kandidiert. Monatelang von Event zu Event und von Interview zu Interview zu tingeln, erschien ihr eher wie eine Tortur. Als sie sich dann schließlich doch dazu durchrang, ein Semester auszusetzen, um ihren Mann zu unterstützen, hielt sie ihre öffentlichen Auftritte dezidiert gedämpft.

So etwa ihre Rede zum Nominierungsparteitag der demokratischen Partei. Die Pandemie ersparte es ihr dankenswerterweise, vor eine Arena mit Zehntausenden von Menschen zu treten. Stattdessen stellte sie sich in einem schlichten grünen Kleid und beinahe ohne Schmuck in das Klassenzimmer der Highschool ihrer Heimatstadt Wilmington, um die Nation darum zu bitten, ihren Mann zu wählen.

Die Rede war nicht zuletzt eine Liebeserklärung an ihren Joe, der, wie sie sagte, mit einer tiefen inneren Kraft eine zerbrochene Familie geheilt und zusammengehalten habe. Mit derselben Kraft, versprach Jill Biden, werde er dieses Land wieder zusammenbringen, das so zerrissen sei und dem es so schlecht gehe.

Die Trumps und die Bidens nach der ersten TV-Debatte in Cleveland im Bundesstaat Ohio.
Foto: AP Photo/Julio Cortez

Es war eine leidenschaftliche Ansprache, getragen von einer Liebe, die man so nicht vortäuschen kann. Jill und Joe, das war an jenem Abend im August zu spüren, sind eine eng verwobene Einheit. Sollte Joe Biden am kommenden Dienstag zum Präsidenten der USA gewählt werden, dann wird ihm, daran besteht kein Zweifel, seine Jill in allen Höhen und Tiefen eng zur Seite stehen.

Die Rede von Melania Trump beim republikanischen Parteikonvent eine Woche später bildete dazu einen geradezu brutalen Kontrast. Trumps Designerkostüm war militärisch olivgrün, trotz Covid hatte die 50-Jährige eine Hundertschaft an Beifallspendern in den Rosengarten des Weißen Hauses geladen. Zu dem Zweck war ein breiter Betonlaufsteg durch die Gartenanlage gelegt worden, die Generationen von First Ladies liebevoll gepflegt hatten.

Melania Trump las monoton ihren Teleprompter ab, man hatte nicht den Eindruck, als habe sie den Text verinnerlicht, der für sie geschrieben worden war. Nichts an ihrem Tonfall oder Ausdruck verriet, dass sie sich tatsächlich um den Zustand der Nation sorgt. Noch, dass sie wirklich glaubt, die USA brauchten dringend vier weitere Jahre lang ihren Mann im Weißen Haus.

Das öffentliche Bild von Melania Trump hat sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren dramatisch gewandelt. Die Tatsache, dass sie sich anfangs weigerte, überhaupt von New York nach Washington umzuziehen, wurde als klares Zeichen dafür gewertet, dass es in der Ehe zwischen der First Lady und dem Präsidenten tiefe Risse gibt. Die Enthüllungen über Trumps sexuelle Entgleisungen und Übergriffe, so wurde spekuliert, hätten einen unüberbrückbaren Graben zwischen den beiden geschaffen. Die Art und Weise, wie Melania ihren Mann in der Öffentlichkeit mit kleinen Gesten schnitt, schien das zu bestätigen. Sie konnte einem fast schon leid tun.

Das jüngste Enthüllungsbuch ihrer engen Vertrauten Stephanie Wolkoff korrigiert jedoch diesen Eindruck. Laut Wolkoff fühlt sich Trump in ihrem goldenen Käfig überaus wohl. Das Arrangement zwischen dem Immobilienmogul und dem Model mit dem osteuropäischen Akzent hält. Melania genießt die Macht und den Luxus, das Pendeln zwischen Mar-a-Lago und dem Weißen Haus, die sie beide für Märchenschlösser hält. Die lästigen Pflichten einer First Lady nimmt sie dafür stöhnend in Kauf. „Who gives a fuck about that Christmas stuff“, ist auf einer Tonbandaufnahme zu hören, die Wolkoff veröffentlicht hat.

Eine Aufnahme aus den Anfangszeiten der Trump-Präsidentschaft: Melania Trump, Karen Pence, Donald Trump, Mike Pence, Barack Obama, Joe Biden, Michelle Obama und Jill Biden (von links) im Januar 2017 in Washington.
Foto: Imago Images

Das Einzige, was Melania Trump zu interessieren scheint, ist, ähnlich ihrem Mann, sie selbst. Sie kann sich ebenso über die böse linke Presse ereifern, die ihr Empathielosigkeit vorwirft, wie über die Tatsache, dass man sie dazu anhält, nur amerikanische Designermode zu tragen, wo sie doch Lagerfeld so viel lieber mag. Auf das Schicksal des Landes oder auch nur ihre eigenen Wohltätigkeits-Initiativen, so Wolkoff, verschwendet sie hingegen eher wenige Gedanken.

Die Ehe zwischen Jill und Joe Biden erscheint derweil in keinem Moment wie ein Arrangement. Seit sie im Mai 1977 in einer Kapelle der Vereinten Nationen in New York geheiratet haben, bilden die Bidens eine enge Partnerschaft.

Jill Tracy Jacobs lernte Joe Biden kennen, als dieser versuchte, nach einer schweren persönlichen Tragödie sein Leben wieder zusammenzusetzen. Biden war damals Ende 20, ein vielversprechender junger Senator aus dem winzigen Bundesstaat Delaware. Jacobs war eine College-Studentin, die gerade ein Jahr Auszeit genommen hatte.

Drei Jahre zuvor hatte Joe Biden bei einem Autounfall seine junge Frau Neilia und seine Tochter Naomi verloren. Biden war über Nacht zum alleinerziehenden Vater zweier kleiner Jungen geworden.

Die erst 25 Jahre alte Jill Jacobs zögerte lange, ehe sie Biden heiratete. Fünf Mal musste er um ihre Hand anhalten, bis sie Ja sagte. Sie wollte, erinnert sie sich, sicher sein, dass sie auch die Verantwortung für die beiden Söhne voll mittragen kann.

Das war im Mai 1987: Senator Joe Biden und seine Frau Jill in Chicago.
Foto: Imago Images

Die Patchwork-Familie wuchs zusammen, 1981 bekamen die Bidens noch eine gemeinsame Tochter. Während ihr Mann zu einem der profiliertesten und beliebtesten Senatoren der USA wurde, verfolgte Jill Biden ihre eigene Laufbahn als Pädagogin. Der Schwerpunkt der Familie blieb derweil in Delaware mit gemeinsamen Ausflügen zu den Baseballspielen der Kinder am Wochenende. „Sie wollten nie wirklich Teil des Washingtoner Polit-Establishments werden“, schrieb das Magazin „Vanity Fair“.

Es war nicht zuletzt diese Normalität der Bidens, die sie als Partner für Barack Obama 2008 so attraktiv machte. Mit den Bidens konnte sich jede Familie in Amerika identifizieren: hart arbeitend, aus der Mittelschicht stammend, mit einem soliden Wertekanon rund um Familie und Glaube.

In den acht Jahren an der Seite der Obamas haben die Bidens jedoch ihren Frieden mit Washington gemacht – und so hat Jill Biden in diesem Jahr auch die Kandidatur ihres Mannes vollumfänglich unterstützt. Das war nicht immer so. Als sich Joe Biden 2004 aufstellen lassen wollte, marschierte seine Frau im Bikini in eine Sitzung mit der Parteiführung in ihrem Wohnzimmer. Auf ihrem Bauch stand mit einem Edding gemalt in großen Lettern „NO“.

Auch als First Lady würde Biden nicht ganz im Polit-Betrieb der Hauptstadt aufgehen, sie will weiterhin an demselben Community-College Literatur unterrichten, an dem sie während der Obama-Jahre Kurse gegeben hat. Das hinderte sie schon damals nicht daran, gemeinsam mit Michelle Obama Initiativen für die Familien von Militärangehörigen sowie für die von Hungersnöten geplagte Region rund um das Horn von Afrika zu starten. Und gewiss wird ihr auch nicht die Organisation der Weihnachtsfeierlichkeiten im Weißen Haus über den Kopf wachsen.