Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel.
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Berliner Zeitung: Herr Oberbürgermeister, Sie haben sich zuletzt kritisch über die Dauer des Corona-Shutdowns geäußert. Warum?

Thomas Geisel: Die Leute spüren, dass wir das System übersteuert haben. Die politisch Verantwortlichen haben zunächst vor allem auf die Virologen gehört. Jetzt geht es um Meinungsumfragen und jeder will zeigen, dass er eine noch härtere Linie fahren kann als die anderen. Herr Söder ist besonders aktiv in diesem Überbietungswettbewerb. Er sagt jetzt schon das Oktoberfest ab, obwohl es bis dahin noch etliche Monate sind.

Berliner Zeitung: Der Bundeskanzlerin wird ein besonders gutes Krisenmanagement bescheinigt…

Thomas Geisel: Frau Merkel betreibt gar kein Krisen-Management. Es wird nicht gesteuert. Die Bundeskanzlerin hat ihren Kurs mitten in der Krise geändert. Zuerst hieß es: Es geht darum, das Gesundheitswesen vor einer Überforderung zu schützen. Der Lockdown sei nötig, damit die Kurve der Infektionen nur so stark ansteigt, dass auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens unsere Kapazitäten nicht überfordert werden. Dann haben wir gesehen, dass unser Gesundheitswesen - trotz Privatisierung und Kommerzialisierung in den letzten Jahren - im Vergleich zu Südeuropa oder den USA sehr gut aufgestellt ist. Nun heißt es, der Lockdown muss so lange bleiben, bis wir einen Impfstoff haben. Ich spreche mit vielen Virologen und die sagen alle, dass das sehr, sehr lange dauern kann – wenn es überhaupt gelingt, einen solchen Impfstoff zu entwickeln. Das ist reine Spekulation.

Berliner Zeitung: Haben wir den Höhepunkt denn schon erreicht?

Thomas Geisel: Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir allein in Düsseldorf nur etwa die Hälfte der normalen Krankenhausbetten und der Intensivbetten ausgelastet haben. Wir haben zu Beginn der Pandemie die Krankenhäuser angewiesen, alle sogenannten aufschiebbaren Operationen zu verschieben. Das ist jetzt vier Wochen her und seither sind die Neuinfektionen nicht nennenswert gestiegen; in letzter Zeit sind sie sogar zurückgegangen. Die Operationen, von denen wir hier reden, sind aufschiebbar, aber natürlich nicht auf Dauer. Irgendwann müssen sie durchgeführt werden. Es besteht nämlich eine Gesundheitsgefahr, wenn die Menschen nicht mehr operiert werden. Es geht hier auch um Krebsoperationen oder Krebs-Nachsorge.

Berliner Zeitung: Was würden Sie jetzt also tun, um die Öffnung voranzutreiben?

Thomas Geisel: Zunächst ist festzustellen: Das Gesundheitssystem ist jetzt gut aufgestellt. Das war die erste Zielsetzung, die ist erreicht. Wir sollten uns besonders um die Risikogruppen kümmern, also die älteren Menschen mit Vorerkrankung. Dies wird ideologisch als Altersdiskriminierung diffamiert und so das Thema abgewürgt. Altersdiskriminierend ist aus meiner Sicht allenfalls, dass wir die Bewohner von Pflegeheimen mit unbarmherziger Grausamkeit wegsperren. Da werden viele Menschen zwar nicht an Corona, aber an gebrochenem Herzen sterben. Aber auch die sogenannten fitten Alten gehören zur Risikogruppe. Sie gilt es, gezielt zu schützen, da sie bei einer Infektion mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit schwer erkranken. Mein Vater beispielsweise ist 88 Jahre alt. Natürlich lassen wir ihn nicht allein. Aber wir verzichten auf den körperlichen Kontakt. Und wir sagen ihm, dass er seine Enkel jetzt eine Weile nicht physisch sehen kann, sondern nur über Skype. Wir haben in Düsseldorf ein Servicetelefon für die Risikogruppen eingerichtet. Ganz viele Freiwillige haben sich gemeldet, die für diese Menschen etwa die Einkäufe erledigen, den Hund Gassi führen oder sie zum Arzt bringen.

Berliner Zeitung: Besonders problematisch ist die Corona-Sperre für die Wirtschaft. Wie beobachten Sie das?

Thomas Geisel: Wenn wir auf einen Impfstoff warten, werden in der Zeit des Lockdowns die Schäden exponentiell wachsen. Im Moment werden ja fast alle noch vom Staat alimentiert, das geht auch eine Weile. Aber lange wird das nicht funktionieren. Ich befürchte, wir werden Pleiten und Massenarbeitslosigkeit erleben, tausende Existenzen werden vernichtet werden, wenn wir nicht zügig Schritt für Schritt zur Normalität zurückkehren.

Berliner Zeitung: Was hören Sie da von Unternehmen in Düsseldorf?

Thomas Geisel: Besonders betroffen sind hier neben der Gastronomie und der Kultur, der Flughafen und die Messe mit den ganzen Zulieferern und Dienstleistern. Vielen früher gesunden Unternehmen droht über kurz oder lang die Insolvenz. Die politisch auferlegten Freiheitsbeschränkungen und Berufsverbote werden immer schwerer vermittelbar, zumal wir ja mittlerweile alle Hygiene-Profis sind, und wissen wie man seinen Betrieb auch unter Infektionsschutzgesichtspunkten sicher organisieren kann.

Berliner Zeitung: Wie sehen das die Leute?

Thomas Geisel: Das Bild ist sehr gespalten. Zum einen haben viele große, bisweilen irrationale, Ängste. Diese wurden auch von der Politik durchaus befördert. Eltern beispielsweise beschwören mich, die Kitas und Schulen nicht zu öffnen, damit ich ihre Kinder nicht gefährde, obwohl das Virus, nach allem, was wir wissen, gerade für Kinder nicht sonderlich gefährlich ist. Aber mittlerweile ist auch oft zu hören: Gesundheit ist mehr als nur die Abwesenheit einer Corona-Infektion. Und die Leute haben auch immer weniger Verständnis für die Beschränkung ihrer Freiheiten.

Berliner Zeitung: Wie soll die Öffnung konkret geschehen?

Thomas Geisel: Es gibt überhaupt keinen Grund, Kitas und Schulen nicht wieder zu öffnen, soweit bestimmte Hygieneregeln eingehalten werden. Wir sollten zumindest die Speisegastronomie wieder öffnen. Mit einer Abstands-Regelung ist das möglich. Wir sollten natürlich nicht gleich mit der längsten Theke der Welt in der Bolker Straße anfangen. Messen und Kongresse sollten unter bestimmten Auflagen wieder möglich sein. Großveranstaltungen, Fußball und Partys werden wir länger nicht machen können. Wenn Fortuna Düsseldorf gewinnt, werden Abstandsregeln erfahrungsgemäß nicht eingehalten.

Berliner Zeitung: Was würde von einer überlangen Sperre politisch bleiben?

Thomas Geisel: Ich glaube, es würde einen deutlichen Vertrauensverlust in die Politik geben. Wir müssen wieder vernünftig steuern. Bundeskanzlerin Merkel gibt die strenge Mutti, die vor „Öffnungsdiskussionsorgien“ warnt. Mit vernünftigem Krisenmanagement hat das nichts zu tun.