Zusammen gegen Antisemitismus und Hass: Etwa 300 Menschen kamen am Sonntag zur Neuen Synagoge in Mitte.
Foto: Bernd Friedel / Berliner Zeitung

BERLIN-MITTEEs ist fast 12.30 Uhr, als am Sonntag vor der Neuen Synagoge in Mitte ein Mann am Mikrofon die zusammenstehenden Menschen bittet, sich mit dem Rücken zur Synagoge nebeneinander aufzustellen und sich unterzuhaken. Ziemlich schnell kommen etwa 300 Menschen seiner Bitte nach.

Sie sind einem Aufruf des Bündnisses für ein weltoffenes und tolerantes Berlin gefolgt. Nun stehen sie zusammen und verteidigen eine Stunde lang an dieser Stelle symbolisch eine Synagoge, während drinnen zum Ende des jüdischen Laubhüttenfestes der Sukkot-Gottesdienst gefeiert wird.

Es hat bereits einige symbolische Akte in Berlin nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle gegeben. An einer Solidaritätskundgebung vor der Neuen Synagoge nahm vor einer Woche die Bundeskanzlerin teil. Am Tag danach demonstrierten 10.000 Menschen in der Hauptstadt gegen Antisemitismus. Auch jene Demonstration führte zur Neuen Synagoge.

Zusammenstehen gegen Antisemitismus

An diesem Sonntag sind Familien mit Kindern gekommen, ältere Leute, der künftige Bischof der evangelischen Landeskirche ist da, der Diözesanratsvorsitzende des katholischen Erzbistums, Imam Kadir Sanci vom House of One, die stellvertretende Vorsitzende des DGB-Bezirks Berlin-Brandenburg.

„Schön, dass Sie da sind“, sagt die Rabbinerin Gesa Ederberg, als sie nach dem Gottesdienst aus der Synagoge zu den Versammelten kommt. „Wir als jüdische Gemeinschaft in Deutschland bauen darauf, dass Sie hier sind und dass wir zusammenstehen“, sagt sie. Öffentliche Zeichen seien wichtig.

Genauso wichtig sei es, kleine Zeichen zu setzen. Und damit spricht Gesa Ederberg dann alle an, auch jene, die an diesem Sonntag nicht gekommen sind. Aufstehen und etwas sagen in der U-Bahn, im Supermarkt, in der Familie, bei der Arbeit.

„Einfach Leuten nichts durchgehen lassen – sei es Antisemitismus, sei es Homophobie, Islamfeindschaft, Frauenfeindlichkeit. Das kommt alles aus dem gleichen dunklen Sumpf“, sagt Gesa Ederberg. Womit sie klar macht, dass eine Menschenkette allein noch niemandem hilft. Es muss mehr sein. Zusammenstehen, sich nicht auseinanderdividieren lassen. Sich einsetzen.

Symbolische Zeichen seien wichtig - aber reicht das?

Ein großes Ziel also. Wer an diesem Sonntag vor die Neue Synagoge gekommen ist, sieht das vermutlich ebenso. Christian Stäblein, der kommende evangelische Bischof zum Beispiel. Er findet es wichtig, symbolisch Zeichen zu setzen. Aber die Frage ist ja, ob das reicht? Christian Stäblein, danach gefragt, sagt nein. Er sieht mehr offenen Antisemitismus in Deutschland, ein zunehmendes Phänomen also.

„Deshalb müssen wir erstmal sehr offen Zeichen dagegen setzen und nicht nur reden, wie wir es in den letzten Jahren immer wieder getan haben“, sagt er. „Es muss jetzt mehr werden. Wir müssen sichtbar machen, dass die Mitte der Gesellschaft, dass wir alle angegriffen werden, wenn Synagogen angegriffen werden.“ Genau aus diesem Grund steht er an diesem Tag vor der Synagoge. Er verteidigt die freie offene Gesellschaft.

Klingt einfach. Wer zu diesem Termin mit S- oder U-Bahn angereist ist, hatte allerdings direkt vor Augen, dass die meisten Menschen mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind. Die Bahnen sind voll mit Sonntagsausflüglern, die einen angenehmen Tag in der Stadt verbringen wollen. Die Gespräche drehen sich um Kinofilme und die Ausflugsziele. Stäblein verlangt allerdings einen Kulturwandel. Bei jedem einzelnen.

Die Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte in dieser Woche anlässlich des Anschlags in Halle einen Artikel, in dem der Autor und Dokumentarfilmer Richard Schneider erklärt, dass er die Hoffnung auf die deutsche Gesellschaft aufgegeben habe. Er bezeichnet Mahnwachen vor Synagogen als lächerlich. Alle könnten sich nach Menschenketten wohlfühlen und versprechen, es werde nun etwas getan, aber dann geschehen nie etwas. In Deutschland braue sich etwas zusammen.

Nicht warten, selbst anfangen

Eine derart pessimistische Sicht auf dieses Land hat Christian Stäblein nicht. „Aber wenn wir nicht anfangen, sichtbare Zeichen zu setzen, bleibt immer das einzig sichtbare Zeichen der Antisemitismus“, sagt er. An dieser Stelle mischt sich eine ältere Frau in die Diskussion ein. Sie steht an Stäbleins Seite untergehakt. „Es ist wichtig, dass über solche Veranstaltungen mehr informiert wird, damit mehr Leute kommen. Ich glaube, dann würden auch mehr Menschen aufstehen und nicht weggucken, wenn ihren Nächsten in der U-Bahn oder anderswo schlimmes geschieht. Man kann nicht warten, man muss selber anfangen“, sagt sie. Sie will das jedenfalls tun.