Berlin - Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Gespräch mit Angela Merkel von der Bettkante aus angekündigt wird, mit wedelnden Händen und verklärtem Blick. Es ist auch nicht so häufig, dass jemand erstmal sein Nutellaglas zur Seite stellt, bevor er verkündet, demnächst die Kanzlerin zu treffen. Ischtar Isik und Alexander Böhm haben das so gemacht. „Ich bin schon ein bisschen aufgeregt“, sagt Isik, und klatscht in die Hände. „Ich bin schon ein bisschen aufgeregt“, sagt Böhm und blickt ironisch durch seine Brille.

Am kommenden Mittwoch also werden die beiden ins Kanzleramt fahren, gemeinsam mit Mirko Drotschmann und Lisa Sophie, die ohne Nachnamen auskommt. Sie kommen als Youtuber, alle vier haben Kanäle auf der Internet-Videoplatform, und dafür auch eigene Namen. „Its Coleslaw“ („Es ist Krautsalat“) nennt sich die 22-jährige Politik- und Psychologiestudentin Lisa Sophie, die dort über „peinliche Momente in der Fahrschule berichtet, Fernbeziehungstips gibt, aber auch schon kleine Filme für den WDR gedreht hat, über das Leben als HIV-Positiver oder über Massentierhaltung.

Millionen Erstwähler als Zuschauer

Der 28-jährige Böhm alias „AlexiBexi“, der Regie studiert hat, testet Elektogeräte, singt Popsongs auf Deutsch nach und gibt Tipps für Nutella-Rezepte – Marshmallow-Nutella-Auflauf zum Beispiel. Grimassen und Parodie sind seine Spezialität. Drotschmann, Anfang 30, tritt als „MrWissen2go“ auf, als eher ernstes wandelndes Lexikon, der Fragen erörtert wie „Ist der IS bald besiegt?“ oder „Kommen die Vereinigten Staaten von Europa?“. Die 21-jährige Ischtar Isik bespricht Mode, Lippenstifte und Wimperntusche. „Mein Bruder schminkt mich in drei Minuten“, heißt eines ihrer Videos.

Drei Millionen Menschen schauen sich ihre Videos regelmäßig an, im Erstwähleralter die meisten. Eine interessante Zielgruppe also für eine Kanzlerin. Vor zwei Jahren hat sie sich deswegen schon einmal einen Youtuber ins Haus geladen. Das Interview mit „LeFloid“ war damals eine Premiere und der auf seinem Kanal freche und muntere Florian Mundt erstarrte sichtlich angesichtes eines Antwortprofis wie Merkel. „Es werden sich wenige 16 bis 24-Jährige vorher halbe Stunde Kanzlerinneinterview angeschaut haben“, hat Mundt hinterher gesagt und festgestellt: „Sie hat mich wahrscheinlich benutzt, um an die jüngere Zielgruppe heranzukommen.“ Aber umgekehrt ist eben auch etwas herausgesprungen, ein Youtuber lebt von Klicks und Merkel, so scheint es, klickt.

Live und unabgesprochen

Nun ist die Pro7-Gruppe an Merkel herangetreten, sie hat Lisa Sophie bei einer ihrer Tochterfirmen unter Vertrag. Es ist Wahlkampf, Merkel gibt mehr Interviews als sonst. Sie erscheint in Fernsehsendern, in Zeitungen. Eine Frauenzeitschrift hat Merkel öffentlich ein bisschen privater plaudern lassen. Und nun kommen eben einer Frau für peinliche Situationen, ein Technik-Komiker, ein Erklärer und eine Make-Up-Freundin ins Kanzleramt.

Live sei das Ganze und die Fragen nicht mit dem Kanzleramt abgesprochen, betont Drotschmann. Es gehe um Fragen, „die uns unter den Nägeln brennen“, sagt Böhm. Die vier haben im Internet zu Themenvorschlägen aufgerufen. Und wie bei jedem solcher Aufrufe hat es die Legalisierung von Cannabis gleich ganz nach oben geschafft. Andere fordern besseren Programmierunterricht in den Schulen oder fragen nach dem Umgang mit Völkerrechtsverletzungen der USA oder danach, was Merkel machen würde, wenn Bayern sich für unabhängig erklären würde.

Zehn Minuten hat jeder Youtuber für seine Fragen an Merkel. „Nicht unglaublich viel Zeit“, räumt Drotschmann ein. 13 Fragen hat Le Floid vor zwei Jahren in einer halben Stunde geschafft. Dazu zählte die erste: „Warum dieses Interview?“ Merkel antwortete: „Jetzt passt es einfach gut.“