Debattierten über Zuwanderung in Deutschland: die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Bundesvorsitzende von The African Network of Germany, Sylvie Nantcha (v.l.).
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BerlinGeplant war, dass die Bundesregierung an diesem Montag  auf dem Integrationsgipfel darüber reden würde, wie geregelte Zuwanderung und Integration besser funktionieren können. Doch die  rechtsextremen Anschläge der vergangenen Monate haben dem Treffen  eine neue Dringlichkeit gegeben; ebenso wie die Notlage der Flüchtlinge und Migranten an der türkisch-griechischen Grenze.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte mit Blick auf den rassistischen Anschlag in Hanau einen friedlicheren gesellschaftlichen Diskurs an und warnte: „Es beginnt weit vor der Anwendung von Gewalt, dass wir aufmerksam sein müssen.“ Sie erinnerte an die Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt sowie des islamfeindlichen Hasses und betonte, dass die Mitglieder der Bundesregierung „sehr bedrückt sind, dass es bisher nicht gelungen ist, diese Taten zu stoppen“.  Jeder Mensch müsse sich in Deutschland sicher und in seiner Würde akzeptiert fühlen können.

Vor Beginn der Veranstaltung sprachen die Kanzlerin und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit Vertretern von Migrantenverbänden über den Anschlag in Hanau. In der hessischen Stadt hatte ein 43-jähriger Deutscher am 19. Februar neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Er tötete auch seine Mutter und sich selbst. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU) stellte fest: „Die Rahmenlehrpläne in Schulen müssen die Vielfalt unserer Einwanderungsgesellschaft widerspiegeln.“ Eine Untersuchung dazu sei in Vorbereitung.

„Unsere Gesellschaft hat ein Problem, Rassismus“, bilanzierte die Bundesvorsitzende von The African Network of Germany, Sylvie Nantcha. Merkel kündigte die Bildung eines Kabinettsausschusses an, der sich mit den Fragen von Rechtsextremismus und Rassismus beschäftigen soll. Auf die Forderung von Migrantenverbänden nach Quoten für benachteiligte Bevölkerungsgruppen reagierte Widmann-Mauz mit Skepsis. Vielfalt sei wichtig, aber mit der Zuschreibung „Migrationshintergrund“ könnten sich viele Menschen mit ausländischen Wurzeln gar nicht identifizieren.

Deutsch schon im Herkunftsland lernen

Der Integrationsgipfel, der zuletzt 2018 stattfand, hat sich diesmal vor allem der Frage gewidmet, was Flüchtlinge und Migranten alles wissen sollten, bevor sie nach Deutschland kommen. Die Bundesregierung will, dass potenzielle Arbeitsmigranten schon im Herkunftsland bestimmte Kenntnisse erwerben - zum Beispiel Deutsch lernen. Ihr Motto: „Vor der Zuwanderung: Erwartungen steuern – Orientierung geben“. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU): „Wir werden in den nächsten Jahren noch einen viel stärkeren Bedarf verspüren.“

Die Eskalation der Lage in der Türkei, wo am Wochenende Tausende von Flüchtlingen und Migranten versucht hatten, über die Grenze nach Griechenland zu gelangen, sprach Merkel von sich aus nicht an. Als sie danach gefragt wurde, erklärte sie, es sei „völlig inakzeptabel“, dass die Probleme der Region, an denen auch Russland Anteil habe, jetzt „auf dem Rücken der Flüchtlinge“ ausgetragen würden. Was die Menschen in Deutschland bewege, sei einerseits die humanitäre Lage an der türkisch-griechischen Grenze, wo Migranten unter freiem Himmel schlafen mussten. Gleichzeitig gäbe es die Sorge, dass eine Aufnahme dieser Menschen in der EU eine Situation wie 2015 auslösen könnte, als innerhalb weniger Monate über die „Balkanroute“ Hunderttausende Menschen nach Deutschland gekommen waren.

Pro Asyl warb für die Aufnahme von mehr Schutzsuchenden in Deutschland. „Wir können und wir sollten eine erhebliche Zahl von Geflüchteten aufnehmen, die heute in Elendslagern auf den griechischen Inseln und an anderen Orten der europäischen Außengrenze verzweifeln“, erklärte die Flüchtlingsorganisation. Schließlich habe sich inzwischen herausgestellt, „dass die Aufnahme der Flüchtlinge seit 2015 eine Erfolgsgeschichte ist“. Grünen-Chefin Annalena Baerbock forderte, Deutschland solle zunächst 5000 besonders schutzbedürftige Menschen aus Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln aufnehmen.