BerlinIch weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal gehört habe, dass der neue Teil-Lockdown zur Rettung des Weihnachtsfests dienen sollte. Ich glaube, es war Gesundheitsminister Jens Spahn, der so etwas Mitte Oktober formuliert hat. „Wir wollen Weihnachten für und mit der Familie möglich machen“, sagte er am 14. Oktober. Und es war, als hörte man im Hintergrund die Kirchenglocken läuten.

Danach haben das alle wiederholt, Angela Merkel, Armin Laschet, Markus Söder. Es ginge bei den neuen Einschränkungen darum, Weihnachten zu retten. Das klang, als würden sie mit Kindern reden. Seid jetzt schön brav, reißt euch zusammen, dann dürft ihr Weihnachten Omi umarmen. Es klang christlich, wie überhaupt in die politische Kommunikation ein seltsam religiöser Ton eingezogen ist. Die Pfarrerstochter Angela Merkel sprach am Donnerstag im Bundestag auch von einer „Prüfung“, die die Pandemie bedeute. Das klang nach Hiob, dem Gott Proben auferlegt, um seine Treue zu testen. 

Ich stellte mir kurz vor, wie es wäre, wenn die Kinder im Dezember ihre Großeltern in England wiedersehen würden. Ich stellte mir vor, wie wir alle in dem kleinen Wohnzimmer meiner Schwiegermutter am Kamin sitzen und die Weihnachtsansprache der Queen verfolgen würden, wie in den vergangenen Jahren. Aber im selben Moment wusste ich, dass das ein Märchen war. Natürlich würden wir nicht fahren.

Mich ärgert, dass der Eindruck erweckt wird, es werde in der nächsten Zeit so etwas wie eine Normalität geben. Wahrscheinlich gehen die Zahlen mit dem Lockdown runter, und dann? Dann fahren alle zu den Verwandten über Weihnachten – und im Januar sitzen wir wieder im Lockdown?

Das ist der gleiche Denkfehler, der schon im Frühjahr gemacht wurde. Niemand sagt es so offen, aber wenn man mit Verantwortlichen redet, hat man den Eindruck, dass viele im Sommer angesichts der niedrigen Infektionszahlen dachten, die Pandemie sei vorbei oder würde auf so niedrigem Niveau weiterlaufen. Immer wieder hörte man von Ministern, von Experten den Satz: „Deutschland ist auf den Herbst gut vorbereitet“. Ach ja? 

Es ist nun aber kein besonderes Expertenwissen, dass Atemwegsinfektionen im Herbst und Winter zunehmen, das war schon vor Corona so. Wer anfällige Kleinkinder hat, weiß das. Ich habe in den vergangenen fünf Jahren, seitdem ich Kinder habe, jeden November und Dezember viel Zeit in Arztpraxen, Notfallambulanzen und Krankenhäusern verbracht, im Hintergrund das Piepen der Maschine, die die Sauerstoffsättigung misst. Ich habe den November gefürchtet, bevor der Lockdown beschlossen wurde.

Klaus Stöhr, ein Epidemiologe bei der WHO, sagt in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“, dass der deutsche Teil-Lockdown nicht falsch sei, aber das Problem nur in die Zukunft verschiebe. Was Deutschland fehle, sei eine Langzeitstrategie: „Ich glaube, dass immer noch viele Menschen denken, wir könnten das Virus aufhalten. Ihnen ist nicht klar, dass es sich hier um ein Naturereignis handelt, das wir nicht stoppen können. Die meisten haben nicht verstanden, dass sich alle Menschen auf der Welt anstecken werden. Dass die Pandemie erst vorbei ist, wenn alle infiziert oder geimpft sind.“ Und das kann dauernd, weit bis ins nächste Jahr, wahrscheinlich auch bis zum nächsten Weihnachten.

Wenn man allerdings die Pandemie als Gottes Test der eigenen Glaubensstärke sieht, dann ist vielleicht politisches Handeln auch gar nicht so gefordert. Dann macht man alles dicht und betet. Dann wartet man auf Gott oder den Weihnachtsmann. Gottesdienste finden im Lockdown weiterhin statt, meldet die dpa. Amen.