Die Mädchen sitzen in der zweiten Reihe, sie tragen Kopftuch. Angela Merkel spricht sie direkt an. Sie sollen doch eine Frage stellen. „Nicht dass Sie nachher sagen, Sie seien nicht dran gekommen“, sagt die Kanzlerin. Und sie findet, es sei doch wirklich eine einmalige Gelegenheit für die drei: „So ne Chance kriegen Sie nie wieder.“ So eine Chance. Der Kanzlerin eine Frage stellen. Auch die Kanzlerin will diese Chance. Die Mädchen bleiben erst einmal stumm.

Statt dessen fordert ein älterer Herr einen Ombudsmann für Kinder. Die Kanzlerin ist nach Erfurt gekommen an diesem Abend, für anderthalb Stunden. Sie sagt, sie wolle Ideen sammeln fürs Regieren. Auch im Internet werden Ideen gesammelt. Die Opposition nennt das Wahlkampf mit Regierungsgeldern, die Regierung nennt es Bürgerdialog.

Ein Dialog wird es an diesem Abend nur selten  

100 Bürger haben Platz genommen im Erfurter Kaisersaal, sie sitzen dreireihig in einem Oval, die Kanzlerin steht in der Mitte. Locker soll das wirken und damit das auch ja gelingt, ist ein aufgedrehter Radiomoderator dabei, der wahrscheinlich nur zufällig vom Bayerischen Rundfunk kommt, dem seit ein paar Monaten Merkels Ex-Sprecher Ulrich Wilhelm vorsitzt. Etwa die Hälfte der Gäste wird nach den anderthalb Stunden, die die Kanzlerin eingeplant hat, eine Frage gestellt haben. Das sind ziemlich viele Fragen, es wird dadurch rastlos: „Wir nehmen das auf.“ „Sie dürfen das einreichen.“ Das sind so Merkels Antworten.

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Ein paar Sätze mehr gibt es natürlich schon, meist fasst die Kanzlerin darin nochmal die Frage zusammen. Die Frager können sich verstanden fühlen, vielleicht ist das aus Sicht der Regierung schon das Erfolgskonzept.

Forderungen nach mehr Rechten für und Rücksicht auf Kinder 

Auf diese Weise landen also bei der Kanzlerin sehr viele Forderungen nach mehr Rechten für und Rücksicht auf Kinder, die nach einem zweijährigen Elterngeld, nach mehr Barrierefreiheit für Behinderte, nach Angleichung der Rentenniveaus Ost und West, besserer Förderung von Ehrenämtern und einer bundesweiten Bildungspolitik. „Wir nehmen das auf“, sagt Merkel zu der Schülerin, die das fordert. Und schränkt gleich ein. „Ob wir es umsetzen, weiß ich noch nicht.“

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Schließlich sei das ja doch Ländersache. Und zum bedingungslosen Grundeinkommen, das gleich der erste Fragesteller fordert, merkt Merkel an, dass man dafür wohl Steuern erhöhen müsste. Klingt negativ, das soll es nicht. „Ich bin nicht hier, um ihre Fragen zu beantworten“, schiebt Merkel eilig hinterher. Die Kanzlerin dreht sich schnell zum nächsten.

"Müll könnten ja die Ausländer wegräumen" 

Im Internet läuft die Fragerunde schon seit ein paar Wochen, die Fragen können dort per Mausklick bewertet werden. Auf dem ersten Platz finden sich dort die Islamkritiker. In Erfurt gibt es statt Anti-Ausländer-Parolen die Forderung, Rechtsextremismus entschiedener zu bekämpfen.

Es ist der Moment, an dem Merkel mehr Interesse zeigt, auch zurückfragt. Eine ältere Frau erzählt, dass ihr Enkel finde, Müll könnten ja die Ausländer wegräumen. „Es beginnt mit den kleinen Dingen“, sagt Merkel. Und sie bedankt sich für die Wortmeldung. Ein NPD-Verbot wird gefordert. Ein Angolaner erklärt: „Deutschland ist meine Heimat.“ Ob er schon mal schief angeblickt werde, fragt Merkel ihn.

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Der Mann nickt. Merkel fragt seinen Nachbarn, ein junger Mann mit dunklen Haaren. Er sei in Deutschland geboren, aber es sei ihm bewusst, dass man ihn besonders betrachte. Das tut auch Merkel in diesem Moment.

Die Schülerinnen mit Kopftuch melden sich irgendwann doch noch. Die Stipendien für Migranten sollten mehr gefördert werden, sagt eine. Sehr gut, sagt Merkel. Es ist die letzte Frage. „Ich nehme mit, dass es einen großen Wunsch gibt, in Zukunft gut zusammenzuleben.“ Wenn sich diese Veranstaltung mal nicht gelohnt hat.