Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich am Mittwoch in einem wichtigen Punkt ihrer aktuellen Corona-Politik korrigiert und die soeben von ihr durchgesetzte Osterruhe als falsch bezeichnet. Ein Gespräch mit dem Politologen und Psychologen Moritz Kirchner über das Eingestehen von Fehlern in der Politik, über Kommunikationsmängel der Kanzlerin und eine neue Unerbittlichkeit im Umgang mit Politikern.

Berliner Zeitung: Herr Kirchner, soeben haben wir alle den neuen Begriff der Osterruhe lernen müssen, da ist die Sache schon wieder vom Tisch. Hat Sie diese Schnelligkeit überrascht?

Moritz Kirchner: Die Schnelligkeit hat mich durchaus überrascht, aber nicht die Entscheidung selbst. Diese Osterruhe ist für viele nicht nachvollziehbar und vor allem war sie wieder mal nicht überzeugend erläutert. Das ist ein Grund für den breiten Widerstand, der besonders in der Unionsfaktion doch sehr erheblich war. Für die Kanzlerin war es eine Frage der Abwägung, wie der Schaden minimiert werden kann. Und dann ging alles ganz schnell.

Normalerweise dauert so etwa länger, oder?

Ja. Sehr, sehr viel länger. Als im Vorjahr Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und die Kanzlerin über die richtige Corona-Strategie stritten, hat es viele Wochen gedauert, bis Herr Ramelow seinen Fehler eingestanden hat. Aber die Pandemie hat alle politischen Ereignisse beschleunigt, da sich die Sachlage beständig ändert. Da sollten dann auch Fehler schneller korrigiert werden.

War es aber nicht auch ein grober handwerklicher politischer Fehler? Da wird seit Wochen und Tagen debattiert, welcher Schritt als nächstes kommen soll und dann wird etwas entschieden, bei dem nicht konsequent über die Folgen nachgedacht wird?

Diese Sicht teile ich nicht ganz. Über Wochen wurde über die „Notbremse“ debattiert, aber die Osterruhe war nicht wochenlang geplant. Sie ist das Ergebnis dieser wieder mal ewigen nächtlichen Verhandlungen. Das war offensichtlich der einzige gangbare Weg und Merkels Versuch, endlich Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Und erst hinterher haben die Politiker – insbesondere die Kanzlerin – festgestellt, wie groß der Widerstand ist.

Nun hat die Kanzlerin die Schuld auf sich genommen und von ihrem ganz persönlichen Fehler gesprochen. Ist das ein Zeichen von Schwäche oder ist das Größe?

Ganz klar Größe. Die Kanzlerin hatte vor einiger Zeit einen schweren kommunikativen Fehler begangen. Sie hatte leichtfertig gesagt, dass es mit der deutschen Impfstoffbestellung im Großen und Ganzen doch ganz gut gelaufen sei. Doch im internationalen Vergleich sahen alle, dass das nicht stimmt. Es wirkt nun mal überhaupt nicht souverän, wenn die wahrgenommene Lage so eklatant von dem abweicht, was die Politik kommuniziert.

War das Eingeständnis des Fehlers nun ein Befreiungsschlag?

Kurzfristig ja. Denn sie hat damit gezeigt, dass sie zu Korrekturen und zur Einsicht fähig ist. Dennoch ändert es nichts daran, dass ihre Corona-Politik teilweise widersprüchlich erscheint.

Nun wird über die Schwäche der Kanzlerin debattiert und auch darüber, ob sie abtreten sollte.

Rücktrittsforderungen kann Frau Merkel an sich abprallen lassen. Sie tritt im September sowieso nicht mehr an. Ich sehe ein ganz anderes Problem.

Welches?

Wieder erläutert sie die Zielstellung ihrer Politik nicht. Es herrscht ein großer Erklärungsmangel. Vor einem Jahr hat sie ihre berühmte „Nehmen Sie die Sache ernst“-Rede gehalten. Jetzt müsste dringend etwas Vergleichbares folgen. Aber seit der dritten Welle herrscht großes Schweigen bei der CDU. Nicht nur bei Merkel, auch bei Armin Laschet.

Moritz Kirchner (36)

lebt in Potsdam und ist Mitgründer des Instituts für Kommunikation und Gesellschaft. Der promovierte Politikwissenschaftler und diplomierte Psychologe ist auch Berater, Trainer und Redenschreiber. Der gebürtige Templiner war 2015 Deutscher Debattiermeister und 2018 deutscher Vizemeister im Science Slam, also im Kommunizieren wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Aber Frau Merkel erklärt ihre Politik doch nie besonders gut, oder?

Das würde ich nicht so pauschal sagen. Sie hat klare Erklärdefizite, aber in der ersten Welle war das nicht der Fall. Da hat sie fast vorbildlich erläutert, was nötig ist – und es hat gewirkt. Nun aber ist völlig unklar, welche Ziele sie verfolgt: Geht es darum, dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden oder geht es um die Zahl der Toten. Ohne Sinnstiftung geht der Politik die Legitimation verloren, wie an den fallenden Umfragewerten der CDU zu sehen ist.

Sollte das Eingestehen von Fehlern eine neue Sportart werden?

Das nun nicht gleich, aber alle sollten, wenn gravierende Fehler begangen werden, sie auch eingestehen. Aber das ist schwierig. Denn die Öffentlichkeit ist unerbittlicher geworden.

Was meinen Sie damit?

Dass zum Beispiel alle Beschlüsse in Echtzeit kommentiert und auch herabgewürdigt werden. Und es wird die unrealistische Erwartungshaltung an die Politik gestellt, dass sie keine Fehler machen darf. Genau deshalb scheuen sich so viele Politikerinnen und Politiker, den Schritt von Frau Merkel und Herrn Ramelow zu gehen, obwohl er eigentlich ein Zeichen von Größe ist.

Es gibt also keine neue Ära des Fehler-machen-dürfens?

Nein, dabei wäre das sinnvoll, damit die Politik nicht immer diesen fatalen Eindruck von Stärke zeigen muss, den sie in der Realität – gerade in solch schnelllebigen Zeiten – doch gar nicht haben kann.

Haben Sie heute schon Fehler eingestanden?

Gestern jedenfalls. Da habe ich mich bei meiner Friseurin entschuldigt, dass ich mich nicht schon viel früher bei ihr gemeldet habe wegen eines Termins. Sie hat viel freundlicher reagiert, als wenn ich einfach nur um einen Termin gebeten hätte.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.