Berlin - Neuerdings wird wieder sehr viel über Fehler gesprochen und darüber, ob das Machen von Fehlern noch erlaubt ist. Der Anlass: die Entschuldigung der Kanzlerin. Angela Merkel räumte einen Fehler ein, nachdem die Einigung zwischen ihr und den Regierenden in den Bundesländern kläglich gescheitert war und die gerade beschlossene Osterruhe sofort wieder kassiert werden musste. Merkel nahm alle Schuld auf sich. Ein Gespräch mit der Psychologin Christine Altstötter-Gleich über den immer massiver werdenden Hang zum Perfektionismus, über den Einfluss sozialer Medien und die mangelnde Fehlerkultur in Deutschland.

Berliner Zeitung: Frau Altstötter-Gleich, als Angela Merkel alle Schuld auf sich nahm und von ihrem alleinigen Fehler sprach – wie fanden Sie diesen Schritt?

Christine Altstötter-Gleich: Ich sehe den Schritt als konsequent an. So wie über Frau Merkel berichtet wird, wirkt sie in den Entscheidungsfindungen sehr gestaltend mit und ist auch die späten Verhandlungszeitpunkte gewohnt. Offensichtlich hat sie einen Vorschlag durchgesetzt, der federführend von ihr kam. Es ist immer gut, wenn Personen, die Verantwortung haben, auch dazu stehen, wenn Fehler passieren. Frau Merkel hat die Verantwortung dafür übernommen, dass ihr Vorschlag im Kanzleramt nicht so gut vorbereitet worden war.

Ein Vorwurf an Merkel lautet nun: Sie wollte mit ihrem schnellen Schuldeingeständnis nur ablenken und überdecken, dass sie mit dem Durchsetzen ihrer Corona-Politik gescheitert ist. Wie sehen Sie das?

Ich würde nicht so weit gehen. Ein Scheitern ihrer gesamten Corona-Politik sehe ich nicht. Aber es zeigt sich, dass diese Pandemie eine hochkomplexe Gemengelage hat und dass es eine gewisse Hilflosigkeit gibt. Einerseits will die Politik Handlungsfähigkeit beweisen und sagt: Wir führen. Aber alle sind ständig mit so vielen neuen Fakten konfrontiert, dass es bei der Entscheidungsfindung höchst schwierig ist, alles vollkommen in seiner ganzen Komplexität zu durchdringen. Da sind Fehler einfach viel wahrscheinlicher. Der Satz von Gesundheitsminister Jens Spahn hat schon etwas Wahres: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“

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Christine Altstötter-Gleich (62), Dozentin an der Uni Koblenz-Landau, die promovierte Psychologin ist Mutter zweier Kinder und gilt als Perfektionismus-Expertin. Das ist ihr Forschungsgebiet, aber auch Diagnostik und Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen.

Sie forschen auf dem Gebiet Perfektionismus. Hat das Wahlvolk heute einen anderen Anspruch an Politiker? Müssen die heute perfekter sein? Fehlerfreier?

Ich denke, es ist heute ein ständiger Anspruch, perfekter zu sein. In der Politik ist mein Eindruck, dass viele Leute die Sache mit dem Stimme-Abgeben zu wörtlich nehmen. Sie sind der Meinung, dass sie mit ihrer Stimme an der Wahlurne auch ihre Verantwortung abgeben. Da ist die Pandemie ein passendes Beispiel: Alle haben mit ihrem eigenen Verhalten die entscheidende Möglichkeit, zu beeinflussen, wie es weitergeht. Sie können selbst Verantwortung übernehmen. Aber sie laden die Verantwortung lieber bei der Politik ab und fordern, dass Frau Merkel für sie entscheidet.

Manche sehen sie in der Rolle der Mutter der Nation.

Es wird heute alles zudem extrem personalisiert. Zum Bespiel wird bei den Konservativen gefordert, zu entscheiden, wer denn jetzt federführend sein soll. Genauso bei den Grünen. Dabei steht diese Partei schon lange und erfolgreich dafür, als Team erfolgreich zu sein. Trotzdem wird immer mehr personalisiert, als wäre das eine perfekte Lösung.

Früher ist ein Bundesinnenminister zurückgetreten, weil ein Terrorist bei einer Polizeiaktion getötet wurde. Den Minister traf keine Schuld, er übernahm die politische Verantwortung. Heute wird einem Verkehrsminister vorgeworfen, Fehler bei der Maut zugelassen zu haben, die Millionen oder Milliarden kosten, aber er tritt nicht zurück. Geben Politiker heute seltener Fehler zu?

Beim Verkehrsminister kann schon gesagt werden, dass er offensichtlich nicht in der Lage ist, die politische Verantwortung zu übernehmen, obwohl er sicher viele Fehleinschätzungen getroffen hat. Es stimmt schon: Wir hatten sehr lange keinen Rücktritt. Bleibt die Frage, ob das mitunter nicht nur ein symbolischer Schritt ist. Denn eine andere Sache ist viel wichtiger: Verantwortung zu haben, bedeutet nicht, keine Fehler zu machen, sondern aus Fehlern zu lernen, also die nächste Entscheidung besser vorzubereiten.

Dürfen Leute in Deutschland weniger Fehler machen als in anderen Ländern? Fehlt eine Fehlerkultur?

Es wird den Deutschen gern unterstellt, dass sie perfektionistisch sind. Dass sie deshalb weniger Fehler machen, wage ich zu bezweifeln. Beim Dieselskandal zeigte sich, dass der Wunsch nach Perfektion und die Angst davor, das Scheitern zugeben zu müssen, so weit ging, dass zu verbrecherischen Mitteln gegriffen wurde.

Sie sind Perfektionismus-Expertin – weil Sie einen Hang dazu haben oder weil Sie ihn schrecklich finden?

Ich habe durchaus einen Hang zum Perfektionismus. Wir müssen aber immer zwischen der gesunden und der krankmachenden Variante unterscheiden. Und ich zähle mich natürlich zu den gesunden Perfektionistinnen.

Was heißt gesund?

Gesund ist, wenn wir beim Streben nach Perfektionismus auch Fehler als unvermeidlich ansehen, als ein Lernfeld. Perfektionismus ist erst dann gefährlich oder macht krankt, wenn die Leute Angst davor haben, Fehler zu machen und deshalb keine oder viel zu hastige Entscheidungen treffen, wenn sie aus Angst bestimmte Konfliktfelder bewusst meiden.

Was ist ein Fehler?

Es ist etwas, das Konsequenzen nach sich zieht, die Dingen oder anderen Menschen einen Schaden zufügen.

Warum fällt es den meisten so schwer, Fehler einzugestehen. Anders als das Lügen galt es doch auch früher nicht als Sünde?

Wir im Westen leben heute in einer durch Leistung definierten Welt. Leistung wird daran festgemacht, dass man gut ist. Das Leistungsdenken beginnt schon in der Schule: Jeder Fehler führt zu einem Abzug bei der Note. Schon in der Schule lernen wir nicht, aus Fehlern zu lernen. Wir bekommen schlechte Noten, aber danach nicht die Möglichkeit, uns zu verbessern. Das prägt unsere gesamte Einstellung. Es gibt aber Lehrer, die korrigieren die Arbeiten der Schüler, sprechen die Fehler dann mit den Schülern durch und die dürfen noch mal ran. Wenn sie aus ihren Fehlern gelernt haben, bekommen sie auch die zweite Zensur. Damit wird das Lernen belohnt und nicht das Machen von Fehlern bestraft.

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Vor allem junge Leute dokumentieren ihre Leben heute sehr akribisch in den sozialen Medien. Dort werden möglichst nur perfekte Bilder gezeigt.

Das moderne Leben klingt oft wie ein BWL-Leistungskurs. Viele Leute wollen zum Beispiel ihren Körper durch Sport, Drogen, Operationen oder Bildbearbeitungsprogramme optimieren. Überall geht es um Effizienz und Funktionieren. Haben wir in der modernen Gesellschaft einen verstärkten Hang zum Perfektionismus?

Absolut. Es gibt Studien, die zeigen, dass der Hang zum Perfektionismus gerade bei Studierenden in den vergangenen zehn bis 15 Jahren gestiegen ist. An einer guten Leistung, also der vermeintlichen Fehlerlosigkeit, hängt auch sehr viel: die Berufschancen, das Einkommen, mitunter auch die Chancen bei der Partnersuche. Das hat sich deutlich verschärft.

Wo sehen Sie die Ursachen?

Eine Ursache ist auch, dass über die sozialen Medien nicht die Realität abgebildet wird. Es werden vor allem perfekte Urlaubsbilder gezeigt, nicht die Fettröllchen im Bikini, nicht der gescheiterte Ausflug, nur das angeblich Schöne, Glückliche und Perfekte. Und egal, wie misslungen etwas im Urlaub war: Hinterher war es ein toller Urlaub, weil nur tolle Fotos auf dem Handy sind. Das real Erlebte ist egal, es wird versucht, die Schattenseiten und die Fehler zu verbergen. Und schon sind wir wieder bei Parallelen zur großen Politik.

Was unterscheidet Perfektionismus vom Gut-sein-wollen?

Perfektionismus bedeutet eine Unzufriedenheit mit dem, was ist. Das ist nichts Schlechtes. Der Perfektionismus sollte nicht verteufelt werden. Nur gut sein zu wollen, bringt die Entwicklung meist nicht voran. Es ist gut, wenn Menschen das Ziel haben, die Dinge besser zu machen. Im Sport gibt es viele Perfektionisten: Wer will schon Leistungssport machen, um zu verlieren. Doch wer nach Perfektion sucht, wird schnell verurteilt. Dabei profitieren die anderen auch von diesem Streben – die Gesellschaft und die ganze Menschheit. Diesem Streben verdanken wir in Forschung, Entwicklung und Wissenschaft sehr viel.

Ein Beispiel.

Mein Lieblingsbeispiel: Wir müssen nicht mehr am Fluss sitzen und die Wäsche wachsen, denn da waren Leute, die unzufrieden waren und die etwas optimieren wollten. Deshalb haben wir Waschmaschinen.

Aber manche übertreiben auch, oder?

Es gibt immer die Gefahr der Übertreibung: Immer nur das sehen, was nicht funktioniert, statt sich auch zu freuen, was funktioniert. Beim Sport sind manche Leute dann ganz schnell beim Doping. Was wir brauchen, ist eine Balance. Einen kritischen Blick auf Dinge, die besser laufen könnten. Auf der anderen Seite, müssen wir auch würdigen, was sich entwickelt hat. Das sehen wir doch in der Pandemie. Wir hatten unglaublich schnell einen Impfstoff. Dieser Erfolg gehört so etwas von gefeiert. Stattdessen halten wir uns sehr lange damit auf, dass es nun nicht schnell genug geht. Das erzeugt logischerweise einen Zustand der Unzufriedenheit.

Aber ist das Streben nach Perfektionismus nicht auch gefährlich?

Überhaupt nicht. Es ist gut und wertvoll, zu überlegen, was besser laufen kann. Wir dürfen nur nicht daran verzweifeln, dass nicht alles besser wird, nur weil wir es versuchen. Wir müssen lernen, die alltäglichen Rückschläge hinzunehmen, statt einfach aufzugeben und zu sagen: Das geht halt nicht.

Aber wenn wir immer nur nach dem Besten streben, können wir doch nur scheitern, oder?

Ja, das stimmt: Wer das Gefühl hat, nie gut genug zu sein, wird aufhören, sich anzustrengen, sich überhaupt noch zu verhalten, etwas zu machen – aus der Angst heraus, Fehler zu machen oder wieder einen Misserfolg zu erleben. Von da ist es nicht mehr weit zum Burn-out. Der Ausweg ist: Sich selbst das Fehlermachen zu erlauben, ohne die eigene Initiative zu bremsen. Wir müssen unsere Probleme angehen und dabei lernen, uns über die kleinen Erfolge und die Anerkennungen zu freuen.

Haben Sie persönlich ein Fehler-Eingestehungsprogramm, ein Ritual?

Ich habe tatsächlich ein Ritual: Ich setze mich abends hin und schaue mir im Kopf an, was am Tag gut gelaufen ist, was nicht. Damit kann ich auch beides würdigen: das Gute und das Schlechte. Ich muss nicht schwarz und weiß denken – und meist kommt ein schönes strahlendes Hellgrau heraus.