Bundeskanzlerin Angela Merkel.
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München/Berlin/ParisEs waren ziemlich scharfe Worte, die Emmanuel Macron wählte. „Was wir derzeit erleben, ist der Hirntod der Nato“, so Frankreichs Präsident in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ über das Militärbündnis. Dafür erntete er nicht nur bei Bundeskanzlerin Angela Merkel Widerspruch.

Europa müsse seine militärische Souveränität wiedererlangen, forderte Macron in dem bereits Ende Oktober geführten Interview. Stattdessen aber gebe es keinerlei Koordination bei strategischen Entscheidungen mit den USA, außerdem zeige die Türkei als Nato-Staat in Nordsyrien ein „unkoordiniertes, aggressives“ Vorgehen in einem Bereich, in dem die Sicherheitsinteressen aller berührt seien.

Mit Blick auf US-Präsident Donald Trump und den Truppenabzug der USA aus Teilen Syriens fügte er hinzu: „Wir finden uns das erste Mal mit einem amerikanischen Präsidenten wieder, der unsere Idee des europäischen Projekts nicht teilt.“ „Wenn Europa sich nicht als Weltmacht sehen kann, wird es verschwinden“, warnte Macron.

Angela Merkel weist Vorwürfe zurück

Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte am Donnerstag in Berlin am Rande eines Besuchs von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg auf die Aussagen ihres Amtskollegen aus Frankreich. Und machte deutlich, dass seine Sichtweise nicht die ihrer entspreche. Auch kritisierte sie die Wortwahl von Macron. Er habe „drastische Worte“ gewählt. „Ein solcher Rundumschlag ist nicht nötig, auch wenn wir Probleme haben, auch wenn wir uns zusammenraufen müssen.“

Die Nato sei in deutschem Interesse und sei das Sicherheitsbündnis für Deutschland. Sie habe zwar immer wieder gesagt, Europa müsse sein Schicksal ein Stück weit mehr selbst in die Hand nehmen. „Aber die transatlantische Partnerschaft ist unabdingbar für uns.“

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schloss sich der Sichtweise der Kanzlerin an. Er hatte zuvor bereits davor gewarnt, einen Keil zwischen die USA und Europa zu treiben. „Jeglicher Versuch, Europa von Nordamerika zu distanzieren, wird die transatlantische Allianz nicht nur schwächen“, sagte er in Berlin. Europäische Einheit könne „die transatlantische Einheit nicht ersetzen“.

Moskau nennt Macrons Worte „aufrichtig“

Während Macron von vielen Seiten Kritik erntet, kommt Zuspruch aus Russland. Die Aussagen seien „aufrichtig“ und „eine präzise Definition des aktuellen Zustands der Nato“, erklärte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Donnerstag auf ihrer Facebook-Seite. Das Verhältnis zwischen Russland und der Nato hat sich seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 massiv verschlechtert. (BLZ/AFP/dpa)