Berlin - Es ist die letzte Sitzungswoche des Bundestags in dieser Legislaturperiode und deshalb stehen viele Zeichen auf Abschied, vor allem dem von der Bundeskanzlerin, die ja bekanntlich nicht mehr zur Wahl antritt. Ihr selbst ist jede Sentimentalität suspekt, der sie mit Nüchternheit begegnet. Ein bisschen witzig kann sie aber auch sein.

Das zeigte sich bei ihrer letzten Befragung durch das Parlament. Mehr als eine Stunde stand sie allen Fraktionen Rede und Antwort und sprach diesmal manches deutlicher aus als man es sonst von ihr gewöhnt ist. Zum Beispiel beim Klimawandel.

Der Grünen-Abgeordnete Oliver Krischer konfrontierte sie mit Aussagen aus der NDR-Talkshow von 1997 zu Klimaschutz. Damals – also vor 24 Jahren – sagte Merkel, es müsse schnell gehandelt werden, weil die Folgekosten für die Gesellschaft sonst noch höher würden. Wie sie das in der Bilanz ihrer 16 Jahre Kanzlerinnenschaft bewerte, fragte der Grüne. „Tja, ich war halt Umweltministerin, nicht?“, antwortete Merkel darauf. Soll heißen: Als Kanzlerin habe sie nun mal anderen Zwängen Rechnung tragen müssen.

Die trägt sie dann auch vor: Kyoto-Abkommen, das Ausscheren der USA, aber auch die Bemühungen, die Anstrengungen bei den CO2-Einsparungen noch mal zu verdoppeln. Die sei in der rot-grünen Regierungszeit beschlossen worden, räumt sie ein. „Aber wir haben das sofort übernommen.“ Für sich selbst nimmt sie in Anspruch „wachsende Ambitionen über die Dauer meiner Kanzlerschaft“ gezeigt zu haben.

Dem Grünen ist das nicht genug. Er fragt noch mal nach: „War das aus Ihrer Sicht ausreichend?“ Merkel leistet sich einen Moment der Wahrheit: „Wenn ich mir die Situation anschaue, kann kein Mensch sagen, dass wir genug getan haben“, sagt sie und fügt hinzu, „das ist doch ganz klar.“ Die Zeit drängt wahnsinnig, das sieht auch sie so, und sie kann die Ungeduld der jungen Leute verstehen. Dann ist ihre Antwortzeit auch schon überschritten. Die gelbe Lampe an ihrem Mikro leuchtet.

Später überzieht sie ihre Redezeit noch einmal deutlich. Das ist, als sie auf die Frage der AfD noch einmal die Unterschiede zwischen PCR-Test, CT-Wert, Inzidenz und wie doch alles zusammenhängt, erklärt. Da bringt die studierte Naturwissenschaftlerin niemand aus dem Tritt. Auch wenn die AfD ihr die Erklärungen nicht abnehmen mag, anhören muss sie sie doch.

Die Fragen der Abgeordneten sind ein Mix aus Rückschau und Wahlkampf. Es geht um die Rente, die Mieten, die Ausstattung der Bundeswehr und die mittelfristige Finanzplanung. Zu diesem Thema gibt es einen lustigen Schlagabtausch mit dem Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD, Carsten Schneider. Er spricht Merkel auf die in den letzten Tagen häufig wiederholten Forderungen von Markus Söder und Unionskanzlerkandidat Armin Laschet an, dass man nach der Wahl erst mal einen Kassensturz brauche. Die SPD versteht das völlig richtig als Angriff auf ihren Kanzlerkandidaten und derzeitigen Finanzminister Olaf Scholz, deshalb will Schneider wissen, wie die Kanzlerin dazu steht, die das ja als Misstrauen gegen ihre eigene Regierung auffassen müsse, oder?

Merkel ist nicht bereit, sich in derartige Untiefen ziehen zu lassen. „Jeder guckt mal in die Bücher, selbst der heutige Finanzminister“, sagt sie dem Abgeordneten. „Ich würde Sie gern beruhigen, dass das kein Misstrauen ist.“ Und sicherlich seien ja alle erfreut über die aktuellsten positiven Wachstumsprognosen. Auf die Nachfrage von Schneider, wie hoch der Konsolidierungsbedarf eingeschätzt wird, nimmt sie die Unterlagen zur Hand, die die große Koalition ja noch immer gemeinsam verabschiedet und liest die Zahlen daraus ab. „Stimmt das mit Ihrem Wissen überein?“, fragt sie den SPD-Abgeordneten. Beifall und Gelächter von der eigenen Fraktion. Das Hohe Haus erlebt an diesem Tag eine entspannte Kanzlerin, die aber in allen Fragen im Stoff ist.

Regierungsbefragung: Merkel zeigt klare Kante gegen Orbán

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch fragt Merkels Ansicht über das in Ungarn geplante Gesetz, mit dem Informationen über Homosexualität und Transsexualität eingeschränkt werden sollen. Ursula von der Leyen hat es als Schande bezeichnet und erklärt, dass die EU dagegen vorgehen werde. Von Storch will wissen, wie die Kanzlerin zu dieser „Einschränkung der Souveränität Ungarns“ durch die EU steht und wie man künftig gegenüber arabischen Staaten auftreten wolle. Von Merkel kommt klare Kante gegen das Gesetz, das sie nicht als Schande bezeichnet, aber als „nicht vereinbar mit meiner Vorstellung von Politik“. Über Vertragsverletzungsverfahren entscheide die Kommission und was das alles mit den Golfstaaten zu tun habe, könne sie nicht sehen.

Von Storch hakt nach und will eine Aussage zu Teilnahme oder Boykott Deutschlands bezüglich der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar im nächsten Jahr, einem Land, in dem offen gezeigte Homosexualität unter Strafe steht. Die Antwort ist so, wie man Merkel kennt: Differenzen wie die zu Ungarn müssten klar benannt werden. Das lasse sich die dortige Regierung schließlich auch nicht nehmen. Internationale Sportturniere wiederum seien ein weites Feld, so Merkel. „Ich stelle jetzt erst mal nur fest, dass die Uefa offenbar einen Unterschied zwischen Manuel Neuers Kapitänsbinde und dem Stadion in München sieht.“

Frage aus dem Plenum: Doch noch mal eine Frau als Kanzlerin? Da muss Merkel lachen

Lachen muss sie, als die Grünen danach fragen, ob sie nicht auch der Meinung sei, dass es zu wenige Frauen im Parlament gebe und ob nicht weiterhin eine Frau Kanzlerin sein sollte. Zu Punkt eins sagt sie klar, der jetzige Frauenanteil sei absolut zu gering. Punkt zwei will sie den Wählerinnen und Wählern überlassen. „Nach 16 Jahren Merkel sind sie mündig genug, eine eigenen Entscheidung zu treffen.“

Nach einer guten Stunde ist Schluss mit Fragen. Die Kanzlerin packt ihre Unterlagen zusammen und verlässt das Plenum. Am Donnerstag wird sie hierher zurückkehren und ihre letzte Regierungserklärung halten.