Angela Merkels Besuch bei US-Präsident Joe Biden war eine Abschiedsvisite – und wurde auch von den Amerikanern so empfunden. Die Abgesänge auf die Langzeitkanzlerin sind nicht besonders euphorisch. Die Washington Post wirft der Kanzlerin vor, wenngleich moderat im Ton, die transatlantische Allianz zugunsten von Interessen der deutschen Wirtschaft unterlaufen zu haben.

Das bezieht sich vor allem auf die Pipeline Nord Stream 2, die der US-Energiewirtschaft ein Dorn im Auge ist. In der Tat ist die Pipeline in erster Linie ein kommerzielles Projekt. Dass die Bundesregierung das Projekt ebenso unterstützt wie die russische Regierung, liegt in der Natur der Sache. Die US-Lobbyisten scheint besonders zu ärgern, dass auch das Mittel der Sanktionen nicht funktioniert hat: Die Pipeline dürfte fertiggestellt werden – allen Drohungen und Missbilligungen aus Washington zum Trotz. Ob die Pipeline für die beteiligten Unternehmen dann auch ein lukratives Geschäft wird, ist allerdings noch nicht klar. Die Washington Post schreibt, dass die Hoffnungen der Regierung Biden auf einer Regierungsbeteiligung der Grünen liegen – die immer vehement gegen Nord Stream 2 gewesen seien.

Doch viel wichtiger als die Pipeline ist für die Amerikaner das Verhältnis Europas zu China. Biden setzt den harten Kurs seines Vorgängers Donald Trump fort, allerdings mit einem etwas anderen Akzent: Er will eine internationale Allianz, um den Westen und Teile Asiens gegen China zu vereinen. Das ist allerdings schon Barack Obama nicht gelungen, der mit seinem Versuch, die treuen Briten an der Mitwirkung an Pekings wichtigstem Projekt, der „Neuen Seidenstraße“ zu hindern, gescheitert ist.

Obama musste zur Kenntnis nehmen, dass die Welt multipolar geworden ist. Viele Machtzentren oszillieren, Interessen greifen ineinander, überraschende Allianzen wie zuletzt jene von Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten verändern die Landkarte.

In einem derart fluiden Umfeld ist es eine Ironie der Geschichte, dass Merkel als Ostdeutsche ihre Herkunft nicht in einen Vorteil für ein modernes Deutschland hat münzen können.

Sie war stark in die alten westdeutschen Muster eingebunden und hat nicht erkannt: Das vormals geteilte Deutschland wäre eigentlich wegen der Heterogenität seiner Bevölkerung ein ideales Pilot-Projekt für die Versöhnung von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Unterschieden in einer sich rasend schnell ändernden Welt. Merkel, von Natur aus eher ängstlich sowie politisch-professionell und opportunistisch, versäumte es, sich etwas vom anarchistischen, wagemutigen und dynamischen Geist Ostdeutschlands ins Kabinett zu holen.

Deutschland hat unter Merkel auf der Weltbühne keine Impulse gesetzt

So machte sie die deutsche Außenpolitik zu einer Randnotiz im Zeitalter des digitalen Wandels. Mehr noch: Sie spielte das einfältige Spiel mit, ostdeutsche Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu schnell als rechts zu diskreditieren. Anstelle eines mutigen Diskurses, auch über geopolitische Fragen, trat eine sattsam bekannte bundesdeutsche Rechthaberei, die dem Land im Herzen Europas vor allem in Mittel- und Osteuropa wenig Reputationsgewinn gebracht hat.

Es hat Deutschland auch keine neuen transatlantischen Freundschaften gebracht. Viele Amerikaner schauen mit einer gewissen Bewunderung auf Deutschland und sagen: „Ihr hattet doch den großen Bruch schon – sagt uns, wie geht denn Wandel?“ Deutschland hat unter Merkel auf der Weltbühne keine Impulse gesetzt. Diese wären sehr willkommen gewesen. Denn auch die Amerikaner haben längst erkannt, dass sich die Welt ändert. Viele ihrer kraftmeierischen Aktionen sind Ausdruck einer tiefen Unsicherheit.

Und die andere Seite? Die Idee der Chinesen, mit einem eigenen Sanktionsregime ihre neuen weltweiten Ambitionen zu untermauern, ist nicht besonders originell. Die Chinesen – Meister der Imitation – sind auf der Suche nach Vorbildern. Sie würden den Deutschen gut zuhören, wenn sie etwas Originelles zu sagen haben.

Merkels Erben wären gut beraten, wenn sie die alten Muster abschütteln und erkennen würden: In einer neuen, multipolaren Welt – ein Begriff, den sogar schon die Vertreter des European Council on Foreign Relations in den Mund nehmen – sind Werte wichtiger als Netzwerke. Das brüchige, sperrige, stets mit sich hadernde Deutschland kann da viel einbringen: zum Beispiel die Erfahrung, dass Freiheit und Wohlstand zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Dazu sollte die nächste Bundesregierung „mehr Ostdeutschland wagen“– auch, um auf der anderen Seite des Atlantik gehört und respektiert zu werden.