Ein Meteoriteneinschlag hat am Freitag die Einwohner in der Region um die Millionenstadt Tscheljabinsk im Ural aufgeschreckt. Gegen 9.20 Uhr raste ein heller Feuerstrahl über den Himmel. Das himmlische Geschoss schob eine Druckwelle vor sich her, dann gab es eine laute Explosion. Alarmanlagen von Autos sprangen an, Fensterscheiben zerbarsten, in einer Fabrik brach das Dach ein. Nach ersten Schätzungen der Behörden wurden mehr als 950 Menschen verletzt, unter ihnen auch zehn Kinder in einer Schule. Die meisten Verletzten seien von Scherben zersplitterter Scheiben getroffen worden, teilte das russische Innenministerium mit. In mindestens sechs Städten am Ural seien Schäden an Gebäuden festgestellt worden. Vorrang habe jetzt vor allem die Reparatur der zerstörten Fenster. Denn in der Region herrscht strenger Frost mit Temperaturen bis zu 18 Grad Celsius unter null.

Der Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags ließ sofort Vermutungen aufkommen, es könnte einen Zusammenhang mit dem im Anflug befindlichen Asteroiden 2012 DA 14 geben. Dieser sollte nur 16 Stunden später die Erde in nur 27 680 Kilometern Abstand passieren – so nahe wie noch kein Asteroid dieser Größe seit Menschengedenken. Einige Wissenschaftler der Europäischen Raumfahrtagentur Esa versicherten umgehend, Flugbahn und Ort des Einschlags sprächen gegen einen solchen Zusammenhang. Sicher scheint dies bis zu einer detaillierten Analyse aller Daten aber keineswegs: Beide Körper könnten durchaus denselben Ursprung haben.

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Fast alle Meteorite, die auf der Erde gefunden werden, sind Bruchstücke von Asteroiden, also kleinen Körpern, die vorwiegend zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter um die Sonne kreisen. Bei Kollisionen solcher Körper brechen Teile ab. Es kommt häufiger vor, dass solche Fragmente dann in geringem Abstand zueinander weiterfliegen – und, wenn sie ins Schwerefeld eines Planeten geraten, wie eine Geschossgarbe einschlagen. Kraterketten auf dem Mond zeugen von solchen Ereignissen in der Vergangenheit. Spektakuläre Einschläge dieser Art gab es auch auf dem Jupiter im Sommer 1994, sie stammten allerdings von Bruchstücken eines Kometen.

Sollte Asteroid 2012 DA 14 auf seinem Weg durchs All tatsächlich von derartigen Meteoroiden begleitet werden, dann war nicht einmal auszuschließen, dass auch Stunden nach seinem Vorbeiflug an der Erde noch weitere Brocken wie der von Tscheljabinsk in die Erdatmosphäre gelangen könnten.

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Da von der Feuerkugel vom Freitag eine Fülle von Videos und Fotos vorliegt, dürfte es Experten leicht möglich sein, die Flugbahn in der Atmosphäre räumlich zu rekonstruieren. „Das machen wir häufig“, sagt Joachim Flohrer vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof. Seien die Angaben über die Positionen der Kameras und die Zeitpunkte der Aufnahmen genau genug, lasse sich sogar die Bahn des Körpers im Weltraum rekonstruieren und mit der von 2012 DA14 vergleichen. „Wenn die beiden Körper wirklich ursächlich zusammenhängen, dann müsste der Meteorit von Tscheljabinsk von Süden nach Norden geflogen sein“, so Flohrer.

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Rainer Kresken von der Esa schätzt, dass der Meteorit einen Durchmesser von einem oder zwei Meter besaß. Beim Eintritt in die Atmosphäre habe er sich so stark erhitzt, dass er in einigen Kilometer Höhe explodierte.

Einige Bruchstücke sind aber offensichtlich bis zum Boden vorgedrungen. Mindestens eines von ihnen sei offenbar in einen See rund 80 Kilometer westlich von Tscheljabinsk gefallen, teilte die Gebietsverwaltung mit.

Meteorite dieser Größenordnung treffen die Erde mehrmals im Jahr. Doch die meisten explodieren über den Meeren, die zwei Drittel der Erdoberfläche bedecken, oder unbewohnten Gebieten. Städte sind äußerst selten betroffen, Verletzte gab es bislang kaum. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit von mindestens 40 000 Kilometern pro Stunde können diese verhältnismäßig kleinen Objekte großen Schaden anrichten. Vorwarnungen oder gar eine Abwehr solcher Geschosse sind derzeit unmöglich. Sie sind zu klein und daher zu lichtschwach, um sie am Himmel rechtzeitig zu orten.

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