Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinDie Dreijährige steht an der Straße in Heringsdorf, Usedom, und zeigt auf den weiß-blauen Miniatur-Bus, der ihr entgegenkommt. „Mama, darf ich den Kindern darin zuwinken?“, fragt sie. Es ist einer dieser kleinen Busse, die wie eine alte Dampflok aussehen, aber auf Rädern fahren. Er sieht wie ein Spielzeugzug aus. Das Kind freut sich und winkt. Als der Wagen vorbeifährt, sitzen darin nur weißhaarige, ältere Frauen und Männer, dicht an dicht, und alle tragen Maske. Keiner winkt zurück. 

Man sieht auch sonst nicht viele Kinder in den Orten, an einem sonnigen Wochenende sind kaum mehr als zwanzig am Strand. Auf dem Spielplatz stehen fünf Erwachsene um ein Kleinkind herum und gucken, wie es auf einer Nestschaukel sitzt. Auf einem anderen Spielplatz, der inzwischen Aktiv-Pfad heißt, turnen Grauhaarige. In den Eiscafés löffeln ausschließlich Rentner ihre Schwedenbecher. Wenn man mit Kleinkindern ein Restaurant betritt, wird man sofort beäugt, halb erstaunt, halb gerührt. Es ist wie eine Reise in die Zukunft. In die Rentnerrepublik Deutschland.

„Das Methusalem-Komplott“ lautet der Titel eines vieldiskutierten Buches des verstorbenen Publizisten Frank Schirrmacher aus dem Jahr 2004. Darin ging es darum, wie stark Deutschland und Europa sich in den kommenden Jahrzehnten verändern werden. Die Anzahl der minderjährigen Kinder unter 18 ist in den vergangenen dreißig Jahren kontinuierlich zurückgegangen. In Eisenhüttenstadt, um nur ein Beispiel zu nennen, lag das Durchschnittsalter 1950 bei 29 Jahren. Heute ist jeder Dritte über 65 Jahre. Im Jahr 2060 wird nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes für das ganze Land zutreffen, dass jeder Dritte über 65 und älter sein wird. Und wir werden keine Generation von Großeltern sein, schrieb Schirrmacher damals. Er stellte damals die These auf, dass die seelischen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des demografischen Wandels größer sein werden als das Ende des Kommunismus. 

Das ist vielleicht etwas drastisch formuliert, aber man spürt den Wandel schon. Wenn man sich Buch-Neuerscheinungen anguckt, geht es um Tod, Pflege, Krankheit, weniger um den Beginn des Lebens. Es wird mehr über Rente diskutiert als über Kinderarmut, obwohl Kinderarmut rein zahlenmäßig ein größeres Problem ist als Altersarmut. Die Journalistinnen Susanne Garsoffsky und Britta Sembach zitieren in ihrem  Buch „Der tiefe Riss“ mehrere Studien, die belegen, wie sich die Sozialpolitik durch den wachsenden Anteil älterer und hochbetagter Menschen ändern. Es geht immer weniger um Transferleistungen für Familien und Kinder oder den Ausbau von Kitaplätzen, sondern um stabile Renten, die wiederum die nächsten Generationen belasten. „Je älter ein Bundesbürger, desto weniger familienfreundlich ist die Politik, die er sich wünscht“, so ein Zitat aus einer Studie des Max-Planck-Instituts. 

Als im vergangenen März drastische Corona-Einschränkungen beschlossen worden und Schulen und Kitas schließen mussten, spielten die Bedürfnisse von Kindern und Familien am Anfang keine Rolle. Die Über-60-Jährigen sind inzwischen die größte Wählergruppe, ihre Themen werden wahrscheinlich auch den Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr dominieren. Man könnte dem etwas entgegensetzen, indem man auch 16-Jährige wählen lässt. Das wäre schon 2021 möglich, doch die große Koalition will das offenbar nicht.