Ihre Stimme wurde lange vermisst in der Debatte um sexuellen Missbrauch in Hollywood: Die Schauspielerin Uma Thurman schwieg zu den Vorwürfen gegen den Produzenten Harvey Weinstein auch dann noch, als sich längst zahlreiche prominente Opfer weltweit zu Wort gemeldet hatten. Sie sei zu wütend, um  zu sprechen, sagte sie bereits  im vergangenen Oktober in einem Interview. Im November dann deutete sie in dem sozialen Netzwerk Instagram an, ebenfalls Opfer von Weinstein geworden zu sein. Sie wünschte ihm langes Leiden, einen Gnadenschuss habe er nicht verdient.

Sie hat ihn gewarnt

Es dauerte, bis die 47-Jährige wirklich etwas sagte, ausführlich und reflektiert. Sie tat es jetzt – zusammen mit einer Kolumnistin der New York Times, Maureen Dowd. In dem am Wochenende online erschienen Artikel schildert Thurman, wie  Weinstein sie in einem Londoner Hotelzimmer angegriffen habe. Sie habe sich wehren und entkommen können. Später habe  sie ihn gewarnt: „Wenn du das, was du mit mir getan hast, auch anderen antust, dann wirst du deine Karriere, deinen Ruf und deine Familie verlieren.“

In die Öffentlichkeit trat Thurman mit ihren Erlebnissen  nie, auch nicht, als ihre Beziehung zum Regisseur Quentin Tarantino sie geschützt hätte. Beim Filmfestival in Cannes 2001 habe sie sich  Tarantino anvertraut, der Weinstein anschließend zur Rede stellte. Weinstein habe zunächst verletzt auf Thurmans Vorwürfe reagiert – dann sei seine Aggression umgeschlagen: in Scham.

Opfer und Teil des Systems

In dem nun erschienenen Interview wird die innere Zerrissenheit der Schauspielerin deutlich  – der Zwiespalt,  einerseits Opfer gewesen zu sein, andererseits aber auch Teil eines Systems, das diese Taten vertuschte und so dauerhaft ermöglichte.  „Ich bin einer der Gründe, dass ein junges Mädchen allein in sein Zimmer gegangen ist – so wie ich“, sagt sie. Die wirklich schweren Vorwürfe jedoch, erhebt Thurman nicht gegen Weinstein, sondern gegen ihren einstigen Freund Quentin Tarantino. „Harvey hat mich angegriffen, aber das hat mich nicht umgebracht“, sagt Thurman. Was sie gebrochen habe, sei eine Situation am Set der „Kill Bill“-Filme gewesen.

Für eine Szene  habe Tarantino sie mit Druck überredet, ein Auto über eine kurvige Strecke zwischen Bäumen hindurch zu fahren, obwohl sie sich unsicher dabei fühlte.  Ein Video vom Dreh zeigt, wie Thurman tatsächlich die Kontrolle über den Wagen verliert und gegen eine Palme kracht. Der Unfall hinterließ bleibende Schäden – körperliche wie seelische. Trotz zahlreicher Schikanen, sagt Thurman, habe sie bis dahin immer geglaubt, eine gewisse Macht über Situationen zu besitzen. Erst Jahre später habe sie realisiert, dass jenes männlich-kontrollierte System eines sei, in dem schon kleine Mädchen lernen, dass „Gewalt und Liebe irgendwie miteinander zusammenhängen“.

Und so zeigt Thurmans spätes Bekenntnis auch, wie schwer es sein muss und wie viel Kraft es braucht, mit solchen Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen  – und dass der Missbrauchs-Skandal noch lange nicht zu Ende ist.