Stockholm - Zwei Wörter sind es, die momentan deutlich machen, wie alltäglich Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt sind: Unter dem Hashtag „Me too“ („Ich auch“) berichten Frauen in den sozialen Netzwerken über ihre Erlebnisse: Über Erniedrigungen, Vergewaltigungen, sexistische Sprüche, sexuell Übergriffe im Erwachsenenalter, als Kinder.

Auch die  schwedische Außenministerin Margot Wallström hat sich bei Facebook beteiligt: „Me too“, schrieb sie am Mittwoch in einem Posting auf ihrer Seite. Genauere Angaben machte sie dazu nicht. Wallström hatte allerdings 2014 in einem Buch des schwedischen Journalisten Jan Scherman von einem Vorfall während eines Abendessens mit europäischen Staats- und Regierungschefs erzählt.

Sie sei bei diesem Essen von ihrem Sitznachbarn begrapscht worden. „Plötzlich habe ich eine Hand auf meinem Schenkel gespürt. Mein Tischnachbar fing an, mich zu betatschen. Das war völlig irreal“, berichtete sie dort.  Ob sie mit ihrem Beitrag bei Facebook dieses Erlebnis gemeint hat, ist nicht klar. Der schwedischen Nachrichtenagentur TT sagte sie: „Ich kann bestätigen, dass das auf höchster politischer Ebene vorkommt und es auch mir widerfahren ist.“

Fall Harvey Weinstein erschüttert Hollywood

Die „Me-Too“-Geschichten sind eine Reaktion auf den Fall Harvey Weinstein. Der Hollywood-Produzent soll jahrzehntelang Frauen sexuell belästigt und ausgenutzt haben. Auch Vergewaltigung wird ihm vorgeworfen.  Schauspielerinnen wie Angelina Jolie oder Gwyneth Paltrow hatten von sexuellen Belästigungen berichtet. Nach einem Aufruf der Schauspielerin Alyssa Milano begannen Frauen ebenfalls von ihren Erlebnissen zu berichten.

Der aktuelle Hashtag unter dem die Frauen schreiben, was ihnen widerfahren ist, erinnert an die Aufschrei-Debatte vor fünf Jahren nach dem Rainer-Brüderle-Skandal. Der Ex-FDP-Spitzenkandidat hatte zu der Journalistin Laura Himmelreich an einer Bar gesagt, sie könne auch ein Dirndl ausfüllen. Über den Hashtag Aufschrei twittern danach zahlreiche Frauen über ihre Erlebnisse zu dem Thema.

Unter „Me too“ schildern Frauen sowohl über tätliche Übergriffe als auch über sexistische Bemerkungen, die ihnen unangenehm waren und die vor allem auch ein Bewusstsein schaffen sollen, was Frauen als verletzend und sexistisch wahrnehmen. Die Schilderungen der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, die am Wochenende von einer unpassenden Bemerkung eines Ex-Botschafters berichtete, befeuerte die Debatte zusätzlich. Dieser hat sich inzwischen entschuldigt.

 Positive Entwicklung erkennbar

Solche sexistische Strukturen gibt es auf allen Ebenen – auch auf Bundesebene. „Ich glaube, keine Partei ist frei von Sexismus, auch nicht die Linke“, sagte Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Linken dieser Zeitung. Sie beobachte häufig, dass es bei männlichen Abgeordneten um Bedeutung und um Fachlichkeit ginge und weibliche Abgeordnete  schnell auf ihr „äußeres Erscheinungsbild oder ihre Medientauglichkeit“ reduziert würden. „Das sind tiefe sexistische Strukturen, die man immer wieder erlebt“, erzählt sie.  Auch dass Frauenpolitik und Belange von Frauen  oft „hintenüberfallen“ oder nur am Rande behandelt würde, zeuge von sexistischen Strukturen. 

Trotzdem sehe sie auch eine Entwicklung: „Wenn  früher ein frauenfeindlicher Witz gemacht wurde und ich das kritisiert habe, galt ich als Spaßbremse. Inzwischen greifen sofort Frauen und auch Männer ein und fragen, was das soll“, erzählt sie.

Wenn dann aber sexistische oder sexualisierte Bemerkungen kommen, seien viele Betroffene Frauen  „erst einmal blockiert“, erzählt Möhring. „Vor Überraschung, dass so etwas immer noch vorkommt und auch, weil einige leider schauen, ob sie nicht einen eigenen Anteil daran haben, falsche Kleidung oder so“, sagt Möhring.  (mit afp)