Morelia - Nach zahlreichen Berichten über Vergewaltigungen und brutale Misshandlungen in einem mexikanischen Armenheim haben die Behörden am Wochenende damit begonnen, die Bewohner der Einrichtung von dort fortzubringen. Von den mehr als 400 in dem Heim „La Gran Familia“ lebenden Kindern, sechs davon im Babyalter, seien viele in die Obhut der Jugendschutzbehörde in der Stadt Guadalajara übergeben worden, wie eine Behördenvertreterin sagte.

Am Dienstag hatten Polizei und Armee das Heim auf der Suche nach fünf vermissten Kindern durchsucht. Bei der Razzia fanden die Behörden allerdings nicht nur die vermissten Kinder, sondern auch etwa 600 weitere Menschen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen und in miserablen hygienischen Verhältnissen hausten. Die Leiterin des Heimes sowie acht Mitarbeiter wurden festgenommen. Ihnen wird Freiheitsberaubung vorgeworfen.

Die Institution in der Stadt Zamora im westlichen Bundesstaat Michoacán existiert seit bereits 40 Jahren und genoss bisher einen guten Ruf als Einrichtung, die Kindern aus armen Verhältnissen eine behütete Umgebung bietet.
Minderjährige Bewohner berichteten, sie seien mehrfach zum Oralverkehr gezwungen worden. Eine junge Frau berichtete, sie sei von einem Angestellten des Heims vergewaltigt worden. Als sie schwanger geworden sei, habe er sie verprügelt und sie getreten, um eine Fehlgeburt auszulösen.

Die Bewohner berichteten außerdem von miserablem Essen, das zum Teil verfault gewesen sei, und von drakonischen Züchtigungen. So seien die Kinder zur Strafe für Fluchtversuche beispielsweise für lange Zeit ohne Essen und Trinken in eine sechs Quadratmeter große Zelle eingesperrt worden, sagte der Chefermittler der Generalstaatsanwaltschaft, Tomás Zerón, auf einer Pressekonferenz.

Die Gründerin und Leiterin des Heims, Rosa del Carmen Verduzco, hat nach Medienberichten in der Haft einen Nervenzusammenbruch erlitten und wurde in ein Krankenhaus gebracht.
Die Verhaftete bekam unterdessen Unterstützung von prominenten mexikanischen Persönlichkeiten. „Mamá Rosa, ich bin solidarisch mit Dir. Ich weiß, dass Du stark bist, und ich weiß um all das Gute, dass Du für Tausende Kinder und Jugendliche getan hast“, schrieb beispielsweise Ex-Präsident Fox auf Twitter. (dpa, AFP)