Brüssel - „Romeo Delta Malaysia Eins Sieben“, das war der letzte Funkspruch aus dem Cockpit von Flug MH17 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Das war am 17. Juli, um 13:19 und 56 Sekunden. Sieben Sekunden später meldete sich der Fluglotse im ukrainischen Dnjepropetrowsk. „Malaysian Eins Sieben? Wie empfangen Sie mich?“.

Auch der Kollege vom Kontrollzentrum im russischen Rostow schaltete sich kurz darauf in den Funkverkehr ein. „Rostow, haben Sie Malaysian im Visier? Kriegen Sie Antwort“, wollen die ukrainischen Lotsen wissen. Kurz darauf die ernüchternde Antwort: „Nein, es scheint das Signal ist abgebrochen.“

„Alles muss durch Beweise belegt werden“

Das Signal blieb weg. Flug Malaysian Airlines MH17 stürzte über dem Osten der Ukraine ab, 298 Menschen starben, darunter 196 Niederländer. Am Dienstag legte der holländische Sicherheitsrat einen ersten Untersuchungsbericht vor. Das Cockpit sei „durchsiebt von einer großen Anzahl von Projektilen mit hoher Energie von außerhalb des Flugzeugs“, heißt es darin. Aber Untersuchungsleiter Tjibbe Joustra hielt sich mit Bewertungen zurück. „Alles muss durch Beweise belegt werden“, lautet seine Devise.

Und so liest sich der Bericht sehr zurückhaltend. Das Wort Rakete findet sich nirgends. Schon kurz nach dem Absturz war davon die Rede, Flug MH17 sei von einer russischen BUK-Rakete getroffen worden.  Eine Luftabwehrrakete, die zwanzig Meter vor dem Ziel   explodiert und Splitter freisetzt. Noch am Vorabend hatten ukrainische Zeugen der BBC von einem russischen Geschütz in der Region berichtet.

Joustra aber, Jurist und ehemaliger holländischer Minister, enthielt sich eines Urteils. Er hielt sich an die Fakten. Demnach flog MH17 auf einer Höhe von 10,1 Kilometern, knapp über der von den Lotsen empfohlenen Höhe von 10,75 Kilometern, sprich 30.000 Fuß. Eine halbe Stunde vor dem Absturz hatten die Piloten noch gebeten, wegen Turbulenzen um 37 Kilometer links vom Kurs abzuweichen. Drei weitere Zivilflugzeuge waren zum Zeitpunkt des Absturzes im selben Gebiet unterwegs. Von einem (ukrainischen) Militärflugzeug, über das kurz nach dem Unglück spekuliert worden war, kein Wort.

Blackbox nicht manipuliert

Auch die Auswertung der Blackbox brachte keine näheren Erkenntnisse. Joustras Team stellte aber fest, dass die Box nicht manipuliert worden sei. Prorussische Separatisten hatten das Gerät nach dem Absturz an sich genommen und erst nach Tagen übergeben. Auch holländische Teams konnten erst nach Tagen zu der umkämpften Absturzstelle vordringen. Die Ermittler stellten jetzt klar, dass es damals nur um die Bergung von Leichen gegangen sei. Wrackteile vor Ort seien nicht untersucht worden. Malaysias Premier Najib Razak mahnte am Dienstag erneut einen freien Zugang der Ermittler zur Absturzstelle an.

Joustra mochte  keine Mutmaßungen anstellen. Einen Unfall aber schloss sein Team aus. Der rechtsliberale Abgeordnete Han ten Broeke   stellte daher fest: „Für uns ist klar, dass es sich um einen Anschlag handelt.  Michiel Servaes vom sozialdemokratischen Koalitionspartner urteilte zurückhaltender. Es sei nicht klar, „wer direkt oder indirekt für diese schreckliche Tat verantwortlich gemacht werden kann“.

Auch in Brüssel wurde der Rapport aufmerksam registriert. Der Absturz von MH17 hatte Ende Juli zu einer Ausweitung der Sanktionen gegen Russland geführt. Nun sollen die Maßnahmen erneut verschärft werden. Die EU-Staaten haben zwar neue Sanktionen, etwa gegen russische Energiekonzerne beschlossen.  Aber die Maßnahmen  werden angesichts der Bemühungen um eine Lösung des Konflikts vorerst ausgesetzt. Vor allem Finnland hatte Druck gemacht.  „Innerhalb einiger Tage“ sollen die Sanktionen nun im Gesetzesblatt der EU veröffentlicht werden und damit greifen.

Am Mittwoch beraten erneut die EU-Botschafter. Der CDU-Europaabgeordnete Michael Gahler kritisierte das Vorgehen: „Niemand soll sich der Illusion hingeben, dass dieser Waffenstillstand Ausdruck eines Sinneswandels auf russischer Seite ist“, sagte er. Am Mittwoch beraten erneut die EU-Botschafter. Ein imponierendes Vorgehen der EU-Staaten sieht anders aus. Das koordinierende Signal scheint derzeit abgebrochen.