Bundesminister Jens Spahn
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BerlinBundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angesichts wieder deutlich steigender Corona-Infektionszahlen an die Bürger appelliert, die Hygieneregeln einzuhalten. „Bleiben wir wachsam, halten wir die Regeln ein.“ Wo das Virus eine Chance habe, breite es sich aus und nehme keine Rücksicht auf die Urlaubszeit, mahnte Spahn am Donnerstag in Berlin. Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz und Händewaschen seien ein „kleiner Preis“, wenn man bedenke, wie schnell sich die Pandemie ausbreiten könne.

Zurzeit verzeichne man viele kleinere Ausbrüche bei Familienfeiern etwa oder am Arbeitsplatz. „Die Pandemie ist noch nicht vorbei“, sagte Spahn weiter. Jetzt endeten langsam auch die Ferien, viele kämen aus dem Urlaub zurück. Deswegen bestehe die Gefahr, dass die Infektionszahlen weiter stiegen.

Der CDU-Politiker bekräftigte, dass er von dem Argument, wer sich einen Urlaub leisten könne, könne sich gefälligst auch den anschließenden Test leisten, nichts halte. Das würde das solidarische Krankenversicherungssystem infrage stellen. Man solle dies nicht zur sozialen Frage erklären. „Wir leben nicht in normalen Zeiten.“

Die meisten Bürger unterstützten die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus. An die anderen gerichtet mahnte er, Freiheit bedeute immer auch Verantwortung für sich und die anderen. Er wurde auch persönlich: „Mich nervt das Maskentragen auch manchmal“, sagte er. Es sei aber immer noch eine sehr milde Belastung angesichts der Wirkung.

Erstmals seit drei Monaten hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) mehr als 1000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert. Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI demnach 1045 neue Corona-Infektionen. Die Schwelle von 1000 neuen Corona-Fällen war zuletzt am 7. Mai überschritten worden.

Zweiten Lockdown vermeiden

Der bekannteste Virologe des Landes, Christian Drosten, gab in einem Gastbeitrag in der Wochenzeitung Zeit Empfehlungen für die Vorbereitung auf eine zweite Welle, die im Herbst und Winter mit großer Wahrscheinlichkeit bevorstünde. Man müsse sich auf eine Verbreitung des Erregers quer durch die Bevölkerung, durch alle Landkreise und Bevölkerungsschichten einstellen. „Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen. Dann sind die personell schlecht ausgestatteten Gesundheitsämter endgültig damit überfordert, die Quarantäne jeder einzelnen Kontaktperson zu regeln“, sagt der Charité-Virologe. Er empfiehlt eine neue Strategie, um einen generellen Lockdown wie im Frühjahr zu vermeiden. Die Gesundheitsämter sollten sich demnach auf sogenannte Cluster konzentrieren, also auf Ereignisse oder Umfelder mit vielen gleichzeitigen Neuansteckungen. Das kann beispielsweise eine große Familienfeier sein, eine Schulklasse, ein Großraumbüro oder ein Fußball-Team. 

Man wisse inzwischen, dass  bei der Verbreitung des Virus sogenannte Superspreader-Events eine Rolle spielen, bei dem einzelne Überträger viele Menschen anstecken, wie zum Beispiel im Schlachthof bei Tönnies oder bei Gottesdiensten. Könnte sich ein Mensch in diesem Umfeld infiziert haben, müssten alle anderen Menschen auch in Quarantäne. Tests seien zu langsam, so Drosten. Infizierte sind am ansteckendsten, bevor sie Symptome zeigen. „Jeder Bürger sollte in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen“, schreibt Drosten.

Bei seinen Empfehlungen bezieht sich Drosten stark auf Japan. Japan sei es gelungen, die erste Welle trotz einer erheblichen Zahl importierter Infektionen ohne einen Lockdown zu beherrschen. Die Strategie müsse klug eingesetzt werden, dann könne man auch hierzulande einen flächendeckenden Lockdown vermeiden: „Schaut man sich neuere Daten zur Ausscheidung des Virus an, reicht eine Isolierung der Cluster-Mitglieder von fünf Tagen, dabei darf das Wochenende mitgezählt werden.“ Am Ende der fünf Tage solle man die Cluster-Mitglieder testen – solch eine pauschale Regelung sei zu verkraften und allemal besser als ein ungezielter Lockdown. Bei der Umsetzung der Strategie seien nicht nur die Politik, sondern auch Arbeitgeber und Chefs gefragt.