Drei Sonntage hat Anne Will mit der nach ihr benannten Talkshow pausiert. Ihr selbst wird es vermutlich so vorgekommen sein, als mache sie genau dort weiter, wo sie im Mai aufgehört hat. Und genau das ist ja auch der Fall, wenn man sie die immer gleichen Diskussionen um den Ukraine-Krieg betrachtet.

Der Ton war diesmal äußerst moderat, aber das liegt wohl daran, dass die Akteurinnen und Akteure in ihren jeweiligen Rollen bereits eine gewisse Routine entwickelt haben. Noch immer muss man der SPD erklären, wer in diesem Krieg der Aggressor ist. Noch immer ist es die CDU, die darauf beharrt, dass die im Bundestag beschlossene Lieferung schwerer Waffen auch wirklich erfolgt.

Für die Genossen diskutierte diesmal Michael Müller, der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, der jetzt im Bundestag sitzt und nun als Außenpolitiker vorgestellt wird. Entrüstet erklärte Müller einmal mehr, dass aus der Verteidigung der Ukraine das Postulat geworden sei, Russland müsse besiegt werden.

Ansonsten verteidigte er das widersprüchliche Verhalten des Bundeskanzlers in Sachen Waffenlieferungen als verantwortungsvolle Politik im Interesse der Bundesrepublik. Die darf schließlich nicht in den Krieg hineingezogen werden, was offenbar mit der Freigabe von Marder-Schützenpanzern unweigerlich der Fall ist, nicht aber, wenn Gepard-Panzer geliefert werden.

Für die CDU hielt der Bundestagsabgeordnete Johann Wadephul entgegen, dass Deutschland mehr tun müsse, weswegen seine Partei kommende Woche im Bundestag die Freigabe der Marder-Panzer beantragen werde. Wofür es natürlich keine Mehrheit geben wird. Müller lobte Scholz’ Politik, Wadephul die Führungsleistung von Ursula von der Leyen in Sachen EU-Betritt der Ukraine - die EU-Kommissionspräsidentin ist ebenfalls in der CDU. In dieser Hinsicht war alles wie immer.

Allerdings erwies sich der zugeschaltete ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba als echter Gewinn der Talkrunde. Wenn der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk den Berserker gibt, der Deutschland mit immer neuen Forderungen quält, dann muss man Kulaba wohl als echten Fuchs einordnen, der die Kunst der diplomatischen Nadelstiche beherrscht.

So freute er  sich darüber, dass Olaf Scholz nach Kiew gereist war und nahm nach dessen Besuch in Irpin und Butscha prompt einen Haltungswechsel beim Kanzler wahr. In den beiden Kiewer Vororten waren nach dem Abzug der Russen erschossene Zivilisten aufgefunden worden. Scholz hatte sich die Zerstörungen dort gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi zeigen lassen.

Danach hatte er sich wie seine Kollegen, zu denen sich später auch der rumänische Präsident gesellte, für einen EU-Kandidatenstatus für die Ukraine ausgesprochen. Kuleba versicherte, dass er eine „signifikante Veränderung“ an Scholz erlebt habe. Gleichzeitig macht er klar, dass das für die Ukraine in Sachen Wehrhaftigkeit keinesfalls gilt.

Ukraines AußenministerDmytro Kuleba bei Anne Will: Wir kämpfen weiter - auch ohne Waffen aus Deutschland

„Je früher wir also Waffen erhalten, je früher sie gesendet werden, desto größer ist die Hilfe für uns“, sagte er. „ Wenn Waffen später geschickt werden, werden wir nach wie vor ‚danke‘ sagen, aber dann wird viel verspielt sein, viele Menschen werden gestorben sein.“ Wenn sein Land keine Waffen erhalte, erklärte er freundlich, dann heiße das nicht, dass sich die Ukraine eher ergeben werde. „Wenn wir keine Waffen erhalten, in Ordnung, dann werden wir mit Schaufeln kämpfen, aber wir werden uns verteidigen, denn dieser Krieg ist ein Krieg um unsere Existenz.“ Die Regie blendete bei diesen Worten das Gesicht von Michael Müller ein, das in diesem Moment ein bisschen nach Zahnschmerzen aussah.

Einen kleinen Rollenwechsel gab es dann aber doch noch. Eigentlich sind wir Journalisten ja dafür da, die Politik auf ihre Werte hinzuweisen. Christoph Schwennicke vom Cicero wollte das am Sonntag aber nicht übernehmen. Er erklärte im Hinblick auf den EU-Beitritt der Ukraine und auch in Sachen Waffenlieferungen, dass Politik nicht von Moral, sondern von Realität geprägt sein sollte.

Die Sicherheitsexpertin Claudia Major setzte ihm diese Realität sogleich auseinander: Es sei die Interessenlage der EU, dass die Ukraine nach Krieg im geordneten Rechtsrahmen der EU aufgebaut werde, erklärte sie. Zuvor sei es aber auch das Interesse der EU, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinne, welches im Übrigen angegriffen habe.

Nach vier Monaten Krieg sind alle Fronten klar – das Sterben geht dennoch weiter.