Michael Müller: Berlin lässt den Bürgermeister auch in Kalifornien nicht los

Plötzlich gibt es diesen kleinen Moment, ein paar Minuten nur auf der Dachterrasse des Standard-Hotels mitten in Downtown Los Angeles, als Michael Müller selbst diese Fragen aufwirft, die ihn seit Tagen umschwirren. Er ist erst vor zwei, drei Stunden in Kalifornien gelandet, aber schon in einer ganz anderen Zeitzone als Berlin.

Der Abend ist mäßig warm, Müller trägt noch sein Jackett, und es stehen noch nicht allzu viele Menschen bei ihm an dem kleinen Holztischchen, zwischen den blinkenden Lichtern der Hochhäuser rechts und links. Und da sagt er, dass er selbstverständlich darüber nachgedacht habe, ob er jetzt hier sein solle und nicht in Berlin, in der Stadt, die er regiert. Ob er nach all dem, was die letzten Wochen gebracht haben, tatsächlich für ein paar Tage nach Los Angeles fliegen sollte, in die Partnerstadt Berlins zum 50-jährigen Jubiläum dieser Städtefreundschaft.

Relative Gelassenheit

Er formuliert das ganz gelassen, wie eine offene Frage, über die man noch nachdenken könne, was natürlich nicht stimmt, weil er sie ja an diesem Oktoberabend auf einer Dachterrasse in Los Angeles stellt – und sie damit schon beantwortet hat. Also kann diese relative Gelassenheit des Regierenden Bürgermeisters von Berlin wohl nur darauf gründen, dass er für sich ein paar gute Argumente gefunden hat, sich nicht drei Tage lang zu Hause damit zu beschäftigen, das miese Ergebnis seiner SPD bei der Bundestagswahl in Berlin zu betrauern, zweitens die Volksabstimmung für Tegel zu verkraften und drittens seine innerparteilichen „Wir wollen ihn beerben“-Freunde wie Raed Saleh und Franziska Giffey halbwegs in Schach zu halten.

Und zu diesen Argumenten gehört sicher nicht, dass er jetzt hier oben auf den kalifornischen Dächern sitzt und mit seinem Vorgänger Walter Momper (dem Regierenden des Mauerfalls) darüber redet, dass sie als Bürgermeister beide schon Bäume in Los Angeles gepflanzt haben und der von Walter Momper schon um einiges größer und dicker ist, weil das in seinem Fall ja schon ein bisschen länger her ist.

Vielleicht kommt man Müllers Gründen aber ein wenig näher, wenn man ernst nimmt, dass er findet, dass die Bürgermeister der großen Städte diesseits und jenseits des Atlantiks im Gespräch bleiben sollten, wenn schon der amerikanische Präsident den meisten europäischen Staatschefs nicht mehr allzu viel zu sagen hat. Aber das ist auch ein, sagen wir, eher abstraktes Argument für Los Angeles.

Schlechtes Timing der Schöpfung

Die wahren Gründe, die Müller dazu bewegt haben, sich nach Kalifornien aufzumachen, sie treffen an diesem Abend langsam auf der Dachterrasse über Los Angeles ein, sie tragen leichte Anzüge oder ein Kostüm, wollen von ihm unterstützt und beachtet werden, sie versprechen sich etwas von ihm.

Es sind Berliner Unternehmer, Firmengründer, Architekten, Medienleute und Künstler, die in einem Regierenden Bürgermeister einen Vermittler ihrer Interessen sehen. Denen es vergleichsweise egal ist, wie die SPD gerade abgeschnitten hat und wer sich in der Berliner SPD für noch viel besser als Müller hält. Politische Trauer- und Ränkearbeit hilft ihnen nicht so viel, auch die ewige Koalitionskrise interessiert sie nur mäßig. Sie wollen hier schlicht einen demokratisch gewählten Dienstleister, der im Amt ist und was zu sagen hat. Das zeigen sie Müller auch, und das macht den wiederum gelassen. Zumindest in Los Angeles.

Obwohl es besser hätte kommen können. Am Morgen, nachdem er sich noch einmal selbst gesagt hat, dass es richtig ist, hier zu sein, zieht ein Sturm auf. Und zwar kein politischer, sondern ein echter in Berlin. Müller steht in einem alten Fabrikgebäude in Los Angeles und redet vor amerikanischen Unternehmern, als zu Hause von Zehlendorf bis hoch in den Norden von Reinickendorf die Bäume kippen, als „Xavier“ in Berlin und Brandenburg Menschen tötet. Es ist alles Zufall, schlechtes Timing der Schöpfung, aber es ist auch das, was Müller gar nicht gebrauchen kann, nachdem er sich sicher war, hier in Kalifornien richtig zu sein, weil er etwas für seine Stadt bewirken kann.

Gespräche mit den richtigen Leuten

Tapfer und ein wenig in sich gekehrt hält er seine Rede vor den Start-up-Leuten und Digitalisierern von Los Angeles, während seine Pressesprecherin, die vor ihm sitzt, eine Nachricht Müllers an die Welt zu Hause in die Mail-Eingänge schickt. Als Müller also da vorne die wirtschaftliche Zukunft seiner Stadt beschwört, kann man auf dem Handy nachlesen, wie er zeitgleich sein großes Bedauern und die Anteilnahme am Leid der Sturmopfer aussendet. Das Dilemma des Hausvaters auf Reisen ist kompakter nicht zu bekommen. Und die Erwartungen an einen Regierenden Bürgermeister könnten widersprüchlicher nicht sein, an jemanden, der die Stadt nach vorne treibt, indem er mit den richtigen Leuten spricht, wo auch immer – und der sie behütet, stets da ist und sich um die häuslichen Probleme kümmert.

Das ist das Motiv, was ihn immer wieder einholt. Manchmal auch mit einer unfreiwilligen Komik, die fast rührend ist. Müller und der Bürgermeister von Los Angeles, Eric Garcetti, verstehen sich schon lange ganz gut. Garcetti, sehr smart, hat noch einiges vor. Er könnte die Demokraten mal gegen Trump anführen im nächsten Wahlkampf, aber das wollen zwanzig andere Demokraten auch. Jetzt ist er eben der Bürgermeister, und er nimmt den Besuch seines Kollegen aus Berlin sehr ernst.

Müller hat ihm auch etwas Schönes mitgebracht, eine „Lilienthal“-Armbanduhr aus Berlin, die aber, nun ja, den Namen des Berliner Flughafens Tegel trägt. Bingo. Garcetti lässt sie dann auch erstmal auf den Boden fallen; einem Drehbuchschreiber einer Berlin-Komödie hätte man das nicht abgenommen, aber in der Wirklichkeit geht das durch. Wie auch die Fragen nach der Bundestagswahl und der SPD, die Garcetti Müller im vertraulichen Gespräch stellt, und die Müller sicherlich vertraulich beantwortet hat.

Fame to go

Eric Garcetti fährt in diesen Tagen alles auf, womit er Berlin und vielleicht auch Müller beeindrucken kann, fast hat man den Eindruck, dass die Stadtregierung von Los Angeles fünfzig Jahre lang darauf gewartet hat, fünfzig Jahre Städtepartnerschaft zu feiern und neue Geschäfte mit Berlin anzubahnen. Zumindest scheint es hier nicht so, dass irgendwer dem Bürgermeister vorwirft, sich für Internationales zu interessieren und nicht beständig die letzten Wahlergebnisse seiner Partei zu analysieren.

Wahrscheinlich aber ist das alles für Eric Garcetti auch ein bisschen einfacher, weil er Los Angeles nicht mit einem rot-rot-grünen Senat und fünf Monaten Winter regieren muss. Außerdem ist Garcetti so klar von sich überzeugt, wie man es sich als Politiker in Berlin nicht erlauben dürfte. Als Michael Müller im Rathaus von Los Angeles den verwinkelten Weg zum Konferenzraum des Bürgermeisters entlangläuft, Raum Nummer 305 D, geht er am Ende durch einen breiten Gang, der schon wie ein Museum für den doch noch recht jungen Garcetti wirkt. Sieben große Fotos zeigen den Bürgermeister als Held aller Lebenslagen: auf dem Bio-Markt, im Stadion, im Kanu und so weiter und so weiter. Man kommt dann doch ins Vergleichen und findet das manchmal zu kleinspurige Auftreten des Berliner Bürgermeisters plötzlich etwas angemessener.

Garcetti versucht es aber auch mit Müller eine Nummer größer: Er überreicht ihm eine Kachel mit einem roten Stern in der Mitte, mit solch einem schönen Stern, wie sie in Hollywood auf dem Walk of Fame in den Boden eingelassen sind – und die Namen wirklich großer Stars tragen. Man würde jetzt nicht gleich an Michael Müller denken, aber irgendwie passt das Ganze dann doch zu Berlin, denn Müllers Sternenkachel ist gerahmt, man kann sie sich unter den Arm klemmen und mit nach Hause nehmen: fame to go.

Es geht auch um das Klima

Doch das sind Äußerlichkeiten, und sie können kein Grund sein, nach Kalifornien zu fliegen. Natürlich, das Interesse der Unternehmer, deren Suche nach Unterstützung, der Gedanke zwei Metropolen (eine etwas kleinere und eine große) voneinander lernen zu lassen – das sind alles gültige Argumente. Und sie werden auch Koalitionskrisen überleben. Zu verlangen, dass Müller das Repräsentieren sein lässt und sich tagfüllend im Roten Rathaus grämt, ist ja am Ende ohnehin ein wenig kleinlich.

Aber eigentlich will Müller doch mehr, er will ein richtiges Thema. Jenseits von Raed Saleh, Franziska Giffey und Otto Lilienthal alias Tegel. Und hier wird die Sache interessant, aber vielleicht auch gefährlich für Müller.

Interessant wird es, weil das Thema Klimaschutz heißt, denn der wird sich in den Metropolen wie Los Angeles und Berlin entscheiden. Und von den Bürgermeistern dieser Städte erwartet man etwas. Immer wieder ist das Thema da in diesen Tagen, besonders weil US-Präsident Donald Trump den Bürgermeistern nicht nur in den Vereinigten Staaten hier eine unglaubliche Lücke lässt. Auf den Dachterrassen, bei den Abendessen und bei den Treffen mit Start-ups in Kalifornien: Stets geht es auch um das Klima, und zwar um das große und ganze.

Druck in der Klimadebatte

Müller und Garcetti haben den Charme des Themas erkannt und machen das nun zu ihrer Geschichte. Aber wie gesagt, das kann dann auch gefährlich werden, wenn man die eigenen Ansprüche hoch ansetzt. Und da gibt es dann doch in Los Angeles ab und an ein wenig Murren an der Performance der transatlantischen Klimaretter, leise nur und in der zweiten Reihe, aber immerhin.

Da hört man dann, dass auch Michael Müller sich mehr engagieren könnte, so wie viele der sogenannten Klima-Bürgermeister in den Städten weltweit. Und so ein Orkan wie „Xavier“, der bläst dann ohnehin noch einmal mehr Druck in die Debatte über Klima, Wetter und Unwetter. Besonders dann, wenn er eine Schneise durch Berlin legt.

Das Thema also hat Müller zu Hause und in der Welt, immerhin da muss er sich nicht entscheiden. Am Sonntagabend wird er wieder in Tegel landen. Seine Berlin-Werber haben in Los Angeles mit einem Zitat von Mark Zuckerberg die Dynamik und die Veränderungslust der deutschen Hauptstadt belegen wollen. „Berlin ist nur zu einem Prozent komplett, so wie Facebook“, hatte Zuckerberg gesagt. Schöner Spruch, so oder so: Ab Montag wird sich auch Michael Müller wieder mit dem unfertigen Berlin beschäftigen dürfen.