Berlin -  Einmal, so erzählt es Michael Succow, da hätte die SED ihn beinahe in ihre Arme geschlossen, so fest, dass er sich womöglich nicht mehr hätte lösen können. Es war Anfang der 70er-Jahre. Succow gehörte in der DDR schon früh zu den sehr wenigen Umweltschützern. Doch nun musste er als Bodenkundler in einem sogenannten Meliorationskombinat in Bad Freienwalde arbeiten. Er, der die Natur doch eigentlich bewahren wollte, der groß geworden war als Bauernsohn im Nordosten Brandenburgs und die Landschaft dort liebte, musste sie zerstören und auf Geheiß des Staates Moore trockenlegen. Eigentlich eine Art Strafversetzung nach dem Biologiestudium, wo er als Unterstützer des Prager Frühlings in Ungnade gefallen war. Aber aus Sicht der Partei hatte er sich in der Zwischenzeit bewährt. Ein älterer Arbeitskollege habe ihm berichtet, dass auf einer Sitzung über ihn gesprochen worden sei. Den Succow, den müsse man aufnehmen, habe es da geheißen, damit er Karriere machen könne.

Succow war Anfang 30, seine Töchter waren klein, das Leben lag vor ihm. Er hätte die Chance ergreifen können. Aber das Leben, das eine Karriere nach den Maßstäben der SED mit sich gebracht hätte, das wollte er nicht. Er nutzte einen klassischen Trick, zu dem der Kollege ihm geraten hatte: fuhr in die Stadt, ging ins Büro der liberalen Blockpartei LDPD und bat dort um Aufnahme und um Rückdatierung des Antrags. Als er wenig später von der SED zum Gespräch eingeladen wurde, da konnte er die Aufnahme unter Bedauern ablehnen, er habe sich schon vor einem halben Jahr anders entschieden. Succow blieb am Rand der sozialistischen Gesellschaft. Und er sollte erst Jahre später die Möglichkeit bekommen, aus dieser Position heraus viel mehr zu bewirken, als er je für möglich gehalten hätte.

Succows Werk sollte man erleben

80 Jahre alt wird Michael Succow, einer der bedeutendsten Umweltschützer in Deutschland, ein Moorexperte von Weltrang, an diesem Mittwoch. Wenn man ermessen möchte, was er in seinem Leben erreicht hat, dann muss man aber keine dicken Bücher lesen. Am besten unternimmt man eine kurze Reise von Berlin in eine beliebige Himmelsrichtung. Etwa nach Norden, in die Schorfheide mit ihren tiefen Buchenwäldern und den klaren Seen, wo Adler und Otter leben. Oder nach Süden, in die Sächsische Schweiz mit ihren bizarren Felsen und den wilden Schluchten. Oder nach Westen, in den Harz, der Stück für Stück wieder zu der Wildnis wird, die er einmal war.

Sie sind streng geschützt. Es war der letzte Beschluss in der letzten Sitzung der letzten DDR-Regierung kurz vor der Wiedervereinigung 1990: 4882 Quadratkilometer der untergehenden DDR wurden auf einen Schlag unter Naturschutz gestellt. Immerhin knapp 4,5 Prozent des damaligen Staatsgebietes, heute sind sie sogar auf knapp zehn Prozent erweitert. Es sind 14 Großschutzgebiete, darunter fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate, drei Naturparks. Wesentlicher Initiator: Michael Succow. Das Nationalparkprogramm der DDR war sein frühes Vermächtnis – und der Beginn eines fast ebenso erstaunlichen Wirkens nach der Wiedervereinigung. Aber wie kommt ein Mensch überhaupt in die Lage, nicht nur plötzlich Macht zu erhalten – sondern sie auch nutzen zu können?

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Die Schorfheide, 1990 als Biosphärenreservat unter Schutz gestellt

Besuchen kann man Michael Succow in diesen Tagen nicht, um ihn zu fragen, also ruft man ihn in seinem Haus am Rand von Greifswald an. Die Themen des Gesprächs hat er sich vorab schicken lassen, um sich schon mal seine Gedanken zu machen, und zum Anfang stellt er selbst die Fragen. Wie alt ist der Anrufer, woher stammt er? Unter 50 und aus dem Westen? Dann erklärt er manche Dinge lieber ein bisschen ausführlicher. Und fängt mit seinen Freunden an.

Die Natur stand für Michael Succow von klein auf im Mittelpunkt

Einige von ihnen erlangten später Bekanntheit, als das SED-Regime fiel. Aber es geht Succow nicht um die Namen. Es geht ihm um den Zusammenhalt. „In der DDR zu bestehen, das verlangte für mich eine sehr gute Einbindung in einen Kreis von Menschen, die es auch so sahen, dass dieses System nicht im Mittelpunkt der Welt stand.“ Der Mittelpunkt der Welt, das war für Succow von klein auf die Natur, die er studierte.

Als Kind schrieb er Tagebuch um Tagebuch voll mit den Beobachtungen, die er bei seinen Streifzügen und beim Schafehüten sammelte – Notizen aus einer Kulturlandschaft, die es inzwischen nicht mehr gibt, Succow hat ihre Vernichtung zugunsten der Agrarindustrie im Film „Lüdersdorf darf nicht sterben“ dokumentiert. Schon in den ersten Semestern seines Biologiestudiums konnte er die mehr als 2000 Pflanzen auf dem Gebiet der DDR bestimmen. Und als junger Familienvater fuhr er mit Kindern und Freunden in die entlegensten Winkel der Republik. Die Kleinen spielten, er botanisierte, tauchte, kartierte.

Es war Liebe zur Natur, die ihn antrieb, sagt Succow. „Aber es war auch ein ausgeprägtes Wissenwollen, um die Natur zu verstehen, um sie zu schützen. Was sind das für Arten, wie hängen sie zusammen?“

„Succow hatte einen goldenen Blick für den Wert von Landschaften“

Aber wohin mit so viel Wissen, das offizielle Stellen wenig scherte, die sich Wandel und Fortschritt verpflichtet fühlten und nicht Schutz und Erhalt? Succow erarbeitete sich Freiheiten, durfte in staatlichem Auftrag in ferne Bruderländer wie die Mongolei und Äthiopien reisen, um dort zu forschen und zu beraten. Und er fand seinen Platz in der Gesellschaft für Natur und Umwelt, Teil des Kulturbunds der DDR, einer der größten Massenorganisationen der Republik. Hier konnte er publizieren, hier traf er auf weitere Gleichgesinnte. Matthias Freude war einer von ihnen, der spätere Präsident des Landesumweltamts in Brandenburg. „Succow hatte damals schon etwas, was nur wenige haben: einen goldenen Blick für Landschaften“, sagt er. „Er kann sofort sagen, ob ein Gebiet ökologisch hochwertig ist. Andere fertigen dafür erstmal Dutzende Gutachten an und schreiben Tausende Seiten.“

Es gibt das Bild von der späten DDR als einem ökologischen Sanierungsfall. Geschundene Landschaften, mit Schadstoffen belastet. Falsch ist es nicht, aber eben auch nur ein Teil der Wahrheit. Genauso gab es Landschaften und Regionen, die wenig Druck ausgesetzt waren. Weil die Landstriche dünner besiedelt sind als in den meisten anderen Regionen Deutschlands, weil das Kapital fehlte für die touristische oder agrarindustrielle Erschließung – oder weil der Staat einfach niemandem Zutritt gewährte und riesige Flächen fürs Militär, für die Jagd oder für die Sicherung der Grenze reservierte.

Klaus Töpfer: „Die DDR-Umweltschützer hatten einen Blick fürs Ganze“

Klaus Töpfer war Umweltminister der Bundesrepublik zur Wendezeit. Noch 1989 lud er Succow ein, nachdem der mit anderen Umweltschützern in einer Fernsehsendung aufgetreten war. Töpfer erinnert sich gut an diese erste Begegnung in Bonn. „Wir hatten im Ministerium damals Abteilungen und Experten für alles Mögliche“, erzählt er. Aber was Succow und seine Begleiter vielen seiner Fachleute vorausgehabt hätten, das sei das Denken in Zusammenhängen gewesen. „Mit denen konnte man an einer Allee irgendwo in Brandenburg anhalten, und dann erklärten sie einem, was da alles lebte und welche Schönheit sich im Verborgenen bot.“

Foto: Imago images/Revierfoto
Zur Person

Michael Succow wurde 1941 in Lüdersdorf geboren als Sohn von Landwirten. Er studierte in Greifswald Biologie. Danach arbeitete er in einem Meliorationskombinat und ab 1974 an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR. 1986 wurde Succow Abgeordneter der Volkskammer für die Blockpartei LDPD - er sollte dort die Gründung eines Umweltausschusses vorbereiten. 1990 war er kurzzeitig stellvertretender Umweltminister der DDR. Danach nahm er eine Professur an der Universität Greifswald an und gründete 1999 mit dem Preisgeld des Alternativen Nobelpreises die Michael Succow Stiftung. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen der Moor- und Naturschutz.

Töpfer gab den Männern einen Rat und ein Versprechen mit auf den Rückweg in die DDR. Dass sie politische Verantwortung übernehmen sollten. Und dass er sie unterstützen würde. Neben Succow nahm noch einer seiner Begleiter den Rat an: Matthias Platzeck, späterer Ministerpräsident in Brandenburg.

Succow bekam wenige Wochen später die Möglichkeit, in die Regierung einzuziehen. Er hatte da bereits politische Erfahrung, dreieinhalb Jahre in der Volkskammer für die LDPD. „Ich war da ein Exot“, sagt Succow. Und dass am Ende sogar die SED-Abgeordneten zu ihm gekommen seien, um fachkundigen Rat zu Umweltschäden einzuholen.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: Bundesstiftung Aufarbeitung 

Succow und seine Leute zogen im Ministerium in die Stasi-Etage

Nun sollte er die Naturschutzabteilung im Umweltministerium aufbauen. Succow bekam die frühere Stasi-Etage, wo noch die Abhörkabel aus den Wänden hingen. Er bekam auch eine Sekretärin. „Und ich konnte Leute einstellen.“ Und das tat er. „Bunte Vögel“ nannten die Ministerialbeamten ihre neuen Kollegen aus der Umweltbewegung. „Krähen“, gaben die zurück – weil alle in dunklen Anzügen herumliefen. Es seien trotzdem Freundschaften entstanden, erinnert sich Matthias Freude. „Die haben gemerkt, wie hart wir arbeiten. Keiner ist nach weniger als zehn Stunden rausgegangen.“

In wenigen Wochen stellten Succow und seine Leute ein Naturschutzprogramm auf die Beine, das in der Bundesrepublik professionelle Lobbys vermutlich im Keim erstickt hätten. Doch solchen Widerstand gab es in der späten DDR nicht. „Succow hat die Gunst des Umbruchs geradezu genial genutzt“, sagt Töpfer. „Ich hatte hohen Respekt vor ihm.“

Die DDR-Umweltschützer stützten sich nicht auf Studien und Literatur, die gab es eh nicht. Stattdessen verließen sie sich auf ihr Wissen und das ihrer Mitstreiter im Land. Ende März beschloss die Regierung Modrow das Nationalparkprogramm auf ihrer letzten Sitzung. Es wurde einer der wenigen Beschlüsse, an dem die nachfolgende, demokratisch gewählte Regierung von Lothar de Maizière festhielt.

In ähnlich aberwitzigem Tempo arbeiteten die Umweltschützer in den folgenden Monaten die Details des Nationalparkprogramms aus. Töpfer hielt sein Wort und schickte Juristen zur Unterstützung. Succow aber verließ das Ministerium schon nach einigen Wochen  wegen eines tiefen Zerwürfnisses mit dem neuen CDU-Umweltminister wieder. Eine Niederlage? Jedenfalls kein Triumph. Aber er hatte seinen Impuls gegeben und fing etwas Neues an.

Die Succow-Stiftung bleibt in der Hand der Familie

1992 folgte Succow dem Ruf der Universität Greifswald, übernahm den Lehrstuhl für Botanik und Landschaftsökologie. Die Hochschule wurde für ihn zur Basis, um in Ostdeutschland, immer mehr aber auch in Osteuropa und Asien, Naturschutzprojekte zu initiieren. 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis und nutzte das Preisgeld, um seine eigene Stiftung aufzubauen. Spezialgebiet: Moorschutz. Lange Zeit war das ein Nischenthema. Nur Fachleuten war die Dimension klar: dass Moore gigantische Speicher von Wasser und Kohlendioxid sind. Und dass es in der Zukunft von dem einen zu wenig und von dem anderen zu viel geben wird.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Bewirtschaftung eines wiedervernässten Moores bei Anklam – auch hier forscht die Succow-Stiftung.

Inzwischen arbeiten mehr als dreißig internationale Wissenschaftler für die Succow-Stiftung, den Vorsitz des Stiftungsrats hat kürzlich Succows Tochter Kathrin übernommen. Persönlich könnte er wohl zufrieden sein mit dieser Bilanz. Aber ob es für den Planeten reicht, was er und andere bewirkt und angestoßen haben, das erscheint ungewiss. „Die Natur kennt keine Belobigung, die Natur kennt keine Strafe, die Natur kennt nur Konsequenzen“, sagt Michael Succow. „Und die stehen jetzt vor uns, diese Konsequenzen.“ Es bräuchte viel stärkeres Ordnungsrecht, ist er überzeugt, um den Raubbau an der Natur und an den Lebensgrundlagen der Menschheit zu ändern.

Aber zuvorderst brauche es Menschen, die das wollen. Und die gäbe es mit der Fridays-for-Future-Bewegung. Für Michael Succow ist es ein Déjà-vu. „Es erinnert mich ganz vieles an die Zeit der Wende. Kein Prognoseinstitut, keine Partei hat diese Bewegung vorausgesehen. Sie ist entstanden aus einem völlig unerwarteten Zusammenspiel.“

Er vertraue auf die Vernunft der jungen Leute, sagt Michael Succow zum Abschied. Er war ja schließlich selbst mal einer von ihnen und hat erlebt, dass es plötzlich möglich werden kann, Berge zu versetzen.