Berlin - Michael Wolffsohn wurde am 17. Mai 1947 in Tel Aviv geboren. 1954 kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. 1967 bis 1970 diente er in der israelischen Armee. Von 1981 bis 2012 lehrte Michael Wolffsohn Neuere Geschichte in München an der Universität der Bundeswehr.

Er erbte die von seinem Großvater Karl Wolffsohn gegründete Gartenstadt Atlantic im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen. Mit seiner Familie hat er sie, sein Vermögen riskierend, von 2001 bis 2005 saniert. Heute steht die mehrfach ausgezeichnete Wohnanlage unter Denkmalschutz und ist ein gemeinnütziges, deutsch-jüdisch-türkisch-interkulturelles Kultur- und Integrationsprojekt.

Sein neuestes Buch „Deutschjüdische Glückskinder: Eine Weltgeschichte meiner Familie“ (432 Seiten, 14 s/w Fotos, 26 Euro) ist gerade bei dtv erschienen. Ein Anlass, mit ihm über deutsche Juden nach 1945 zu sprechen. Ich traf Michael Wolffsohn im Café Lichtburg im Mikrokosmos Gartenstadt Atlantic.

Sie waren der erste Jude, der mir erklärte: Ich bin deutscher Jude. Das war vor 35 Jahren.

Ich war schon in Israel ein deutscher Jude. Meine Eltern waren beide deutsche Juden. Auch meine Großeltern. Zu Hause wurde deutsch gesprochen. Hebräisch lernte ich auf der Straße von meinen Spielkameraden. In Tel Aviv lebten die urbanen Juden. Sie galten in den Augen der damals herrschenden zionistischen Ideologie, die den wehrhaften landwirtschaftlichen Pionier propagierte, als Israelis zweiter Klasse. Dann noch die Auswanderung aus Israel - das war schon fast ein Kainsmal.

Mit dem kamen Sie nach Deutschland in eine jüdische Gemeinde, die sich ihres Status keineswegs sicher war.

Man muss da unterscheiden. Heinz Galinski, der erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins, mein langjähriger Gegner, vor dem ich heute große Achtung habe, hatte schon 1950 gegen den Widerstand sowohl der israelischen Regierung als auch der Jewish Agency erklärt, „dass wir uns nicht vorschreiben lassen, wo wir zu leben hätten.“ Das war revolutionär und unglaublich mutig.

Was war mit den anderen deutschen Juden?

Es gab keine mehr. Gerade mal etwa 3000 hatten in Deutschland den Holocaust überlebt. Die Juden, die damals in Deutschland lebten, waren aus dem Osten gekommen. „Displaced Persons“  – in der Hochphase waren das kurz nach Kriegsende mehr als eine halbe Million Menschen. Von denen blieben etwa 30.000 hier. Sie bildeten nach dem Krieg die Mehrheit der Juden in Deutschland. Das waren keine deutschen Juden. Sie wurden erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte heimisch, doch Deutschland nie ihre Heimat. Es ist kein Wunder, dass Sie kaum einen kannten, der erklärte, er sei deutscher Jude.

Sie waren nicht nur in Tel Aviv geboren, sondern Sie waren auch Israeli.

Das zionistische Ideal des stolzen und wehrhaften Juden hatte mich, obwohl ich schon 1954 nach Berlin kam, sehr geprägt. Ich hatte niemals das Gefühl, mich bei irgendjemandem entschuldigen zu müssen. Das war ein Stück nicht nur Wolffsohnschen, sondern eben auch israelischen Selbstbewusstseins. Wir waren keine typischen Diasporajuden. Jedenfalls nicht so, wie die zionistische Propaganda sie zeichnete und wie ich sie immer wieder antraf. Wir duckten und versteckten uns nicht. In der ersten Nachkriegszeit war das dominante diasporajüdische Verhalten ganz anders. Es hieß: nur nicht auffallen. Jude war man in der jüdischen Gemeinde, in der jüdischen Gemeinschaft. Nicht in der Öffentlichkeit.