Washington - Worte wie Pastellfarben – überall. Die eine Frau zeichnet ihren Mann weich, die andere Frau zeichnet ihre Freundin weich. In den letzten Tagen vor der Wahl in den USA haben Republikaner wie Demokraten ihre Bemühungen um die Gunst der Wählerinnen noch einmal verstärkt. Melania Trump versucht, ihren Mann Donald zu verkaufen. Michelle Obama legt sich für Hillary Clinton ins Zeug. Ob sich die Frauen in den USA davon beeindrucken lassen, ist ungewiss. Doch eine Siegerin in dem Fernduell zwischen der potenziellen First Lady und der amtierenden First Lady gibt es schon.

Gleich wird ein ehemaliges Fotomodell auf die Bühne der Fußball-Halle von Berwyn kommen. Ein paar Hundert Anhängerinnen und Anhänger des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump sind schon ganz aufgeregt und bringen sich mit Sprechgesängen in Stimmung. „Sperrt sie ein, sperrt sie ein“, rufen sie. Sie meinen freilich damit nicht die Frau mit hellbraunem Haar, die kurz vor ihrem Auftritt steht. Sie meinen die politische Gegnerin ihres Mannes.

Dann stellt sich – in die letzten Töne des Lieds „Aquarius“ aus dem Hippie-Musical „Hair“ hinein – Melania Trump ans Rednerpult, räuspert sich, sagt höflich „Danke“ für den Applaus und beginnt einen Lobgesang auf ihren Donald. Die 46 Jahre alte gebürtige Slowenin – sie wäre übrigens die erste im Ausland geborene First Lady seit fast 200 Jahren – sagt den Leuten, was sie hören wollen. Für sie sei Amerika schon immer ein Sehnsuchtsort gewesen. Schon damals, als sie zehn Jahre alt war und in einem kleinen Städtchen im kleinen Slowenien aufwuchs, habe sie die Nachricht von der Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten fasziniert, sagt sie. Ein halbes Dutzend slowenischer Journalisten ist angereist. Einer murmelt, Melania Trump, damals noch Melanija Knavs, habe offenbar schon in jungen Jahren die Weltpolitik verfolgt.

„Da waren viele Visa-Anträge“

Amerikanerin sein zu dürfen, das sei ein Privileg. Sie habe nach ihrer Ankunft in den USA zehn Jahre lang zielstrebig darauf hingearbeitet, US-Staatsbürgerin zu werden: „Da waren viele Visa-Anträge.“ Melania Trump spricht immer noch Englisch mit starkem slawischen Akzent, aber die Botschaft kommt an. Sie will sagen, dass Ausländer in den USA willkommen sind, solange sie nicht illegal im Land leben. Das ist in gewisser Weise die in nettere Worte verpackte Botschaft, die Donald Trump im Wahlkampf in Kurzform so verbreitet: Illegale raus den USA, Flüchtlinge erst gar nicht rein in die USA.

Melania Trump spricht 16 Minuten lang. Ihre Rede wird beklatscht, wie die beim Nominierungsparteitag der Republikaner. Da wurde sie auch bejubelt, aber hinterher stellte sich heraus, dass Teile der Ansprache abgeschrieben waren – ausgerechnet bei Michelle Obama. Der Spott war Melania Trump gewiss. Monatelang ist sie danach Wahlkampfveranstaltungen ferngeblieben.

Doch seit Anfang Oktober ist sie wieder öfter in der Öffentlichkeit zu sehen. Sie muss ins Fernsehen, um ihren Mann zu verteidigen, als ein Video auftaucht, in dem Trump sich damit brüstet, dass ihm die Frauen praktisch zu Füßen liegen, weil er ein Star sei. Er könne ihnen sogar an die Geschlechtsteile greifen. Melania Trump sagt in Interviews, ihr Mann sei nicht so nicht, wie das Video ahnen lasse. Er sei dazu angestachelt worden, wie ein dummer Junge zu reden. Außerdem handle es sich bei der ganzen Angelegenheit vielleicht um ein Komplott der Medien und des Wahlkampfteams von Donald Trumps Konkurrentin.

Die Sache mit dem Video

In der Fußballhalle von Berwyn verliert Melania Trump kein einziges Wort über die Sache mit dem Video. Das Ex-Modell spricht lieber davon, dass ihren Mann konstant die Sorge um die Probleme der kleinen Leute umtreibe. Und als gebe es in ihrem Leben keinen Dauer-Twitterer Donald Trump, der in seinen Posts Unflätigkeiten verbreitet, warnt Melania Trump in allgemeinen Worten vor den Gefahren des Cyber-Mobbings. Der Jugend müsse wieder beigebracht werden, amerikanische Werte zu schätzen: „Unsere Gesellschaft ist zu gemein und zu ruppig geworden.“ Dass ihr Mann womöglich einen Anteil daran hat, darüber spricht sie nicht. Sie sagt lieber, dass sie als First Lady im Weißen Haus „eine Anwältin der Frauen und Kinder“ sein werde.

Der Auftrittsort der Gattin des Möchtegern-Präsidenten und New Yorker Immobilienmilliardärs ist sorgsam ausgewählt. Berwyn liegt im Schatten der Millionenstadt Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania, einem der besonders umkämpften Staaten im Land. Wer hier gewinnt, ist dem Wahlsieg ein großes Stück näher gekommen. Wer hier verliert, hat nur geringe Chancen, ins Weiße Haus einzuziehen. Und Donald Trump liegt derzeit in Pennsylvania hinter Hillary Clinton. Nach Umfragen sind es vor allem die Frauen im Staat, die vielleicht nicht für Clinton, aber gegen Trump sind. Da erscheint die Ehefrau als Fürsprecherin als so etwas wie die letzte Hoffnung.