Der neue Ruhm und die überschwänglichen Lobpreisungen für ihr Marilyn-Monroe-Porträt machen sie eher noch schüchterner, als sie schon ist. Lange hat es gedauert, bis Michelle Williams, 31, in einer vielbeachteten Nebenrolle in „Brokeback Mountain“ Profil gewann und mit Filmen wie „Shutter Island“ und „Blue Valentine“ zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen ihrer Generation wurde.

Fiel es Ihnen schwer, einen intimen Zugang zu dieser übergroßen Kino-Legende zu finden?

Zu Beginn der Vorbereitungen auf die Rolle hatte ich schon sehr große Zweifel, ob ich mich der wahren Marilyn Monroe auch würdig erweisen würde. Und auch noch während der Dreharbeiten musste ich mich täglich dazu zwingen, nicht davon zu laufen. Das Schwierigste war, mich davon zu überzeugen, dass ich sie überhaupt spielen kann. Irgendwann habe ich dann meine Angst zum Glück überwunden. Für mich war Marilyn Monroe in erster Linie nicht das Sex-Symbol oder der Hollywood-Star, sondern eine wunderschöne und sehr sensible junge Frau, die meist ziemlich verzweifelt versucht hat, mit dem Leben klarzukommen. Ich glaube auch, dass sie im Grunde ihres Herzens einsam war. Ich habe versucht mich ihr von innen zu nähern.

Also keine Marilyn-Monroe-Filme, Biografien, Dokumentationen, „Happy Birthday, Mr. President“-Nachrichtenclips aus dem Internet?

Doch, doch, natürlich. All das und noch viel, viel mehr. Am interessantesten fand ich dabei die Erinnerungen von Colin Clark in „The Prince, the Showgirl and Me“, die ja als Vorlage zu unserem Film „My Week With Marilyn“ dienten. Und Marilyns Tagebuch, in dem sie sich auch über die Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ geäußert hat. Außerdem half es natürlich sehr, dass wir in den Pinewood Studios bei London drehten, wo auch der Originalfilm entstand. Ich war in Marilyns alter Garderobe untergebracht und wohnte im Parkside House, dem Anwesen, in dem sie damals auch wohnte. Aus diesen vielen Eindrücken habe ich versucht, meine ganz persönliche Marilyn herauszufiltern.

Marilyn Monroe hat sich sehnlichst gewünscht, dass man sie als Frau sieht – und nicht immer nur als Film-Star. Wie ist das bei Ihnen? Gibt es zwischen dem Filmstar Miss Williams und der Privatperson Michelle Unterschiede?

Nein, ich splitte mich nicht in verschiedene Persönlichkeiten auf. Das wäre mir viel zu anstrengend. Wenn ich eine Rolle spielen will, dann mache ich das in einem Film. Im wirklichen Leben versuche ich immer, Michelle zu sein, ob jetzt im Gespräch mit Ihnen, bei meinen Freunden, in einer Liebesbeziehung – einfach immer. Denn ich will ja, das mich mein Gegenüber wirklich kennenlernt und nicht etwa ein gekünsteltes Image von mir.

Stimmt es, dass Ihnen im sexy Marilyn-Outfit während der Drehpause Männer nachgepfiffen haben…

… und ich vor Scham rot wurde? Das werde ich wohl nie vergessen! Auch weil es das erste Mal in meinem Leben war, dass mir Männer nachgepfiffen haben. Normalerweise nimmt man mich auf der Straße, in der U-Bahn oder in einem Restaurant nicht als Sex-Symbol wahr. Es war schon ziemlich verrückt, als das plötzlich passierte. Ich fühlte mich wie elektrisiert. Aber das war ja nicht ich, sondern Marilyn.

Will man als Filmstar nicht bewundert werden?

Ich sehe mich gar nicht als Filmstar. Ich bin Schauspielerin. Bewunderung und Ruhm sind mir eigentlich immer sehr suspekt gewesen. Ich habe schon viele Leute genau daran zerbrechen sehen. Mir könnte das, glaube ich, nicht mehr passieren.

Warum nicht?

Weil ich nicht allein auf der Welt bin. Ich habe eine sechsjährige Tochter, die mich braucht und für die ich da bin. Das gibt mir täglich Lebensfreude und Kraft. Das Wohl meiner Tochter Matilda steht bei mir an allererster Stelle. Und bisher habe ich auch als alleinerziehende Mutter Beruf und Privatleben ganz gut vereinbaren können.

Obwohl Sie nach dem Tod von Heath Ledger (der Schauspieler, der 2008 starb, ist der Vater ihrer Tochter) in ein tiefes Loch gefallen sind …

… aus dem ich mich sehr langsam wieder ausgegraben habe. Sein Tod war eine furchtbare Tragödie. Alles war schwarz. Aber mit der Zeit hat das Leben wieder an Farbe gewonnen. Ich spüre, wie sich seit einiger Zeit etwas in mir verändert hat: Ich habe jetzt viel mehr Zuversicht und Selbstvertrauen als früher. Ich scheine langsam – mit über 30 – meine innere Balance tatsächlich gefunden zu haben.

Vor einiger Zeit hat sich Ihre Kollegin Lindsay Lohan für den Playboy nackt in den berühmten Marilyn-Monroe-Posen ablichten lassen. Finden Sie das sexy?

Nein, ich hoffe nur, dass es im Leben von Lindsay Menschen gibt, die sich gut um sie kümmern.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, nicht in den Sex- und Drogensumpf abzugleiten?

Gute Frage. Durch eine bodenständige Erziehung, die mir Werte und Maßstäbe vermittelt hat, die nicht so oberflächlich sind. Dann durch harte Arbeit. Ich habe weit über 20 Filme gemacht. Und es gab immer Menschen in meinem Leben, die mich liebten und versucht haben, mich zu verstehen. Und die mir zur Seite standen, wenn es mal hart auf hart ging. Und natürlich gehört auch viel Glück dazu.

Das Gespräch führte Ulrich Lössl.